"POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG"
Fallbeispiel Angst in engen Räumen (Klaustrophobie) (1.12.2009)

K.B, 50 Jahre leidet seit vielen Jahren unter Ängsten: wenn es eng wird, wenn sie nicht jederzeit aussteigen kann, wenn sie nicht kontrollieren kann was geschieht.
Sie meidet Fahrstuhl, U- und S-Bahn, Bus und Trambahn.
Sie selbst vermutet einen Zusammenhang mit einem Autounfall vor 33 Jahren: der Wagen überschlug sich, sie hatte keine Erinnerung und wachte erst auf der Intensivstation wieder auf.


Aufstellung
Für den Unfall stellt sie einen Stuhl auf, frontal in ca. 5 Meter Entfernung. Ihr "unbeschwertes" Selbst stellt sie links von sich, abgewandt in ca. 2 Meter Entfernung, das "kindliche" Selbst steht rechts, ca. 1 Meter entfernt, ihr zugewandt.
Als ich probeweise einen Paravent zwischen sie und den "Unfall" stellte, war ihr das unbehaglich. Sie hat das Gefühl, den Unfall nicht aus den Augen lassen zu dürfen - so als müsse sie ihn kontrollieren, als könne sie so eine Wiederholung verhindern?

Hypothese: Der Unfall und der Schock haben zu einer Abspaltung von Selbstanteilen geführt, sie hat noch nicht alle Selbstenergie zurück. Das verbindet sie noch mit dem Unfall, sodass sie ihn nicht vergessen kann. Die fehlende Distanz um Unfall bzw. die emotionale Nähe zu ihm verstärkt ihre ständige Angst, dass sich das Gleiche wiederholen könnte, ein Teufelskreis!! Sie glaubt, einen erneuten Unfall durch Kontrolle verhindern zu können.

Lösungsprozess
Zunächst wendet sie sich dem Selbstanteil zu, der sich "frei und unbeschwert" fühlen darf. Das scheint ihr gefährlich, sie könnte in ihrer Kontrolle nachlassen! So als läge es in ihrer Macht, ihr Schicksal zu lenken!
Zum "kindlichen" Selbst ist es viel leichter Kontakt aufzunehmen.

Ich stelle einen Stuhl auf für das "Schicksal". An dessen Platz fühlt sie sich warm und sicher.
"Das ist nicht dein Platz! Manches kann man ändern, aber es bleibt ein Rest der unvermeidbar ist. Vor diesem Unvermeidbaren verneige dich mit den Worten: ich verneige mich vor meinem Schicksal, wo immer es mich hinführt, ich stimme dem zu."
"Das genau fällt mir so schwer!"
Nach einer inneren Überwindung kann sie sich vor dem Schicksal verneigen und die Sätze sagen.
Nun kann sie sich mit dem Selbstanteil verbinden, der sich "frei und unbeschwert" fühlt!
Zum "Unfall" haucht sie alle "Schockenergie" zurück, die sie noch im Körper gespeichert hatte. Und von mir lässt sie sich die "Energie" zurück hauchen, von der sie sich beim Unfall getrennt hatte.
Nun kann sie ihre Selbstanteile wieder zu sich nehmen. Sie fühlt sich ruhig, sicher, ausgeglichen.
Sie achtet gar nicht mehr auf den Unfall, kann ihn hinter dem "Paravent des Vergessens" verschwinden lassen!

Kommentar
Dies ist das erste Mal, dass ich eine posttraumatische Phobie mit den Mitteln der Systemischen Selbstintegration untersucht und zu lösen versucht habe.

Auffallend war, dass die Dynamik sichtbar wurde, welche die Phobie aufrecht erhält: Meine Hypothese: Zentral ist die Illusion, durch die Verbindung mit dem Trauma verhindern zu können, das es sich wiederholt. Genau diese Illusion ist es, welche verhindert, dass das Trauma vergessen werden kann, die bewirkt, dass die damit verbundenen Ängste virulent bleiben. Diese Dynamik hält die Abspaltung des gesunden Selbstanteils aufrecht. Auf diese Weise kann eine Phobie sich 30 Jahre lang erhalten!

Anders als bei meiner üblichen Vorgehensweise überprüfte ich nicht, ob die Klientin mit dem Trauma identifiziert, bzw. besetzt war - das war für mich offensichtlich! - um eine Retraumatisierung zu vermeiden. Aus dem gleichen Grund verzichtete ich darauf, das übliche Abgrenzungsritual gegenüber dem Trauma vollziehen zu lassen.
Noch habe ich keine Rückmeldung!