Prozessorientierte Systemaufstellung (Fortsetzung 1)
Ablösung als Drei-Schritte-Prozess

Ablösung ist offenbar nur möglich, wenn ein Kind zuvor als Kind bei den Eltern angekommen ist. Dies Ankommen wiederum erfordert, dass eine etwaige Verschmelzung gelöst ist, dass das Kind sich den Eltern nahe und gleichzeitig getrennt erleben konnte. Ablösung, so scheint es, kann nur gelingen, wenn diese drei Schritte in dieser Reihenfolge vollzogen sind: Lösen einer Verschmelzung mit den Eltern, Ankommen bei den Eltern und Ablösung. Dieser Prozess hat seine innere Logik und Klarheit.


Die blockierende und verwirrende Rolle der Bewältigungsstrategien

Die genannten Strategien des Kindes - Stellvertretung fehlender Personen, Tragen für die Eltern, Verschmelzung - und die damit verbundenen Beziehungserfahrungen zu den Eltern werden zu einem Modell, das die eigenen späteren Beziehungen, die Wahl des Partners und den Verlauf dieser Beziehungen bestimmt. So wie man als Kind glaubte, den Eltern fehlende Personen zu ersetzen oder das Schwere abnehmen zu müssen, oder mit ihnen verschmelzen zu sollen, so macht man das auch mit dem Partner - gelernt ist gelernt! Das Selbstbild, die Einstellungen, die Wahrnehmung des Klienten wird durch diese Strategien geprägt, das erschwert die Entwicklung eines stabilen Ich-Kernes und damit einer belastbaren ebenbürtigen Partnerschaft.


Die prozessorientierte Systemaufstellung als diagnostisches und therapeutisches Instrument

Das Aufstellungsbild der Familie durch Stellvertreter macht das Beziehungsgefüge der Familie mit seinen Verwerfungen deutlich. Dabei spiegeln die Stellvertreter, entsprechend dem Phänomen von Übertragung und Gegenübertragung, die Gefühle der Personen wieder, die sie vertreten. Der Klient, in einer leichten Trance erlebt so die kindlichen Beziehungskonflikte wieder.
Die "Eltern" (Stellvertreter) blicken oft nicht zu den Kindern, sondern nach außen, als ob dort eine Person fehlte, von der sie sich nicht verabschieden oder ablösen konnten. Manchmal sind die "Eltern" zwar den Kindern zugewandt, aber blicken sie nicht an, schauen quasi durch sie hindurch, spüren keinen Kontakt. So als könnten sie in den Kindern nicht ihre Kinder sehen, so als verwechselten sie die Kinder mit fehlenden Personen. Wenn der Leiter nun diese fehlende Person dazustellt, in Blickrichtung der "Eltern", spüren meist alle Stellvertreter eine Entlastung.


Der Lösungsprozess der "Eltern"

Nachdem die "Eltern" sich von den fehlenden Personen - verstorbene Angehörige, nicht geachtete Eltern - durch geeignete Rituale verabschiedet oder abgelöst haben, fühlen sie das Bedürfnis, sich den Kindern zu zuwenden. Der Klient nimmt nun seinen Platz im Aufstellungsbild ein. Er erlebt, vielleicht zum erstenmal, dass die "Eltern" ihn an seinem Platz als Kind wahrnehmen.


Der Lösungsprozess des Klienten, Ankommen bei den Eltern

Damit der Klient jedoch bei den Eltern als Kind ankommen kann, prüft der Leiter zunächst, welche der fehlenden Personen er für die Eltern vertreten wollte und löst diese Identifikation durch geeignete Sätze. Hat der Klient Mitleid mit den Eltern - oder Vorwürfe gegen sie - so ist das ein Hinweis für den Leiter, dass der Klient nicht Kind, nicht klein sein konnte, dass er glaubte, für die Eltern etwas tragen zu sollen. Durch das Rückgaberitual mit dem Stein3 gelingt es meist, das zu lösen. Nun kann der Klient - vielleicht zum erstenmal - die Liebe und den Halt der "Eltern" spüren, er kann das nehmen, was ihm seine realen Eltern nicht geben konnten - oder was er von ihnen bisher nicht nehmen konnte.

Wenn ein Klient für die Eltern mehrere Personen vertritt, wenn er ihnen gegenüber keine Vorwürfe verspürt und wenn das Rückgaberitual keine Wirkung zeigt, dann ist das oft ein Hinweis für eine Verschmelzung. Der Klient ist dann so mit einem Elternteil identifiziert, dass er sich selbst nicht spüren kann. Das kann der Leiter dadurch überprüfen, dass er den Klienten an den Platz des Elternteils stellt. Wenn er sich dort auskennt, diesen Elternteil quasi von innen her kennt, dann ist es meist möglich, diese Verschmelzung durch ein Ritual zu lösen. Erst nach dieser Lösung können auch die weiteren Rituale greifen! Und erst dann ist ein Ankommen bei den Eltern möglich z. B. mit dem Satz "bitte nimm mich in den Arm, weil ich ich bin".

Diese befreiende und erlösende Erfahrung, das Ankommen bei den Eltern ermöglicht den nächsten Schritt, die Ablösung von den Eltern, den Übergang vom Kind zum Erwachsenen.

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