Prozessorientierte Systemaufstellung
Familienstellen als Ablösungsprozess
Zur Theorie und Effizienz eines Kurztherapieverfahrens
Einleitung

Virginia Satir1 hat wohl als erste in den 70er Jahren Stellvertreter in ihre psychotherapeutische Arbeit mit einbezogen, in Form ihrer Familienskulptur.
Bert Hellinger2 gebührt der Verdienst, dieses Setting modifiziert, weiter entwickelt und mit der Bezeichnung "Familienstellen" weltweit verbreitet zu haben.

Als Psychiater hatte ich in den letzten 10 Jahren Gelegenheit, herausgefordert durch die Schicksale meiner Klientel, das Setting der Familienaufstellung zu modifizieren insbesondere durch die Einbeziehung archaischer Abschieds- und Ablösungsrituale3. Es kam zu einer Konzeptbildung, zu ergänzenden Ritualen. So entstand etwas, das ich als prozessorientierte Systemaufstellung bezeichnen möchte.


Familienstellen als diagnostisches Instrument

Das menschliche Neugeborene ist ohne die Fürsorge der Eltern nicht überlebensfähig. Das Kind braucht die emotionale Zuwendung und den Halt der Eltern, um wachsen, reifen und sich ablösen zu können. Die Ablösung beinhaltet den wichtigen Übergang vom Kind zum Erwachsenen.
Das Setting des Familienstellens erweist sich als ein wertvolles Instrument, um die Störungen dieser Prozesse sichtbar, emotional erfahrbar und kognitiv verstehbar zu machen.
Der Klient stellt das Beziehungsgeflecht seiner Familie dar, indem er Stellvertreter für die Familienmitglieder zueinander in Beziehung stellt. Mit Hilfe der Wahrnehmung der Stellvertreter hat der Therapeut die Möglichkeit, die jeweils vorliegende Dynamik intuitiv zu erfassen und sein Konzept sofort durch einen geeigneten Lösungs-Satz oder -Ritual quasi experimentell zu überprüfen.
Dabei haben sich Konzepte herauskristallisiert, die durch ihre große Einfachheit, ihre Tiefe und Wirkung überzeugen.
Das Zusammenspiel von Trennungstrauma der Eltern, ihrer dadurch eingeschränkten Zuwendung zum Kind und dessen verzweifelte Anpassungs- und Bewältigungsstrategien erscheinen in einem neuen Licht. Es kommt zu neuen Bildern, Begriffen.
Dieselben Vorgänge werden von anderen Therapieschulen naturgemäß anders gesehen und beschrieben. Das liegt an der komplexen vielschichtigen und paradoxen Struktur unserer Wirklichkeit. Die vorgelegten Konzepte weisen Parallelen zu den etablierten Konzepten auf, ergänzen sie, sind aber nicht deckungsgleich. Das fordert zu einem Dialog heraus.


Wenn Eltern nicht Eltern sein können

Der entscheidende Vorgang der Ablösung wird dann blockiert oder verzögert, wenn die Eltern ihren Platz und ihre Funktion in der Familie nicht übernehmen können. Dies ist dann der Fall, wenn sie z. B. durch den frühen Verlust eines nahen Angehörigen oder die fehlende eigene Ablösung von den Eltern nicht in der Lage sind, sich dem Partner und den Kindern emotional zu zuwenden, die Kinder als Kinder wahrzunehmen, ihnen Wärme und Halt zu geben.


Anpassungs- und Bewältigungsstrategien der Kinder

Da Kinder existenziell auf den Kontakt zu den Eltern angewiesen sind, entwickeln sie in dieser "Mangelsituation" spezifische Anpassungs- und Bewältigungsstrategien, um zumindest die Illusion von Nähe und Wärme zu den Eltern zu haben, um die Eltern zu binden und so das Auseinanderbrechen der Familie zu verhindern. Mit einer hochentwickelten Intuition spüren sie, was den Eltern fehlt, haben die Tendenz, dies den Eltern zu ersetzen, in dem sie z. B.

Diese Strategien haben bisweilen, so scheint es, einen Überlebenswert, der Klient zahlt jedoch dafür einen hohen Preis.


Wenn Kinder nicht Kinder sein können

Wenn ein Kind für die Eltern eine Person - oft auch mehrere Personen! - vertritt, kann es seinen guten Platz in der Familie nicht einnehmen. Wenn es den Eltern Schweres abnehmen möchte, für die Eltern stark sein möchte, kann es nicht mehr Kind sein, kann seine kindlichen Wünsche nach Zuwendung und Halt der Eltern nicht spüren, den Eltern gegenüber nicht äußern, da es diese für schwach hält. Und die Eltern können dieses Kind nicht als Kind wahrnehmen, ihm Liebe und Halt nicht geben. Das Kind ist bei den Eltern noch nicht als Kind angekommen. Bei der Verschmelzung hat das Kind noch nicht die Erfahrung gemacht, sich den Eltern nahe und gleichzeitig als getrennt, als eigenständige Person wahrzunehmen. Es ist buchstäblich noch nicht bei sich selbst angekommen.

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