Prozessorientierte Systemaufstellung (Fortsetzung 2)

Ablösung von den Eltern, Erwachsenwerden

Dem Klienten wird durch diese Lösungsprozesse bewusst und spürbar, wie erfolglos seine Überlebensstrategien waren, ja, dass sie das Ankommen bei den Eltern und die Ablösung eher verhindert haben. Diese Erfahrung - das ist entscheidend mehr als eine intellektuelle Einsicht - erleichtert es ihm, die eigenen Bewältigungsstrategien abzulegen. Seine unbewussten Glaubenssätze und Gelübde, die mit den Strategien verknüpft waren, kann er zurück nehmen. Und er kann seine Wahrnehmungen, seine Intuition, die er bisher überwiegend auf die Bedürfnisse der anderen gerichtet hatte, den eigenen Bedürfnissen zuwenden, darf diese Bedürfnisse auch äußern.
Die so vollzogene Ablösung von den Eltern ermöglicht es ihm, zu sich selbst zu finden, erwachsen zu werden. Diese kognitive Einsicht ist verbunden mit der emotionalen Erfahrung, als Kind in seinem Verlassensein von der "Mutter" gesehen und in den Arm genommen zu werden.
So wird Versöhnung möglich, mit den Eltern, aber auch mit dem eigenen Schicksal, mit sich selbst.


Prozessorientiertes Familienstellen, ein rationales Verfahren

Bei dieser Vorgehensweise verwenden wir das Gruppensetting. Stellvertreter übernehmen die Rolle der Familienangehörigen, so werden die alten familiären Beziehungsmuster reaktiviert. Durch den eingeleiteten Lösungsprozess, durch die Verwendung geeigneter Lösungsdialoge und -Rituale werden die alten Beziehungstraumen, die Insuffizienz der eigenen Bewältigungsstrategien aber auch die Wirkung neuer Strategien unmittelbar erfahrbar, aber auch kognitiv verständlich.

Mir scheint, dass so alle Prinzipien berücksichtigt sind, die Klaus Grawe4 in "Psychotherapie im Wandel" für eine professionelle, effiziente Psychotherapie forderte: Gruppensetting, Klärungsperspektive, Bewältigungsperspektive, Beziehungsperspektive, Aktivierung der alten "Schemata" und Lösung auf einer nonverbalen emotionalen Ebene.


Effizienzprüfung

Seit Frühjahr 2004 messe ich bei manchen Klienten mit Hilfe eines klinischen Fragebogens (VEI5, ein Nachfolger des MMPI) die Ausprägung unter anderem von Angst, Depression, Suizidaliät, Borderline, Psychose. Die ersten Ergebnisse zeigen:

  1. Klienten mit zunächst erhöhten Werten zeigen bereits innerhalb des Seminars, d. h. nach 2 - 3 Tagen eine oft dramatische Besserung (Verringerung der Werte). Diese Besserung bleibt über Monate im wesentlichen konstant, in einigen Fällen kommt es zu einer Verschlechterung (Zunahme der T-Werte).




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    Erläuterung zum Diagramm

    Das Diagramm betrifft 33 Klienten, die in mindestens einer Bewertungs-Kategorie vor dem Seminar einen über 65 erhöhten T-Wert aufwiesen. Der Mittelwert ist als Block vor (orange) und nach (grün) dem Seminar wiedergegeben für folgende Kategorien: Angst (ang), Depression (dep), Paranoia (par), Schizophrenie (scz), Borderline (bor), Suizidalität (sui).
    Die Kurve zeigt die absolute Standardabweichung. Obwohl es sich um eine gemischte Gruppe mit unterschiedlichen Diagnosen und dementsprechender T-Wert-Erhöhung in unterschiedlichen Kategorien handelt, und obwohl auch die ungünstigen Verläufe in die Berechnung mit einbezogen wurden, ergibt sich eine hochsignifikante Besserung (p<0,001, statistische Berechnung Elisabeth Wuttke) in allen genannten Kategorien!


  3. Diese Besserung bezieht sich nicht nur auf die besonders erhöhten Skalenwerte, sondern auch auf die anderen! Das geschilderte Verfahren hat somit ein breites Wirksamkeitsspektrum, damit eine breite Indikation


  4. Klienten, deren Werte sich vor Seminar im Durchschnittsbereich bewegen, zeigen z. T. eine leichte Erhöhung einzelner Werte, die nach Monaten meist rückläufig ist und durch eine leichte Erniedrigung abgelöst wird. Dieser Befund bestätigt die bekannte Tatsache, dass Familienaufstellungen zu einer Labilisierung des Klienten führen können. Familienaufstellungen sollten daher nur von einen erfahrenen Therapeuten im Rahmen eines therapeutischen Prozesses geleitet werden.


  5. Klienten, deren Werte nach dem Seminar oder nach einem längeren Zeitraum im Test eine Verschlechterung zeigen, können gezielt zu einem Nachgespräch aufgefordert werden, meist stellt sich dann heraus, dass ein wichtiger Aspekt noch nicht gesehen und gelöst werden konnte.

Ausblick

Das hier vorgestellte Konzept und die damit verbundene Vorgehensweise hat sich in der Praxis bewährt, um die Dynamiken bei Depression, Sucht, aber auch bei Gewalterfahrungen, bei Borderlinestörungen und Psychosen besser zu verstehen und eine Lösung zu unterstützen.
Speziell das "Verschmelzungssyndrom" scheint bei der Entstehung der Borderlinestörung und der Psychose eine wesentliche Rolle zu spielen.

Diese Ausführungen sollen dazu anregen, die Aufstellungsarbeit zu konzeptualisieren, ihre Effizienz zu überprüfen und eine fruchtbare Auseinandersetzung zu beginnen zum Thema: Was wirkt beim Familienstellen?

Je besser wir verstehen und beschreiben können, was beim Familienstellen geschieht, desto eher können wir auch in einen Dialog mit anderen Therapierichtungen treten.


Dr. Ernst Robert Langlotz

13.01.2005


Herrn Professor Dr. Engel, Psychiatrische Klinik der LMU München, verdanke ich die Überlassung des VEI und die Auswertung.
Statistische Auswertung und das Diagramm besorgten Frau Elisabeth Wuttge und Frau Lydia Janke.

Literatur:

1 Nerin, Wiliam F. (1989): Familienkonstruktion in Aktion.
Virginia Satir's Methode in der Praxis,
Paderborn

2 Bert Hellinger (1994): Ordnungen der Liebe,
Carl-Auer-Verlag, Heidelberg

3 Ernst R. Langlotz: Familienstellen und schamanische Arbeit
in: Praxis der Systemaufstellung 2, 2002, S. 21
ders. Das Rückgaberitual mit dem Stein,
Praxis der Systemaufstellung 2, 2002, S. 46

4 Klaus Grawe, Ruth Donati, Friederike Bernauer:
Psychotherapie im Wandel,
Hogrefe 2001, S. 70 3 ff.

5 VEI-Verhaltens- und Erlebnisinventar
Deutschsprachige Adaption des Personality Assessement Inventory (PAI) von L. C. Morey, Verlag Hans Huber

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