Psychiatrie
Als Psychiater habe ich gelernt, das Krankhafte, das Defizit der Klienten zu erkennen und danach eine Diagnose
zu erstellen.
Allzu schnell identifiziert man jedoch als Arzt seinen Patienten mit dieser Diagnose – einem Artefakt! -
und veranlasst ihn, sich ebenfalls damit zu identifizieren. Was bleibt dem Klienten, der sich selber nicht mehr
versteht - da er sich an alle anpasst? – sich auch an die Sicht seines Psychiaters anzupassen, da er ja
auf ihn angewiesen ist?
Das nennt man dann Compliance!
Unzufrieden mit dieser Art von Psychiatrie war ich auf der Suche nach ganzheitlichen Therapiekonzepten,
die nicht defizit-orientiert sind und begegnete:
Karlfried Dürckheim - initiatische Therapie - und Arnold Mindell - prozessorientierte Psychotherapie und der systemischen Therapie.
Systemaufstellungen
Und ich begegnete Bert Hellinger.
Ich verdanke ihm viel. Durch ihn lernte ich das Familienstellen kennen, die Wucht der Generationen
übergreifenden Verstrickungen. Seit 1994 integriere ich die Systemaufstellungen in meine therapeutische
Praxis. Die Besonderheiten meiner psychiatrischen Klientel brachten mich dazu, neue Lösungsstrategien zu
erproben. Dabei beschäftigte ich mich auch intensiv mit schamanischen Ritualen. Dies hat meine
Sichtweise von Krankheit und Gesundheit, von Leben und Tod – aber auch meinen Aufstellungsstil –
nachhaltig verändert.
Schamanen haben ein einfaches, aber ganzheitliches und wertfreies Verständnis von Krankheit:
Sie verstehen Krankheit als Fehlen von etwas, was dazugehört und/oder als Anwesenheit von etwas, das nicht
dazu gehört („Besetzung“). Heilung bedeutet demnach: Wiederverbinden mit dem, was fehlt und
Trennen von dem, was nicht dazu gehört.
Rituale sind symbolische Handlungen. Da sie den Körper mit einbeziehen, wirken sie
unmittelbar auf die im Körper (dem Unbewussten) gespeicherten Muster ein.
Mit dem Instrumentarium der Systemaufstellungen und dem schamanischen Krankheitsverständnis
lernte ich auf eine ganz neue Weise, das Symbiosemuster, die Tendenz zu Verschmelzung (Ko-Abhängigkeit),
zur Selbstentfremdung als Grundstörung wahrnehmen. Mir wurde immer wichtiger, meine Klienten dabei zu
unterstützen, zu sich selbst, zu ihrer Identität, zu ihrer Autonomie zu finden.
Ich konnte in Vielem Bert Hellinger nicht mehr folgen. Unsere Wege trennten sich.
Es entstand die Methode der „systemischen Selbst-Integration“: Symbiose kann gesehen werden
einerseits als Vermischung mit („Besetzung“ durch) etwas Fremdem und andrerseits als Abspaltung
von eigenen Selbstanteilen („Seelenanteilen“). Dies beinhaltet bereits – wenn auch
unausgesprochen - die Vorstellung einer Grenze:
zwischen Eigenem und Fremden.
Wer Erfahrungen mit seinem eigenen Symbiosemuster gemacht hat, weiss: Symbiose ist sehr schwer zu lösen.
Die schamanischen Abgrenzungs- und Verbindungs-Rituale sind für die Symbiose-Lösung und die
Selbst-Integration ungeheuer hilfreich. Ich könnte nicht mehr ohne diese Rituale arbeiten.
Um schamanische Elemente in die eigene Arbeit zu integrieren, muss man nicht „initiierter Schamane“
sein. Im Gegenteil: in den „traditionellen“ Schamanenschulen gibt es häufig manipulative
Elemente von Magie und Zauberei, die aus meiner Sicht mit Selbst-Integration und Autonomie nicht vereinbar sind.
Dies ist auch der Grund dafür, dass ich die Klienten vor jedem Schritt, vor jedem Ritual entscheiden lasse,
ob sie dazu bereit sind. Das fordert und stärkt den „Teil ihres Selbst, der sich entscheiden, der
Verantwortung übernehmen kann“.
Das unterscheidet mich von traditionellen Schamanen.
Systemische Selbst-Integration
Inzwischen lasse ich die Klienten auch einen Repräsentanten für ihr Selbst aufstellen. Es wird für
alle deutlich: je stärker sie symbiotische Verschmelzungstendenzen haben, desto weiter sind sie von ihrem
SELBST entfernt. Von dem Teil ihrer Person, der nicht nur "brav" sondern auch zornig,
übermütig und unbeschwert sein kann. Neue Lösungsmöglichkeiten insbesondere auch
für schwerere, "psychiatrische" Störungen werden dadurch eröffnet.
Der Klient hat die Chance, in einem zum "Initiations-Ritual" verdichteten Aufstellungs-Prozess
bei sich selber anzukommen, zu seiner Identität, zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen, zu sich
selbst zu finden. Dies Erleben der eigenen Autonomie, insbesondere die Integration einer abgespaltenen
Aggression, löst ein tiefes Gefühl von Frieden und Glück aus, es ermöglicht einen
"gesunden Egoismus", erlaubt Nähe und Mitgefühl zu anderen.
Seit Juni 2008 bezeichne ich meine Form der Systemaufstellung als
"SYSTEMISCHE SELBST-INTEGRATION®"
Kollektive Symbiose
In der Arbeit wird deutlich, daß Symbiosemuster so verbreitet sind, dass sie schon für normal gelten
und daher leicht übersehen werden. Es gibt sehr häufig „kollektive Symbiosen“, alle sind
symbiotisch mit allen verbunden, sodass es auch zwischen den Generationen keine Grenzen mehr gibt. Auch die
natürlichen Grenzen von Tod und Geburt verlieren ihre heilsame trennende Wirkung.
Der symbiotische Beziehungsstil, die Ko-Abhängigkeit zerstört die gegenseitge Achtung und Selbstachtung
der Partner, verhindert echte Begegnung und Kontakt. Gleichzeitig erschwert sie eine Trennung in Würde und
gegenseitiger Achtung.
Fatalerweise wird aber vom Kollektiv das Symbiosemuster umgedeutet: Selbstlosigkeit und Mit-Leiden werden
als „Liebe“ verbrämt, Abgrenzung und das Bedürfnis nach Selbstbestimmung als kalt,
egoistisch und lieblos diffamiert.
Das erschwert es den Betroffenen zusätzlich, sich aus dem Symbiosemuster zu befreien.
Robert Langlotz, 13.7.2009