Funktion
Auch die Verschmelzung scheint wie Identifizierung oder Tragen für die Eltern ein
Anpassungsvorgang, eine Bewältigungsstrategie zu sein, ein verzweifelter Versuch, Nähe zu einem
nicht erreichbaren Elternteil herzustellen.
Entstehungsbedingungen
Bisweilen haben die Eltern selbst zu ihren Eltern nur durch Verschmelzung eine Nähe herstellen
können. Oder sie wurden durch Krieg oder Verlust von Angehörigen so traumatisiert, dass sie
ihre Kinder nicht als Kinder wahrnehmen konnten, ihnen keine emotionale Nähe und Halt geben
konnten. Das Kind, um die Illusion von Nähe zum Elternteil zu haben, verschmilzt mit ihm.
Ein ausgeprägtes Verschmelzungssyndrom finde ich sehr häufig dann, wenn ein älteres
Geschwister oder ein Zwilling so früh starb, dass man ihn selbst gar nicht kennen lernen konnte!!
Bei Gewalt oder sexuellem Übergriff seitens der Eltern kommt noch eine andere
Überlebensstrategie verstärkend hinzu: die "Identifizierung mit dem Aggressor". Das Kind
rechtfertigt das gewalttätige Verhalten der Eltern, nimmt die Verantwortung und die Schuld auf
sich. Das Verleugnen der eigenen Wut und Verletzung kann zunächst das Leben retten, später
führt es oft zur erneuten Gewalterfahrung (Opferrolle) oder zum Durchbrechen der
unterdrückten Aggression, zur eigenen aggressiven Täterschaft.
Diese "Verschmelzungstendenz" mit dem
Täter könnte eine Ursache dafür sein, dass Traumaopfer so lange von der Traumaerfahrung
nicht los kommen, in der Opfer- oder Täterrolle stecken bleiben.
Verschmelzungstendenz und eigene Wahrnehmung
Menschen mit Verschmelzungstendenz haben, als Kontaktversuch zu einem nicht erreichbarem Elternteil,
eine hohe Intuition entwickelt. "Mit Tausend Antennen" nehmen sie wahr, wie es dem Anderen geht,
was er denkt, fühlt und plant. Die Wahrnehmung für die eigenen Bedürfnisse und
Gefühle - Verlassenheit, Wut - würden nur stören, sie werden daher unterdrückt.
Für das alltägliche Verhalten bedeutet das, dass sich der Betroffene nicht an der
Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse orientieren kann, sondern nach allgemeinen starren Regeln.
Er tut sich auch schwer, sich dem Schicksal anzuvertrauen, neigt dazu alles zu kontrollieren.
Beziehungen
Wenn das Ich-Gefühl, das Ich-Bewusstsein sich nicht so entwickeln konnte, fällt es
schwer, sich vertrauensvoll in eine partnerschaftliche Ich-Du-Beziehung zu begeben, zumal man in der
Nähe zum anderen sich noch weniger spürt als sonst schon.
Man konnte nicht lernen, angemessen mit dem Nähe-Distanz-Problem umzugehen!
Eigene Beziehungen werden nach dem "bekannten" Modell "Verschmelzung" eingegangen. Der Kontakt zu den
eigenen Gefühlen und Bedürfnissen und die Abgrenzung zum Partner sind beeinträchtigt,
eine wirklich belastbare, ebenbürtige Beziehung kann so nur schwer entstehen. Da die Tendenz,
ungefragt für den anderen zu denken, zu fühlen und zu handeln von diesem meist nicht
honoriert und erwidert wird, entsteht oft das Gefühl ausgenützt, missbraucht zu werden.
Die eigene Übergriffigkeit wird nicht gesehen.
Dies und das Aufbrechen einer unterdrückten Wut kann zu abrupten Distanzierungen und Trennungen
führen, die jedoch zugleich als Schuld und Verrat erlebt werden und das Eingehen einer neuen
Beziehung zunehmend erschweren.
Da Nähe für die Betroffenen meist damit verbunden ist, sich selbst weniger oder gar nicht
mehr zu spüren, ist für sie eine länger dauernde Beziehung manchmal nur so möglich,
dass sie immer wieder auf Distanz gehen, was für den Partner sehr verletzend sein kann.
Manche "Überabgegrenztheit" zum Partner kann als Kompensationsversuch einer eigenen
"Verschmelzungstendenz" verstanden werden.
Spielarten des Verschmelzungssyndroms
Anscheinend gibt es "passive Verschmelzer" und "dominante Verschmelzer".
Letztere verstehen es auf subtile Art, Partner und Kind dadurch zu binden, dass sie deren Autonomie,
deren eigene Wahrnehmung und Gefühle so stören, dass diese abhängig und manipulierbar
werden. Dabei werden Geschenke, übertriebene Fürsorglichkeit, Schuldgefühle, Abwertungen
aber auch Drohungen versteckt oder offen eingesetzt, manchmal so diskret, dass sie von den Betroffenen
kaum wahrgenommen werden.
Manche Kinder bleiben im Bann der Eltern - "passive Verschmelzer" - , andere, vitalere rebellieren früh, trennen sich abrupt
und brechen den Kontakt zu den Eltern ab. Es ist wie ein verzweifelter Versuch, sich aus der Verschmelzung zu
lösen. Aber auch sie praktizieren selbst den Modus des Verschmelzens weiter, meist werden auch
sie zu "dominanten Verschmelzern".
Natürlich gibt es hinsichtlich der Ausprägung des "Verschmelzungssyndroms" viele Abstufungen.
Beispiele
"Klammerbeziehung"
Eine Frau stellt sich in der Beziehung völlig auf den Partner, auf seine Wünsche,
Bedürfnisse, Interessen, Gewohnheiten ein, dass sie selbst als eigenständige Person mit eigenen
Interessen, Bedürfnissen, Beziehungen für ihn - aber auch für sich selbst - nicht mehr
spürbar ist. Auseinandersetzung und Abgrenzung, durch die eine Ich-Du-Beziehung erst wachsen kann,
gibt es nicht. Wenn der Partner das Du, ein Gegenüber vermisst, und sich eine andere sucht, bricht
für sie eine Welt zusammen, so als könne sie sich nur mit ihm - durch ihn - als existent erleben.
Sie entwickelt Panikattacken, Depressionen, klammert sich an ihn und beschleunigt so das Ende der Beziehung.
Manche Frauen und Männer, die diese Erfahrung mehrfach machten, ziehen sich, bitter und
böse, zurück. Überabgrenzung als Kompensationsversuch.
"Helfersyndrom"
Mache suchen sich Partner, denen es schlechter geht als ihnen selbst, denen sie glauben helfen zu
müssen. Sie stellen sich völlig auf ihn, seine Probleme, seine Bedürfnisse ein, haben
Verständnis selbst für seine destruktivsten Verhaltensweisen, bis zur Selbstverleugnung.
Natürlich haben sie das Gefühl, zu kurz zu kommen. Sie spüren nicht ihre eigenen
Bedürfnisse, ihr Wut, wenn sie verletzt werden. Diese Wut könnte ihnen helfen, sich
abzugrenzen, sich zu wehren, aber gerade das fehlt ihnen so sehr. Nach mehreren Enttäuschungen
dieser Art ziehen sie sich zurück, empört über den Egoismus der anderen.
Überabgrenzung als Kompensationsversuch.
"Burn out"
Manche gehen völlig in ihrer Arbeit auf, identifizieren sich mit den Interessen der Firma oder des
Chefs. Sie machen Überstunden, nehmen Arbeit mit nach Hause. Ihre privaten Interessen und
Beziehungen, die vielleicht schon immer eher schwach entwickelt waren, verkümmern. Sie können
ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche nur schwer spüren. Sie bieten sich gerade zu an, um
ausgebeutet zu werden, können lange ihre Wut darüber nicht spüren, die Wut, die ihnen
helfen könnte, sich zu wehren, die eigenen Grenzen zu vertreten.
Wenn dann alle Reserven erschöpft sind, wenn Schlaflosigkeit, Depression und psychosomatische
Beschwerden eine Pause, eine Abgrenzung erzwingen, dann entwickeln sich vielleicht Hass gegen die
Firma, sie tun sich selber leid oder hassen sich selbst, weil sie "so blöd waren".
Diese unterschiedlichen Beispiele haben gemeinsam,
eine Tendenz, sich dem "Du" so anzupassen, dass das "Ich" mehr oder weniger verschwindet.
Abgrenzung, Auseinandersetzung und damit eine Ich-Du-Beziehung, in der beide wachsen können, wird verfehlt.
Das unvermeidbare Scheitern bewirkt offen eine Überabgrenzung mit Kontaktabbruch, Verbitterung,
kompensatorische Ichbezogenheit.
Chancen des Verschmelzungssyndroms
Mit dem Modus der Verschmelzung ist meist eine hoch entwickelte Intuition bis hin zur medialen
Begabung verbunden. Manche wenden diese Fähigkeit konstruktiv in einem helfenden,
therapeutischen Beruf an, werden zu fähigen und erfolgreichen Therapeuten.
Aber auch sie erleben im privaten und gelegentlich auch beruflichen Bereich die Auswirkungen ihrer
Verschmelzungstendenz, sie sind vom burn-out Syndrom bedroht.
Hier passt die folgende Anekdote: zwei Psychotherapeuten treffen sich auf einem Kongress.
"Das es dir gut geht, sehe ich, aber bitte, wie geht es mir?"
Klinische Bedeutung
Erste Beobachtungen weisen darauf hin, dass das "Verschmelzungssyndrom" mit seiner spezifischen
Veränderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung und Beziehungsproblematik konstituierend
für z. B. das Borderline-Syndrom aber auch für das Auftreten einer Psychose sein könnte.
Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, für ein Elternpaar mit einem psychotischen Sohn jeweils
die Herkunftsfamilie aufzustellen. Beide Eltern waren mit einem Elternteil "verschmolzen" und zwar
mit dem gegengeschlechtlichen! Der Sohn seinerseits war mit beiden Eltern verschmolzen (die Eltern sind
geschieden).
Es ist verständlich, dass sich so ein stabiler Ich-Kern nur schwer entwickeln
kann. Das mag eine entscheidende Vorbedingung für das Entstehen einer Psychose sein.
Aber auch bei anderen "psychiatrischen" Störungen, wie Angst, Depression, Sucht, Essstörungen,
Traumatisierung durch sexuellen Übergriff oder Gewalt scheint das Verschmelzungssyndrom ein
wesentlicher Verursachungsfaktor zu sein.
Es ist einleuchtend, dass erst die Wahrnehmung und Lösung dieser Dynamik eine tiefe und nachhaltige
Veränderung ermöglichen kann.
LEBEN
EINZELN UND FREI
WIE EIN BAUM
UND BRÜDERLICH
WIE EIN WALD
DAS IST UNSERE SEHNSUCHT.
Nazim Hikmet
Dr. med. Ernst Robert Langlotz
08.02.2005