DAS MILGRAM EXPERIMENT

1. DAS MILGRAM EXPERIMENT

1961 führte der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram erstmals ein Experiment durch "Obedience to Authority" (OTA), um die Bereitschaft durchschnittlicher Personen zu testen, den Anweisungen einer Autoritätsperson („Experimentator") auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Den Versuchspersonen (Vpn) wurde erklärt, dass sie als „Lehrer" an einem wissenschaftlichen Experiment teilnehmen, es solle untersucht werden, ob sich der Lernerfolg steigern lasse, wenn die Testpersonen („Schüler") bei falschen Antworten durch Stromstösse „bestraft" werden. In Wirklichkeit waren die „Schüler" Schauspieler, die Stromstösse waren fiktiv und die Schmerzreaktionen der „Schüler" klangen zwar sehr realistisch, waren aber ebenfalls gespielt und auf Tonband gespeichert. Getestet werden sollten folglich nicht die „Schüler" sondern die Versuchspersonen selber, und zwar ob und wieweit sie als „Lehrer" bereit waren, die Stromstösse zu steigern, trotz der Schmerzreaktionen der „Schüler". Ein Versuchsleiter („Experimentator", ebenso ein Schauspieler) gab dazu Anweisungen. Diese Versuchsanordnung wurde in verschiedenen Variationen durchgeführt.

 

1.1 Geschichte und Überblick

Das Milgram-Experiment sollte ursprünglich dazu dienen, Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus sozialpsychologisch zu erklären. Dazu sollte die These: „Germans-are-different" geprüft werden, die davon ausging, dass die Deutschen einen besonders obrigkeitshörigen Charakter haben....Milgram bezog sich bei der Interpretation der Ergebnisse unter anderem auf das 1963 in New York erschienene Werk der politischen Theoretikerin Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Dieses Konzept der Banalität des Bösen sei vereinbar mit den Ergebnissen seines Experimentes. Die erschreckende Erkenntnis der Untersuchung sei, dass ganz gewöhnliche Menschen, die im Alltag nur ihre Aufgabe erfüllten, in einem autoritären Umfeld zu Handlungen veranlasst werden können, die anderen Personen schaden, zu denen sie selbst keinerlei persönliche Feindschaft empfinden.

 

1.2 Ergebnisse der Experimente

Im ersten Experiment gingen 65% der Personen (26 von 40) bis zur maximalen Spannung von 450 Volt und nur 14 brachen vorher ab. Milgram selbst hatte dies Ergebnis nicht erwartet. Deshalb führte er über 20 weitere Varianten dieses Experimentes durch mit jeweils abweichenden Parametern. Dabei zeigten sich folgende Gesetzmässigkeiten:

Die „Gehorsamsquote" der „Lehrer" nahm zu, bis 90%,

je näher sie dem „Experimentator" (Versuchsleiter) waren,

je mehr dieser als Autorität auftrat,

je weiter entfernt (optisch, akustisch) sie den Schülern und deren Schmerzreaktionen waren. Umgekehrt nahm die „Gehorsamsquote" der „Lehrer" ab, bis 30 %,

je entfernter sie dem „Experimentator" waren und

je näher sie den Schülern und deren Schmerzreaktionen waren.

 



Wiederholung des Experimentes

Das Experiment wurde mehrmals in unterschiedlichen Varianten in anderen Ländern wiederholt. ( zuletzt im Jahr 2008 von Jerry Burger an der Santa Clara Universität unter modifizierten Bedingungen. (Jerry Burger: Replicating Milgram, In: Association for Psychological Science. Dezember 2007.)

Bei den meisten Experiment-Wiederholungen war die Gehorsamsquote ähnlich hoch.

 

Reaktion der Versuchspersonen

Alle Versuchspersonen im Originalversuch wirkten emotional aufgewühlt, so als stünden sie in einem Gewissenskonflikt. Bei 35% de Vpn beobachtete Milgram ein nervöses Lachen. Ein Beobachter beschrieb die emotionale Lage eines „Lehrers" folgendermaßen:

„Ich beobachtete einen reifen und anfänglich selbstsicher auftretenden Geschäftsmann, der das Labor lächelnd und voller Selbstvertrauen betrat. Innerhalb von 20 Minuten war aus ihm ein zuckendes, stotterndes Wrack geworden, das sich rasch einem Nervenzusammenbruch näherte. Er zupfte dauernd an seinem Ohrläppchen herum und rang die Hände. An einem Punkt schlug er sich mit der Faust gegen die Stirn und murmelte: ‚Oh Gott lass uns aufhören‘. Und doch reagierte er weiterhin auf jedes Wort des Versuchsleiters und gehorchte bis zum Schluss."
 

Langzeitfolgen für die Versuchspersonen

Um den ethischen Aspekten gerecht zu werden, erhielten die Probanden nach Abschluss der Versuchsreihe detaillierte Informationen über das Experiment und dessen Ergebnisse. Um eventuelle Langzeitschäden zu erkennen, wurden in einer Stichprobe die Versuchspersonen ein Jahr nach dem Experiment erneut besucht und befragt. Laut Milgram zeigte das Experiment keine schädlichen Auswirkungen auf die Psyche der Versuchspersonen. 83 Prozent der Teilnehmer gaben an, im Nachhinein froh zu sein, an dem Experiment teilgenommen zu haben. Nur ein Proband von Hundert bedauerte seine Teilnahme. Die meisten Teilnehmer gaben an, etwas über sich gelernt zu haben und Autoritätspersonen daher in Zukunft misstrauischer gegenüberstehen zu wollen.

 

1.3 Milgrams Interpretation des Experimentes

Obwohl Milgram vermutete, dass Autoritätsgehorsam und dessen Verweigerung durch Persönlichkeitsmerkmale bedingt sind, konnte er dies nicht belegen. Stattdessen ging er von zwei Funktionszuständen aus, die er so umschrieb:

Milgram selbst kommentierte die Ergebnisse seines Experiments so:

„ Ich habe dies Experiment durchgeführt, um herauszufinden, wie viel Schmerz ein gewöhnlicher Mitbürger einem anderen zufügen würde, einfach weil ihn ein Wissenschaftler dazu aufforderte. Starre Autorität stand gegen die stärksten moralischen Grundsätze der Teilnehmer, andere Menschen nicht zu verletzen, und obwohl den Testpersonen die Schmerzensschreie der Opfer in den Ohren klangen, gewann in der Mehrzahl der Fälle die Autorität. Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen, einer Autorität fast beliebig weit zu folgen, ist das Hauptergebnis der Studie, und eine Tatsache, die dringendster Erklärung bedarf."

The behavior revealed in the experiments reported here is normal human behavior but revealed under conditions that show with particular clarity the danger to human survival inherent in our makeup . . . . This is a fatal flaw nature has designed into us, and which in the long run gives our species only a modest chance of survival. (Milgram1974, p. 188)

 

Bis heute gilt der Autoritätsgehorsam theoretisch als nur unzureichend geklärt.

 

 

1.4 Folgen und Folgerungen für die Psychologie

Milgram wurde von Fachkollegen wegen dieses Experimentes heftig kritisiert. Es wurde als unethisch zurückgewiesen, da es die Versuchspersonen einem starken inneren Druck aussetzt und da man sie über den wahren Zweck des Experiments täuscht. Milgram wurde wegen dieses Experimentes für ein Jahr aus der American Psychological Association ausgeschlossen. Die renommierte Harvard Universität verweigerte ihm eine Anstellung.

Zur Kritik am Milgram-Experiment ein Zitat des bekannten Hypnotherapeuten Dr. Milton Erikson,

"Daß die Pionierarbeit (Milgrams) auf diesem Gebiet als unmoralisch, nicht zu rechtfertigen, informatorisch wertlos und mit anderen abfälligen Äußerungen angegriffen wurde, war zu erwarten, einfach deshalb, weil die Menschen vor unerwünschtem Verhalten gern die Augen schließen und es vorziehen, das Gedächtnis zu erforschen, indem sie sinnlose Wörter lernen lassen...

Milgram liefert einen gewichtigen und gehaltvollen Beitrag zu unserem Wissen vom menschlichen Verhalten...

Sich mit Untersuchungen zu befassen wie die, die Milgram unternahm, das erfordert starke Männer mit starker wissenschaftlicher Überzeugung und einer Bereitschaft, zu entdecken, daß die Verantwortung für und die Kontrolle über inhumane Handlungen beim Menschen selbst liegt, und nicht beim ́Teufel ́.

 


1.5 Eine analytische Theorie menschlicher Destruktivität

Der deutsch-jüdische Analytiker Arno Gruen ( geb. 26. Mai 1923) vermutet als Ursache des von Milgram nachgewiesenen Autoritätsgehorsams Selbst-Entfremdung. Er hat in seinem Buch „der Wahnsinn der Normalität, Realismus als Krankheit" eine grundlegende Theorie menschlicher Destruktivität entwickelt.

„Diese Arbeit ist meine Reaktion auf die persönlichen und beruflichen Erlebnisse mit dem Wahnsinn der Realität, der im Namen der Liebe Tod und Zerstörung hervorbringt. Es ist ein Akt des Selbstverrats, wenn ein Kind das Bewußtsein für sein eigenes Selbst zu verlieren beginnt. Dieser Prozeß setzt damit ein, daß das Kind die Gefühle von Vater und Mutter nicht mehr unmittelbar wahrnimmt, sondern sich danach richtet, wie diese sich selbst sehen. Solch eine ‚Anpassung‘ an die elterlichen Machtbedürfnisse (an deren Art, sich und die Welt zu sehen und zu deuten) führt zu einer Spaltung in der psychischen Struktur des Kindes. (...) Die Unfähigkeit, in sich selbst zu wurzeln, ruft zerstörerisches und böses Verhalten hervor."1

In diesem Text von Gruen taucht bereits das Thema Identifizierung mit dem autoritären Gegenüber, mit dessen Ansichten und Bedürfnissen auf und die damit verbundene Selbst-Entfremdung, der Verlust der eigenen Autonomie. Und es wird die Auffassung vertreten, dass die Ursache des Bösen in der „inneren Spaltung", in der Entfremdung vom eigenen Selbst liegen könnte. Was Gruen als „Angst vor der Autonomie" beschreibt, könnte dem entsprechen, was im Rahmen der systemischen Selbst-Integration als „Abgrenzungsverbot" verstanden wird.

 

 

1.6 Kommentar (Langlotz)

Dies Experiment und seine Wiederholung macht das Phänomen deutlich, dass unter dem Einfluss von Autorität die Betroffenen dazu neigen, nicht ihrer eigenen Wahrnehmung, ihrem Mitgefühl zu folgen, sondern dem, was sie glauben, dass diese Autorität von ihnen erwartet. Für den Mut, dies Experiment gegen äusseren - und wahrscheinlich auch inneren - Widerstand durchgeführt zu haben, gebührt Milgram hohe Anerkennung. Dies von ihm erforschte Phänomen der Autoritätshörigkeit ist so weit verbreitet, dass es schon gar nicht mehr wahrgenommen wird. Ich verstehe es als einen Aspekt des Symbiosekomplexes, als Überanpassung, als Identifizierung mit dem Gegenüber. Das betrifft ein ebenbürtiges Gegenüber, verstärkt tritt dies Phänomen jedoch gegenüber einer Autoritätsperson (Eltern, Lehrer, Vorgesetzte) auf.

 

Hypothese: der „Agenten-Zustand" entspricht dem Symbiose-Komplex

Milgram selbst stellt zwei Zustände gegenüber: den Zustand der Autonomie und den „Agens-Zustand" des Autoritätsgehorsam. Auch beim systemischen Symbiose-Konzept gibt es zwei unterschiedliche Zustände Autonomie und Symbiose. Entspricht der „Agenten-Zustand" dem Phänomen des Symbiose-Komplexes?

Folgende von Milgram beschriebenen Eigenschaften dieses Phänomens sprechen dafür. Die Variationen der Experiment-Bedingungen zeigen: je näher der „Lehrer" der „Autoritätsperson" (Versuchsleiter) ist, desto mehr verhält er sich nach dessen Erwartungen - und umgekehrt!

Je näher er dem „Schüler" ist, je unmittelbarer er dessen (simulierte) Schmerzen akustisch oder sogar optisch mitbekommt, desto mehr orientiert er sich an seiner eigenen Wahrnehmung, an seinem Mitgefühl.

Das entspricht dem Phänomen der fehlenden Abgrenzung beim Symbiose-Komplex: je näher der Betroffene dem Gegenüber ist, desto grösser ist das Ausmass seiner Fremdbestimmung, seine Anpassung an dessen Erwartungen. Mit der Anpassung an die Autorität verbunden ist eine emotionale Distanz zum Opfer („Schüler") genauer, eine Distanz zum eigenen Mitgefühl mit dem Schüler. Diesen Aspekt verstehen wir beim Symbiosekomplex als Abspaltung, als Selbst-Entfremdung (so auch Arno Gruen). Man könnte es auch als Wahrnehmungsverbot bezeichnen: das eigene Mitgefühl darf nicht wahrgenommen werden, da es die Anpassung an die Autorität stören könnte.

Je ausgeprägter die Selbstentfremdung: desto mehr geht die eigene Orientierung verloren, genauer, die Verbindung mit der eigenen Wahrnehmung, mit den eigenen Überzeugungen, die Verbindung mit dem eigenen „Selbst".

Dass dieses Mitgefühl - zumindest bei einem Teil der „Lehrer" - durchaus vorhanden war, zeigen die Beschreibungen der Stress-Symptome, die für emotionale Konflikte typisch sind (2 Seiten weiter oben). Diesen inneren Stress finden wir auch beim Symbiosekomplex: der unbewusste Konflikt zwischen dem überangepassten Verhalten und dem eigenen „autonomen" Empfinden führt zu einem inneren Stress. Genauer, es verursacht ein aggressives Potential. Infolge des symbiotischen „Aggressionsverbotes" kann es sich nicht in einer gesunden Abgrenzung entladen, sondern richtet sich destruktiv gegen das Selbst in Form von depressiven oder psychosomatischen Reaktionen.

 

Unterschiede

Milgram vermutet, dass die Tendenz, sich einer Autorität zu unterwerfen, „uns von der Natur in die Wiege gelegt wurde". Dem möchte ich widersprechen.

  1. Immerhin gab es ca. 35% „Ungehorsame", die im Autonomie-Zustand verharrten und sich weigerten, die Stromstösse zu veranlassen. Auch wenn die von Milgram und späteren Forschern angewandten „Persönlichkeitsinventare" keinen Unterschied feststellen konnten: es muss einen Unterschied geben! Der Autonomie-Fragebogen würde mit Sicherheit einen Unterschied zwischen Gehorsamen und Ungehorsamen aufzeigen!

  2. Nach dem Konzept der systemischen Selbst-Integration gibt es ein Grundbedürfnis nach Autonomie. Das fixierte („destruktive") Symbiosemuster ist erworben und nicht angeboren.

Genauer: es ist die Folge einer Blockade der gesunden Autonomie-Entwicklung durch traumatische Beziehungserfahrungen in der Kindheit. Diese Traumata hängen nur zum Teil mit einem autoritären System zusammen: Gewalterfahrung und Anpassung an traumatisierte Eltern können unmittelbar eine Überanpassung an die Bedürfnisse der Eltern verursachen. Die beiden anderen traumatischen Beziehungserfahrungen (früher Verlust einer Bezugsperson oder eines Geschwisters) führen zu einem unbewussten Abgrenzungsverbot, welches sekundär ebenfalls zu Überanpassung an einen (autoritären) Elternteil führen kann.

In dieser Entwicklungsphase besteht ein erhebliches Machtgefälle zwischen Eltern und Kind. Wenn Eltern ihr Kind nicht als Kind wahrnehmen können, mit dem Recht auf eine eigene Autonomie-Entwicklung, dann ist das Kind infolge seiner Abhängigkeit und Hilflosigkeit gezwungen, sich an die Erwartungen der Bezugspersonen anzupassen - um zu überleben. Je ausgeprägter autoritäre Strukturen die Familie und das Umfeld (Schule, Kirche, Militär, Arbeitsbereich) bestimmen, umso grösser ist die Gefahr, dass die Betroffenen die eigene Autonomie-Entwicklung verfehlen und - speziell gegenüber Vorgesetzten und Autoritätspersonen, in einem Zustand des „vorauseilenden Gehorsams" fixiert bleiben. Destruktiver Gehorsam und autoritäre Struktur ergänzen und stabilisieren sich gegenseitig.

Dies Phänomen der Autoritätshörigkeit - in Anerkennung der Pionierleistung Milgrams bei dessen Erforschung möchte ich es als „Milgram-Phänomen" bezeichnen - findet sich gleichermassen bei Männern und Frauen.

 

2 Globale Krise und Milgram-Phänomen

Dies Phänomen kann erklären, warum es in autoritären Strukturen durch einen „destruktiven Gehorsam" zu erschreckendem kollektivem Fehlverhalten kommen kann, im Krieg aber auch im Frieden.Trifft das auch für die globale Krise zu?

Die Symptome der globalen Krise werden immer bedrohlicher. Der Zusammenhang mit dem deregulierten Wirtschafts-und Finanzsystem ist nicht zu übersehen - für den, der sehen kann.

Warum gibt es keine Massenproteste dagegen? Warum lassen wir alle zu, dass dies Krebsgeschwulst weiter wächst, und droht, uns alle zu zerstören.

Warum versagt das „soziale Immunsystem", das in der Lage wäre, diesen selbstzerstörerischen Finanzkomplex unschädlich zu machen?

Ist auch hier das „Milgram-Phänomen" verantwortlich, diese unheilvolle Tendenz, sich einer Obrigkeit unterzuordnen, selbst wenn sie zerstörerisch ist? Kann es sein, dass dieser Zusammenhang noch nicht begriffen - und daher auch nicht gelöst werden kann, weil das Milgram-Experiment in seiner Tragweite überhaupt noch nicht verstanden worden ist? Geschweige denn dass Ansätze zu seiner Lösung entwickelt wurden?

 

 

2.1 Die Finanz-und Wirtschafts-Krise - ein globales Milgram-Experiment?

Man könnte - etwas zynisch - die aktuelle globale Krise als ein unfreiwilliges globales Milgram-Experiment verstehen. Gegenüber dem originalen Experiment gibt es allerdings mehrere entscheidende Unterschiede:

  1. Es gibt keinen Projektleiter, der das Experiment kontrolliert und es beenden könnte.

  2. Es gibt keine Ethik-Kommission, die das Projekt zugelassen hat und es überwacht.

  3. Die „Lehrer", die die „Stromstösse" austeilen, sind nicht Probanden, die von einem Versuchsleiter eingesetzt wurden. Es sind Angestellte des Finanz- und Wirtschaftssystems, das sich selbst als „systemrelevant" und „alternativlos" bezeichnet.

  4. Die „Lehrer" werden nicht mit 5$ vergütet, sondern mit „Boni" in Millionenhöhe.

  5. Die von ihnen veranlassten „Stromstösse" (Massnahmen, die vielen schaden zugunsten der „Superreichen") sind nicht fiktiv, sondern real.

  6. Die Schmerzschreie der „Schüler" - im Experiment simuliert - bleiben in der Realität aus.

  7. Die Schüler, die alleine ein Interesse daran haben könnten, das „Experiment" zu stoppen, reagieren nicht. Sie wurden auch nicht aufgeklärt. Im Gegenteil ihnen wird suggeriert, dass auch sie an diesem System profitieren, zumindest dass dessen Ende sie alle ins Chaos stürzen würde.

 

Das fatale Fazit: das unfreiwillige globale Experiment bestätigt die Existenz eines globalen „Milgram-Phänomens".

Hier wird schmerzlich deutlich, dass das „Milgram-Phänomen" bisher noch nicht verstanden wurde. Kann das „globale Milgram-Experiment" überhaupt noch gestoppt werden? Aus einem systemischen Verständnis des Symbiosekomplexes möchte ich folgende Hypothese formulieren:

 

 

2.2 Systemische Sicht des „Milgram-Syndroms"

Der Symbiose-Komplex, und dessen Teilaspekt, das „Milgram-Syndrom" kann als entscheidender Faktor bei der Entstehung sozialer, ethnischer oder politischer Konflikte angesehen werden. Auf der individuellen Ebene blockiert es die Orientierung und Selbstregulation. Auf der kollektiven Ebene hebelt es die Mechanismen einer demokratischen Kontrolle der Macht aus.

 

Ursachen und Folgen des Symbiose-Komplexes - und damit des „Milgram-Phänomens"

Daraus ergeben sich folgende vorbeugende Prinzipien zu Eindämmung des Milgram-Phänomens.

Diese hier geschilderten Zusammenhänge müssen bewusst gemacht werden, entgegen den Interessen der Machtstrukturen. Das kann persönliche Opfer erfordern. ( Beispiel Milgram selbst, oder die „Whistle-Blower" von heute wie Edward Snowden.)

Dann kann die Öffentlichkeit die Politiker dazu zwingen, auf Folgendes hinzuwirken:

 

 

2.3 Eine neue Aufklärung? Auf dem Weg zum homo sapiens

Wir bezeichnen uns selber als „homo sapiens", auf Deutsch: der wissende, der weise Mensch. Angesichts der globalen Konfusion und Destruktion als Folge des verbreiteten „Milgram-Phänomens" scheint das vermessen. Die Bezeichnung „homo confusus" - der verwirrte Mensch - oder „homo agens" (der fremdbestimmte Mensch) wäre zutreffender. Aber wir alle haben das Potenzial für den „homo sapiens" in uns! Wir können aus dem Zustand der Konfusion, der Obrigkeitshörigkeit heraustreten. Es geht um eine Änderung unseres Bewusstseins, um Aufklärung.

Vor 230 Jahren gab es bereits eine Bewegung der Aufklärung. Immanuel Kant beschrieb sie 1784 so: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."2

Diese Beschreibung ist erstaunlich aktuell. Sie beschreibt sehr genau den „Symbiosemodus", indem sich so viele noch befinden. Unzutreffend scheint mir nur das „selbstverschuldet"! Kant und die Aufklärer nach ihm wussten offenbar noch nichts von den verinnerlichten unbewussten Verboten, die der Betroffene selber gar nicht lösen kann. Da helfen auch keine Appelle. Symbiosemodus und Konfusion haben sich weiter verbreitet. Der Prozess der Selbstzerstörung hat inzwischen globale Dimensionen erreicht.

Arno Gruen (Vgl. S.) hat als Ursache der kollektiven Destruktion die Selbst-Entfremdung, den Verlust der eigenen Autonomie beschrieben. Wie ich zu zeigen versuchte, kann Selbst-Entfremdung und Verlust der Autonomie als Folge eines früh erworbenen Abgrenzungsverbotes verstanden werden. Diese frühe, unbewusste Konditionierung hindert die Betroffenen daran, ihren eigenen Raum in Besitz zu nehmen und mit sich selber verbunden zu sein. Um diese Konditionierung zu lösen, um das Symbiose-Programm zu löschen, ist es daher erforderlich, die Abgrenzungsverbote bewusst zu machen und zu lösen.

 

 

Krise als Chance

Bewusstseinsänderung tut weh, sie geht nicht ohne Krise - beim Einzelnen, aber auch im Kollektiv. Krise ist die Chance - nicht eine Garantie! - für Veränderung. Krise kann Bewusstseinsveränderung beschleunigen, sie kann aber auch zur globalen Selbstvernichtung führen. Also begrüßen wir diese Chance! Und nutzen sie! Das könnte der entscheidende Schritt vom „homo confusus" zum „homo sapiens" sein.

Die Evolution vom Einzeller bis zu homo erectus verlief, so könnte man sagen „von selbst". Der anstehende Schritt vom „homo confusus" zum „homo sapiens", das Erkennen unseres Selbst und die Verbindung mit ihm erfordert anscheinend unsere aktive Beteiligung. Er fordert von uns, dass wir vom „Zuschauer" zum „Handelnden" werden, dass wir den Lehnsessel vor dem Fernseher verlassen und auf die Strasse gehen und uns einmischen - in das was uns und unsere Kinder betrifft!!

Eine große Herausforderung.

 

 

2.4 Empört Euch!

( Indignez-vous!) Unter diesem Titel veröffentlichte im Oktober 2010 der 93-jährige französische Widerstandskämpfer und UN-Diplomat Stéphane Hessel ein Essay. Hessel nennt viele Beispiele für verfehlte Politik, national und international, den Sozialabbau, den Konzentrationsprozess bei der Presse, den beschränkten Zugang zur Bildung, die Entwicklungspolitik vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise und die Umweltpolitik im Hinblick auf das Erdklima. Im Kapitel „Meine Empörung in der Palästinafrage" kritisiert Hessel - der selber als Jude verfolgt wurde - die israelische Politik in den besetzten Gebieten. Das Buch fordert den Leser zu einer engagierten Lebenshaltung auf, zu gewaltloser Revolte und zivilem Ungehorsam und proklamiert, dass jedermann einen Grund zum Widerstand habe. „Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung." Wenn auch die Komplexität der gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen keine einfachen Erklärungen erlaube, so sei doch „das Schlimmste, was man sich und der Welt antun" könne, die Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Verhältnissen.Der Finanzkapitalismus, der durch Lobbyisten den Staat beherrsche, bedrohe die Werte der Zivilisation, und die Unterschiede zwischen Arm und Reich seien in der Welt noch nie so groß gewesen wie in dieser Zeit. Die Behauptung, die Kosten für eine allgemeine soziale Sicherung wären zu hoch, sei falsch, da sie verkenne, dass der Wohlstand heute „so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag."

 

 

 

2.5 Soziale Vernetzung gegen Diktatur des Profit

Wir leben in einer Demokratie. Wenn Bürger nicht ihre Interessen und die ihrer Kinder vertreten, dann überlassen sie das Feld den globalen Machtstrukturen, die kein Gesicht und kein Gewissen haben.Wenn aber immer mehr Einzelne ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge bekommen, wenn sie ihre eigene Autonomie entwickeln und sich vernetzen, in sozialen Netzwerken, dann können viele zusammen eine Änderung bewirken.

Ein Werkzeug für diese Prozesse steht zur Verfügung: der Autonomie-Fragebogen und das „Do-it-yourself"-Format. Meine Vision ist: Systemisches Autonomie-Training wird als psychohygienische Massnahme in den Schulunterricht aufgenommen. Weiter: Es bilden sich Gruppen von Autonomie-Interessenten, die sich gegenseitig bei diesem Entwicklungsprozess unterstützen. (www.onself.de) So können Netzwerke von Gleichgesinnten entstehen. So kann das Leid der Einzelnen gelindert werden. So kann der notwendige Druck von unten entstehen, der „die da oben" zum Handeln bewegt. So kann auch kollektives Leid, kollektive Destruktion verändert werden! Dann könnte das „Experiment Mensch" gelingen, der Schritt vom „homo confusus" zum „homo sapiens".

 

Es gab und gibt immer Einzelne, die diesen Schritt schon getan haben. Einer von ihnen war Nelson Mandela (1918-2013). Er hat sich nicht der herrschenden Macht unterworfen. Wegen seiner Anti-Apartheid-Politik war er jahrelang im Gefängnis, erlebte Gewalt und Demütigung. Ihm gelang es, aus dem symbiotischen Teufelskreis von Hass und Gewalt auszusteigen. Er arbeitete mit den Politikern zusammen, die ihn zuvor ins Gefängnis gebracht hatten. Dadurch dass er seine Bedürfnisse, seine Interessen vertrat, und sich gleichzeitig für ein grösseres Ganzes verantwortlich fühlte, auch gegen den Widerstand der Mächtigen, konnte er mit dazu beitragen, dass das Apartheid-System überwunden wurde. Offenbar kannte auch er die inneren Widerstände, die inneren Verbote.

 

 

2.6 Unsere größte Angst ...

Bei seinem Regierungsantritt zitierte Mandela folgenden Text. Er stammt von der Autorin Marianne Williamson (geb. 1952). Sie beschreibt eindrücklich unsere unbewussten Verbote und fordert uns auf, uns von ihnen zu befreien:

„Unsere tiefste Angst ist nicht, ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist es, kraftvoll über alle Maßen zu sein.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten in Angst und Schrecken versetzt.

Wir fragen uns, darf ich großartig, hinreißend, begabt, fantastisch sein?
In Wirklichkeit, wer - außer dir selbst - könnte es dir verbieten?!
Du bist ein Teil des unbegreiflichen Ganzen. Du bist nicht dazu geschaffen, um dich klein zu machen!

Was für ein schrecklicher Irrtum, zu glauben, du müsstest dich klein machen, damit andere in deiner Umgebung sich besser fühlen!
Wir alle sind dazu bestimmt, die Herrlichkeit dieses wunderbaren Kosmos erstrahlen zu lassen, die in uns ist. Nicht in einigen von uns, nein in jedem von uns!

Und indem wir unseren Glanz leuchten lassen, geben wir, ohne es zu wissen, anderen die Erlaubnis, ihren Glanz genauso leuchten zu lassen.
Wenn wir von unserer Angst befreit sind, wirkt alleine unser Sein befreiend auf andere."3

München 1.6.2014

1 Arno Gruen: der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie menschlicher Destruktivität, München 1992, Vorwort.

 

2 Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Berlinische Monatsschrift, 1784, H. 12, S. 481-494.

 

3 Übersetzung ins Deutsche vom Verfasser.