Die christliche Botschaft, die Macht und das Autonomieverbot

Die Botschaft des Lebens

Lasset die Toten ihre Toten begraben!“ Der Mann der das sagte, muss viel vom Leben verstanden haben. Er predigte eine Liebe, die frei macht, die sich nicht durch Konventionen, durch religiöse Gesetze einengen lässt. Er verkehrte mit Sünderinnen. Er verjagte die Händler aus dem Tempel. Er war ein Revolutionär für das Leben. Dieser Mann war auf erschreckende Weise auto-nom.

Er wurde dafür zum Tode verurteilt – von der römischen Besatzungsmacht.


Das Grab war leer

Es gibt auch eine andere – später unterdrückte - Version: dass dieser Mann nicht am Kreuz gestorben ist, sondern nach Kaschmir auswanderte und dort viele (!) Frauen und Kinder hatte.

Eine unspektakuläre, eine lebensvolle Alternative!


Die verfälschte Botschaft

Seine eigentliche Botschaft wurde in den „Untergrund“ verbannt. Sie wurde verfälscht, unschädlich gemacht, z.T. ins Gegenteil verkehrt.

Wie konnte es dazu kommen?

Seine Gefolgschaft - enttäuscht darüber, dass er nicht wiederkam, wie versprochen – deutete seinen Folter-“Tod“ um:

Gott liebt euch so sehr, dass er seinen einzige Sohn geopfert hat, um eure Sünden zu tilgen!“

Das ist eine völlig andere „Liebe“. Diese „Liebe“ macht nicht frei, öffnet nicht den Weg ins Leben. Sie ist geeignet, ein kollektives Schuldgefühl zu erzeugen, verpackt als „Liebe“.

Diese „Liebe“ ist vergiftet.

Ein typisches Double-Bind.


Autonomie als Sünde

Perfekte Gehirnwäsche: Autonomie, Lebendigkeit wird zur Sünde, der Kadavergehorsam (Ignatius, Franziskus!) wird zur hohen Tugend umgedeutet.

Gott gefällig sei ein Gehorsam, wie der eines toten Körpers – corpo muerto - , das Fehlen jeden eigenen Willens!

Eine faszinierende Kombination, dazu geeignet, über Jahrtausende Menschen in eine kollektive Selbst-Entfremdung zu führen, die sie mit Abhängigkeit und Unterdrückung versöhnt, sie gefügig macht.

Das ermöglichte Manipulation. Das kollektive Autonomieverbot erzeugt ein Vakuum, das ausgefüllt wird von Macht, von totalitärer Macht.


Die Macht

Die derart verfälschte Botschaft wurde zum nützlichen Instrument der staatlichen Macht, der so veränderte christliche Glaube war als Staatsreligion geeignet.

Allerdings wurde nun eine Korrektur – eine weitere Verfälschung - erforderlich: verantwortlich für die Verurteilung diese Mannes konnte nicht mehr der römische Staat sein.

Es musste jemand anderer sein.

Die Juden. (Passion: „Kreuzige ihn!“)

Mit den bekannten Folgen.

Verfolgung, Progrome, Holocaust.

Schuld.

Instrumentalisierung der Schuld.

So wird das Autonomieverbot noch verstärkt durch weitere Schuld. Ein grauer Schleier trübt den Blick, die Last beugt die Schultern.


Diese Diskrepanz zwischen der Botschaft Jesu und der der Kirche machte bereits Dostojewski zum Thema, in einer aufrüttelnden, einer verwirrenden Parabel.


Dostojewski's Grossinquisitor

Nach einem Besuch in Rom, dem Vatikan, dem Petersdom formuliert Dostojewski in seinem Roman „die Gebrüder Kramasow“ das „Poem vom Grossinquisitor“.

Sevilla, im 15. Jahrhundert. Verbrennung der Ketzer. Da kommt ER und sie erkennen ihn, bitten ihn um Heilung. Sie bringen ein gerade verstorbenes Kind und ER erweckt es zum Leben.

Der greise Grossinquisitor beobachtet das aus der Ferne. Er schickt seine Häscher, die ihn fassen und in den Kerker werfen, in den die Ketzer kommen, bevor sie verbrannt werden.

Der Grossinquisitor kommt zu einem letzten Gespräch.

Warum bist du gekommen? Deine Botschaft der Freiheit hat die Menschen nicht glücklich gemacht. Nach schmerzlichen Enttäuschungen sind wir zu der Erkenntnis gekommen, was sie wirklich brauchen und wir geben es ihnen: Gehorsam, Autorität. Das predigen wir jetzt – in deinem Namen! - und die Menschen sind glücklich!

Du wirst schon morgen diese gehorsame Herde sehen, wie sie auf meinen Wink herbeistürzt, um die glühenden Kohlen deines Scheiterhaufens zu schüren, auf dem ich dich dafür verbrennen werde, dass du gekommen bist, uns zu stören!“

Der Greis wartet auf eine Antwort, und sei sie noch so furchtbar , so bitter.

ER lächelt, schweigt. Seine Antwort: ER küsst den greisen Grossinquisitor auf dessen welke Lippen.

Und der öffnet ihm die Kerkertüre, lässt ihn frei. „Komme nie mehr wieder,....... niemals!“


Der Kampf um Freiheit und Bewusstheit

Autoritäre Regierungen und Untertanen-Mentalität sind Realität. Bis heute. Das angeborene Grundbedürfnis nach Autonomie führte immer wieder zu Befreiungsbewegungen, individuell und kollektiv. Aber Aufklärung und Demokratie haben Macht, Ausbeutung und Unterdrückung, haben Selbstentfremdung und Lebensverbot bisher nicht beseitigt. Die Befreier wurden meist zu Unterdrückern.

Die Methoden der Unterdrückung sind subtiler geworden.

(Wieczorek:„Die verblödete Republik“)

Hat der Grossinquisitor also Recht?

Aber auch die Mächtigen sind sich selbst, ihrem Gefühl für sich und die anderen entfremdet. Als Ersatz dafür klammern sie sich um so mehr an die Macht, auch wen sie dadurch alle in den Abgrund reissen.


Die globale Krise

Die globale Krise zeigt, wie selbstzerstörerisch diese kollektive Selbst-Entfremdung ist. Die Strukturen der Macht scheinen unfähig, diese Entwicklung zu verhindern.

Gibt es eine Chance?

Das vielfache individuelle Leid könnte Anlass sein, die bestehenden Macht-Verhältnisse zu hinterfragen. Die Krise könnte eine individuelle und kollektive Bewegung zur Freiheit, zur Autonomie und Selbstbestimmung auslösen, eine Veränderung des Bewusstseins.

Die Befreiung aus Symbiose eröffnet den Zugang zur eigenen Lebendigkeit, zur Selbstbestimmung, auch zum Mitgefühl mit den Anderen.

Wenn dies neue Bewusstsein von Selbstbestimmung und Autonomie stärker wird als die unheilige Allianz der Selbstentfremdeten, könnte das die globale Katastrophe verhindern?