ICH BIN FALSCH

Identitätsstörungen im setting des Familienstellens (20.06.07)


Parentisierung

Dieser Begriff wird in der Familientherapie häufig verwendet. Wenn Eltern mit ihren eigenen Eltern Probleme hatten, tun sie sich schwer, selbst Eltern zu sein, im Gegenteil, nicht selten erwarten sie von ihrem Kind die Sicherheit, den Halt, die Zuwendung, die sie selbst nicht erfahren haben.

Das Kind spürt diese Erwartung, identifiziert sich damit – „falsches Selbst“ (Winnicott) – und ist „parentisiert, d.h. es hat das Gefühle, für die Eltern stark sein zu müssen, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu unterdrücken.


„Identifizierung“

Mit diesem Begriff bezeichnet Hellinger das Phänomen, daß Kinder für einen Elternteil eine Person vertreten, die ausgeklammert, verstoßen, früh gegangen oder früh verstorben war, also auch Geschwister, frühere Partner. Dieser Begriff ist weiter gefaßt, er beinhaltet jedoch Parentisierung als sehr häufige Form von Identifizierung.

Parentisierung und Identifizierung führen zu einer Verwirrung, zu einer Identitätsstörung. Sie verändern die Wahrnehmung und die Erwartungen des Betroffenen, bestimmen oft die Wahl des Partners und das Schicksal der Beziehung.

Sie sind verbunden mit einem zerrissenen Selbstgefühl, dem Schwanken zwischen einer grandiosen Selbstüberschätzung („falsches Selbst“, z.B. die Illusion, der Mutter den Vater ersetzen zu können) und dem Gefühl des schuldhaften Scheiterns (eine solche „mission imossible“ kann ja nur schiefgehen).


Mehrfach-Identifizierung und Verschmelzung

Bei meinen Klienten finde ich meistens eine Mehrfachidentifizierung, sie vertreten für einen Elternteil nicht nur ein fehlendes Geschwister sondern häufig auch noch den emotional wenig präsenten Ehepartner, und das nicht selten für beide Eltern! Sie sind sozusagen spezialisiert, sich an die jeweilige Situation anzupassen, mit tausend Antennen zu spüren, was gerade fehlt, in die Rolle zu schlüpfen, die gerade „gefragt“ ist.

Meistens finde ich bei der Systemaufstellung dann, daß sie sich am Platz von Mutter oder Vater besser auskennen als am eigenen Platz, sie sind dann mit dem Elternteil verschmolzen, das heißt, sie nehmen die Welt und sich selber aus der Perspektive des Elternteils wahr, als steckten sie in ihm darin. Oder sie spüren die Erwartungen, hören die Kommentare des Elternteils, als stecke Vater oder Mutter in ihnen drin.

Wenn diese Kommentare eher negativ sind, könnte man mit der psychoanalytischen Theorie von einem Introjekt , z.B. einer introjizierten Mutter, von einer malignen Symbiose sprechen.

Häufig ist in einer solchen Situation die Wahrnehmung eigener Gefühle und Bedürfnisse eingeschränkt, unterdrückt oder sogar tabuisiert im Sinne eines verinnerlichten Wahrnehmungsverbotes. In diesen Fällen könnte man von einer malignen Verschmelzung sprechen.

Die Entwicklung der Identität, einer autonomen Orientierung ist immer stark beeinträchtigt. Bisweilen gibt es so etwas wie ein verinnerlichtes Abgrenzungsverbot oder gar ein verinnerlichtes Autonomieverbot oder schließlich ein verinnerlichtes Lebensverbot.

Das ist die entscheidende Ursache für Beziehungsprobleme und psychische Erkrankungen.


Identitätsstörungen bei Ablehnung des eigenen Geschlechtes

Bisweilen kann ein Vater/ eine Mutter die Tochter/den Sohn nur schwer akzeptieren, weil er sich so sehr einen Sohn/eine Tochter gewünscht hätte. Kinder spüren das, identifizieren sich unbewußt – oder bewußt – mit der Wertung des Elternteils und entwickeln ein „falsches Selbst“ insofern, als sie ihr eigenes Geschlecht, ihre eigene Identität, ihr Selbst nicht annehmen können.

An drei Beispielen, die mir in den letzten Monaten begegnet sind, möchte ich das Phänomen beschreiben und die Zusammenhänge erläutern.


„Auch 150% sind noch zu wenig!“

L., ein ca. 40 jähriger, kräftiger Mann, leidet unter einem schrecklichen Perfektionismus. Er ist unglaublich geschickt, erfüllt seine Aufgaben so gut, daß die anderen sich ihm gegenüber unterlegen fühlen und er deshalb einen Job nach dem anderen verliert. Er ist arbeitslos, hat Schulden.

Er hat schon mehrmals seine Familie aufgestellt, ohne daß sich seine Problematik gebessert hätte.

Auch bei mir hat er schon mehrere Aufstellungen gemacht. Unter der Vorstellung, es könne sich um Scheitern als Sühne für eine Schuld handeln, habe ich sorgfältig bei ihm selbst und bei seinem System nach Schuld gesucht, ohne Erfolg. Ich habe sogar eine unbekannten Täter und sein Opfer aufgestellt, überprüft, ab er mit ihm identifiziert ist und das gelöst – ohne Ergebnis.

Da es sonst bei fast allen meiner Klienten zu einer Lösung kommt, ist sein ungelöstes Problem für mich eine Herausforderung .

Bei einem erneuten Gespräch kommt heraus: er hat später einmal, wie zufällig von seiner Tante erfahren, daß sich seine Mutter so sehr ein Mädchen gewünscht hatte! Er ist der Dritte von drei Söhnen!

Vielleicht ist das seine „Schuld“, nicht ein Mädchen geworden zu sein?

Ich lasse ihn zur „Mutter“ sagen: Mutter, ich bin nicht ein Mädchen, ich bin ein Junge, und ich stehe dazu!

Sein Schmerz, seine Trauer ist deutlich zu spüren, er bringt die Worte nicht über die Lippen.

Ich stelle einen Stellvertreter für sein „Y-Chromosom“ neben ihn, fordere ihn auf, sein Y-Chromosom anzuschauen: Du gehörst zu mir! Erst nach einer Weile kann er auf sein Y-Chromosom zu gehen, es in die Arme nehmen.

Nun wendet er sich der Mutter zu. Als Kind, auf den Knien lasse ich ihn sagen: Mutter, ich bin ein Junge, ich bin dein Kind, bitte hab mich lieb, so wie ich bin!

Die Mutter geht liebevoll auf ihn zu – aber er kann es nicht nehmen!

Für ihn stimmt der Satz: Mutter ich kann dir nicht trauen!

„Darf deine Mutter dir helfen, dass du ihr wieder trauen kannst?

Tränen in den Augen nickt er, noch ungläubig.

Die Mutter kniet sich seitlich von ihm auf den Boden, schrittweise nähern sie sich aneinander an, sorgfältig auf sein Gefühl achtend. Schließlich ist seine Sehnsucht nach ihrer Liebe größer, als seine Angst, abgelehnt zu werden, er kann sich an sie anlehnen, endlich seinen Kopf auf ihren Schoß legen, wie zum ersten Mal!

L. und seine „Mutter“ ziehen sich in eine geschützte Ecke des Raumes zurück, dort kann er diese neue Erfahrung noch eine Weile auf sich wirken lassen.

In den Wochen und Monaten nach dieser Aufstellung kommt es bei ihm zu heftigen seelischen und körperlichen Reaktionen, die immer wieder ein unterstützendes, klärendes Gespräch erforderlich machen. Aber er hat nicht mehr das Gefühle, perfekt sein zu müssen, er findet einen Job, lernt, sich abzugrenzen, zu sich selbst zu stehen.


Mordimpulse (R. 16.06.07)

Ein ca. 50 jähriger Klient, verbittert, verhärmt kommt zum Aufstellungsseminar. Er ist Einzelkind, hat von seiner Mutter, die selbst traumatisiert war, viel Demütigung und seelische Verletzung erlebt. Seit seiner Jugend immer wieder Mordimpulse, für die er sich schuldig fühlt.

In der Aufstellung gelingt es, die Verschmelzung mit der Mutter zu lösen, ihr zu zeigen, daß er sich jetzt wehren kann. Aber eine Annäherung an die Mutter scheint nicht möglich.

Nach einer kurzen Erleichterung geht es dem Klienten schlechter als zuvor, er fühlt sich wie ein hilfloses Kind, hat das Gefühl, sein „Selbst“ zu vermissen, so daß er nur schwer alleine sich von der Gruppe entfernen kann.

In einem Gespräch stoßen wir darauf, daß die Mutter sich ein Mädchen gewünscht hat, eine „Gertrud“, und daß er immer das Gefühl hatte: was er auch macht, es ist zu wenig, es reicht nicht.

Ich lasse ihn noch einmal aufstellen: jemanden für sich, für die Mutter und für sein männliches Selbst, natürlich einen Mann.

Er kann sein Selbst nicht anschauen, in einer Mischung aus Sehnsucht und Scham. Es dauert eine Weile, bis er sein Selbst ansehen kann, sich ihm nähern kann, sich von ihm die „Selbstenergie“ – die ihm offensichtlich fehlte – geben lassen kann.

Dann lasse ich ihn zur „Mutter“ sagen: Mutter ich bin ich, ich bin so wie ich bin, ich bin ein Mann, ob es dir gefällt oder nicht. Gott hat mich so geschaffen, hat mich so gewollt.

Wieder fällt es ihm zunächst schwer, der „Mutter“ diese Sätze ins Gesicht zu sagen. Es geht leichter, nachdem er der „Mutter“ symbolisch einen schweren Stein zurückgibt mit den Worten: Mutter, das sind deine Erwartungen, deine Wünsche nach einem Mädchen. Ich habe sie getragen, als seien es meine eigenen. Jetzt sehe ich, dass es deine sind und ich lasse sie bei dir, ganz!

Ich frage die „Mutter“, ob sie ihren Sohn liebt, so wie er ist, als Sohn. Die Stellvertreterin ist tief berührt und öffnet die Arme. Er geht auf sie zu, kniend, als „Bub“. Aber – er traut ihr nicht! Die Verletzungen waren zu schlimm.

„Darf sie dir helfen, daß du ihr trauen kannst?“ frage ich ihn. Er nickt, ungläubig.

Die „Mutter“ kniet sich auf den Boden, seitlich von ihm. Er verliert seine Angst, die Sehnsucht wird stärker und vorsichtig kann er sich ihr nähern, sich anlehnen und schließlich schluchzend wie ein kleines Kind, seinen Kopf in ihren Schoß legen.

Alle spüren die tiefe Lösung.

Die beiden ziehen sich in die Ecke zurück, wo er noch ca. eine halbe Stunde diese heilsame Erfahrung machen kann, angenommen zu sein als der, der er wirklich ist.


„Es ist nie genug“ (17.06.07)

Im selben Kurs, einen Tag später, stellt M. auf, eine zierliche temperamentvolle Spanierin. Sie leidet unter der Vorstellung: es ist nie genug. Sie ist Ingenieurin, sehr erfolgreich, setzt sich auch gegenüber männlichen Kollegen durch, aber das ist nicht genug, sie hat die Vorstellung, sie müsse eine eigene Firma gründen.

Sie ist die fünfte von fünf Kindern, der erste, der einzige Sohn starb kurz nach der Geburt.

Sie hat bereits einmal bei mir ihre Herkunftsfamilie aufgestellt, sie war identifiziert mit dem verstorbenen Bruder, ich hatte das nach den Regeln der Kunst gelöst, aber offensichtlich war das Thema noch nicht gelöst.

Mir kam das Bild: beide Eltern hatten sich so gewünscht, daß ihr letztes Kind endlich ein Bub sei. Sie erzählte später: während der Geburt, als bereits der Kopf geboren war und ein kräftiger Haarschopf zusehen war, sagte die Hebamme: das kann nur ein Junge sein!

Ich lasse sie Jemanden für sich, für ihr Selbst und für den Vater aufstellen.

Sie kann ihr Selbst buchstäblich nicht anschauen, sofort kommen ihr die Tränen. Nur mühsam gelingt es ihr, zu ihrem Selbst zu sagen: du gehörst zu mir, du bist mein Selbst. Vielleicht weiß ich gar nicht, wie sehr du mir fehlst. Das Selbst, das sich zunächst sehr schwach fühlte, spürt mehr Kraft. Schluchzend umarmt sie ihr Selbst, lange halten sich beide umschlungen.

In einem Ritual läßt sie sich vom Selbst ihre Selbst-Energie zurückgeben.

Nun wendet sie sich dem Vater zu, der sie liebevoll ansieht. Wieder bricht sie in Tränen aus, als könne sie seine Liebe gar nicht ertragen, da sie ja nicht der erwünschte Sohn ist.

Ich schlage ihr den Satz vor: Vater, ich bin deine Tochter, ich bin eine Frau!

Sie bringt es nicht über die Lippen.

Ich lasse sie dem Vater einen schweren Stein zurückgeben mit den Worten Vater, dass sind deine Wünsche, deine Erwartungen, ich solle ein Sohn sein. Ich habe sie übernommen, als seien es meine eigenen. Jetzt sehe ich, dass es deine sind, ich achte dich indem ich sie ganz bei dir lasse!

Es geht nicht!

Ich sage ihr: du bist noch zu groß! Sie wird „klein“, geht auf die Knie, und sagt den Satz: Vater ich wollte für dich stark sein, ein Junge sein, damit es besser wird. Aber es ist nicht besser geworden. Und ich habe ein Stück meiner Achtung verloren, für mich, aber auch für dich! Ich möchte meine Achtung wieder finden!

Erst jetzt kann sie, immer noch gegen großen inneren Widerstand, ihm den Stein zurückgeben.

Schluchzend spricht sie die Sätze: Vater, ich bin eine Frau, ich bin hundert Prozent eine Frau, Gott hat mich so gewollt! – Und schließlich kommt mein zweites X-Chromosom von dir!

Der „Vater“, tief bewegt, öffnet seine Arme, geht liebevoll auf sie zu und sie kann endlich in seine Arme fallen, seine Liebe nehmen.

Ich lasse ihn noch zu ihr sagen: du bist meine geliebte Tochter, du bist ganz in Ordnung, so wie du bist!


KOMMENTAR

Diese drei Fälle haben einige Gemeinsamkeiten:

- die Betroffenen fühlten sich von einem oder beiden Eltern in ihrem Geschlecht nicht angenommen.

- Offensichtlich hatten sie sich mit dieser Sicht identifiziert, so daß sie selbst ihre geschlechtliche Identität nicht annehmen konnten, so als wäre es ein Makel, eine Schuld.

Das „falsche Selbst“ ist komplex: Nicht nur identifizieren sich Kinder mit dem, was die Eltern von ihnen erwarten, sie können sich auch nicht mit dem identifizieren, was die Eltern an ihnen ablehnen!

- Sie haben das Gefühl, wegen diese „Makels“ nicht liebenswert zu sein, so wie sie sind.

- Anerkennung und Liebe müssen sie sich durch überdurchschnittliche Leistungen erwerben, zunächst von den Eltern, dann von den Anderen.

Bisher kannte ich als häufige Ursache für quälenden Perfektionismus das Phänomen, daß der Betroffene ein Elternteil wegen seiner Schwäche verurteilt hatte und sich selbst dadurch eine so hohe Hürde gesetzt hat, an der er nur scheitern kann.

Unterschiede:

In den zwei Fällen, in denen die Betreffenden offenbar dennoch erwünscht waren, entwickeln sie Fähigkeiten, Kraft, Durchsetzungsvermögen, wenn sie auch nicht immer (L) damit Erfolg haben.

R. erlebte grundsätzliche Ablehnung, erlebte körperliche und seelische Gewalt. Er reagierte mit Depression, Suizid- und Mordimpulsen.


Lösungen

Das setting der Systemaufstellung ermöglicht es, einen Stellvertreter für das Selbst, genauer den abgelehnten Geschlechtsaspekt der eigenen Identität einzuführen und auf einer nonverbalen Ebene eine Annäherung, eine Versöhnung zu erreichen, unterstützt durch Lösungssätze.

Erst in einem zweiten Schritt ist dann eine Annäherung an den ablehnenden Elternteil möglich. Meist zeigt sich ein symbiotischer Aspekt, da der Klient die Wertung des Elternteils übernommen hat, als sei es seine eigene. Auch nach der Lösung dieser Symbiose ist das Ankommen beim Elternteil erschwert, entsprechend einer „unterbrochenen Hinwendungsbewegung“ (Hellinger). Durch achtsames Vorgehen ist dennoch die Annäherung meist möglich. Der Klient kann, wie zum ersten Mal, die heilsame Erfahrung machen, angenommen und geliebt zu sein als der, der er/sie ist.

Dr.Ernst Robert Langlotz München