INSTITUT SYSTEMISCHE SELBST-INTEGRATION LANGLOTZ-KUTZELMANN

  •  Anpassungsprozesse bei Bindungstrauma – Rückmeldung von „Karla“


Liebe Freunde,
liebe Kolleg*innen,

Heute geht es wieder um das spannende Thema: wie gelingt es einem Kleinkind, in einer Familie zu überleben, in der es mit seinen Gefühlen nicht wahrgenommen, oder gar abgelehnt wird. Dazu zitiere ich die Rückmeldung von „Karla“.

Zunächst etwas Organisatorisches: Da für einige Interessenten die vorgeschlagenen Termine nicht möglich waren, muss ich leider den Intensivkurs noch einmal verschieben:
Intensivkurs, neue Termine
1. Modul: 05.11. – 08.11.2026
2. Modul: 18.03. – 21.03.2027

Anpassungsprozesse bei Bindungstrauma – Rückmeldung „Karla“

Im emotionalen Gedächtnis eines Kleinkindes, das existenziell auf die Zuwendung eines mehr oder weniger traumatisierten Elternteils angewiesen ist, finden tiefgreifende Anpassungsprozesse statt. Diese waren damals – und sind auch heute – dem bewussten Erleben nicht zugänglich. Sie wurden unbewusst gespeichert und prägen das Selbstbild sowie das Erleben im Erwachsenenalter. Häufig wird dies fälschlicherweise als ein Teil der eigenen Identität wahrgenommen, obwohl es heute nicht mehr passend ist, was zu Stress und Schwierigkeiten führen kann. Diese innere Zerrissenheit veranlasst viele Klienten, therapeutische Unterstützung zu suchen.

Seit fünf Jahren setzen wir die Aufstellungsmethode mit Symbolen ein, um diese Bindungstraumata zu erforschen und zu lösen, und konnten dabei wertvolle Erfahrungen sammeln.
Diese Methode nutzt eine „nonverbale Sprache“, die einen Zugang zum emotionalen Gedächtnis ermöglicht. So können die Dynamiken dieser unbewussten Prozesse bewusst gemacht werden. Die Herausforderung besteht dann darin, diese Dynamiken in eine Sprache zu „übersetzen“, die sowohl für den Klienten als auch für den Therapeuten vertraut und verständlich ist.

Auch die Rückmeldungen von Klienten nach einem Lösungsprozess liefern aufschlussreiche Einblicke in die unbewussten Dynamiken.

Diese immer besser zu verstehen, ist wichtig, sowohl für Therapeuten, als auch für Klienten.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle den Brief einer Klientin, – nennen wir sie Karla – zitieren, in dem sie sehr anschaulich die Veränderungsprozesse nach einer Aufstellung (hier in „kursiv,fett“)  beschreibt. Meine Rückschlüsse zu den damaligen Entstehungsbedingungen sind in „normaler“ Schrift dargestellt.

Die 2. Sitzung war letzten Sommer, und seitdem bin ich in einem fortlaufend guten Prozess.
Ich bin in den Monaten danach mit den tiefsten Schichten von Schmerz und Verzweiflung in Kontakt gekommen, auf denen sich mein altes Selbstbild von Opfer und Retter aufgebaut hat, werde immer bewusster im Kontakt und kann viel schneller durchschauen und loslassen, wenn sich diese Muster /Überlebensmechanismen zeigen. Manchmal zeigen sie sich überhaupt nicht mehr.

Dieser tiefe Schmerz und die Verzweiflung spiegeln die emotionale Realität eines Kindes wider, das von seinen Eltern nicht die bedingungslose Liebe erfahren hat, die es existenziell benötigt, um sich wertvoll und „richtig“ zu fühlen – genau so, wie es ist. Für ein Kleinkind, das auf sich allein gestellt ist, stellt dies eine große Herausforderung dar. Um sich dennoch mit den Eltern verbunden zu fühlen, ist es gezwungen, das Eigene zu unterdrücken (abzuspalten) und sich stattdessen an deren Erwartungen, Bedürfnissen und Perspektiven anzupassen.

Das Übernehmen der elterlichen Sichtweise erfordert also das Ignorieren der eigenen Perspektive, die als störend, falsch oder verboten erlebt wird.
Dieses verzerrte Selbstbild – das sogenannte „falsche Selbst“ nach Winnicott – beinhaltet sowohl die Unterdrückung des Eigenen (Opferrolle) als auch grandiose Helfer- und Retterfantasien. Es ist eine bemerkenswerte kreative Leistung des Kindes, auf die es – zu Recht – stolz sein kann, zumal es diese oft irrtümlich für Liebe hält.

Es fühlt sich ein bisschen wie ein Sterbeprozess an. Ein altes Selbstbild, das stirbt…und wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr auf die alte Art und Weise hier bin…

Der Begriff „Sterbeprozess“ beschreibt emotional sehr treffend diesen schmerzlichen Abschied von einem früheren Überlebensmodus, der damals lebensnotwendig war.

Es ist ein merkwürdiges Empfinden in einem unbekannten Raum zu sein.
Ich gestatte mir darin zu bleiben und erlebe neue Qualitäten von generell mehr Energie und einen Lebensfunken, der gezündet ist und nicht so schnell ausgeht. Grössere Resilienz und eine stille Zufriedenheit im Dasein.

Da das Eigene damals als fremd und falsch abgespalten werden musste, erscheint es jetzt neu, unbekannt und möglicherweise sogar bedrohlich – besonders, wenn man sich zuvor gut mit dem alten Programm „arrangiert“ hatte. Dann kann das achtsame Annähern an das Unbekannte sehr beglückend sein, wenn es sich als das so lange vermisste Eigene erweist.

Es geht allerdings auch immer noch auf und ab. 🙂
So bin ich z.B.im Moment in Kontakt mit Trauer über den Verlust dessen, was nicht sein konnte in meiner Familie und Kindheit.

Dies ist der „reale“ Schmerz, den das Kind damals abgespalten hatte und den die erwachsene Karla heute wieder spüren darf – ohne sich damit zu identifizieren, da diese Zeit längst vorbei ist.

Und da ist noch ein kleiner Teil, der sich etwas schwertut im Annehmen und Vergeben meiner selbst und eben den Überlebensmechanismen, die damals notwendig waren. Eine sehr subtile Form von Selbstverachtung, von der ich gar nicht wusste das sie da ist.

Hier spricht Karla einen zentralen Aspekt der Dynamik an. Eine unbewusste Strategie, diese Selbstverachtung zu vermeiden, könnte darin liegen, am alten Überlebensprogramm als Teil der eigenen Identität festzuhalten. Denn der Abschied von diesem Programm kann die Selbstverachtung aktivieren, was wiederum den Lösungsprozess gefährden würde, da das Ziel darin besteht, die Verbindung zum unschuldigen, wahren Selbst herzustellen. Deshalb ist es für die Klientin entscheidend zu erkennen, dass sie damals nur auf diese Weise überleben konnte. So muss sie sich heute nicht mehr selbst verurteilen. Dadurch kann sie das ungewohnte Glück erleben, mit sich selbst verbunden zu sein und gleichzeitig Nähe und Verbindung zu anderen Menschen zu spüren. Sie kann sich zeigen, so wie sie ist, und kann das Andersartige beim Gegenüber wahrnehmen, ohne sich selber abwerten zu müssen.
Auf diese Weise wird das möglich, was wir als „artgerechte Beziehung“ bezeichnen.

TERMINE

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Wir grüssen euch herzlich!

Ero und Phil

(versendet: 03.05.2026)