systemische selbstintegration MÜNCHEN
Zur Diskussion gestellt:
Psychose nach Familienaufstellung?

Familienaufstellung mit Psychosepatienten

Als Psychiater habe ich immer wieder auch Psychosepatienten in meinen Gruppen. Da das Familienstellen in der herkömmlichen Form nur mäßige Wirkung zeigte, bezog ich archaische Ablösungs- und Abschiedsrituale in die Aufstellungsarbeit mit ein. Kürzlich tauchte im setting des Familienstellens das altbekannte Symbiose-Thema auf, zusammen mit einem kraftvollen archaischen Abgrenzungs-Ritual. Das „Verschmelzungs-Syndrom“ und die damit verbundene Abgrenzungs- und ICH-Schwäche scheint ein sehr häufiges Beziehungsmuster zu sein, welches bei der Entstehung „psychiatrischer“ Erkrankungen insbesondere von Borderlinestörungen und Psychosen eine entscheidende Rolle spielt. Wenn wie auf dieses Syndrom achten und diese Lösungsrituale in die Aufstellungsarbeit einbeziehen, eröffnen sich uns neue therapeutische Möglichkeiten1. Und es könnte Aufstellern helfen, wenn nicht eine Psychosegefährdung selbst, so wenigstens die Symbiosemuster zu erkennen und durch die geeigneten Rituale die Ich-Stärke und Abgrenzungsfähigkeit der Klienten zu unterstützen.

Wenn man – wie ich – dem Familienstellen eine wichtige komplementäre Rolle im Therapiespektrum gerade auch der Psychosen einräumen möchte, ist es fatal, dass ausgerechnet durch das Familienstellen Psychosen ausgelöst werden können. Wie lässt sich das verstehen?


Psychose nach einer Familienaufstellung

Immer wieder höre ich, dass Klienten nach einer Familienaufstellung psychotisch dekompensieren. Leider kenne ich keinen Bericht eines beteiligten Aufstellers. Sosehr ich das Schweigen nachvollziehen kann, so wichtig wären Berichte, um die Zusammenhänge besser zu verstehen. Aber vielleicht wissen viele Aufsteller gar nicht, dass ihr Klient nach der Aufstellung eine Psychose bekam, weil sie ihre Patienten nicht nachbetreuen!?
Das Familienstellen ist eine ungeheuer machtvolle Methode, die daher auch schaden kann. Das erfordert eine professionelle Vorgehensweise und die Möglichkeit von Nachgesprächen.

Folgende eigene Beobachtungen und Erfahrungen sollen das Thema "Psychose nach Aufstellung" verdeutlichen. Ich füge einige Mosaiksteine zusammen und wünsche mir Ergänzungen aus dem Kreis der Aufsteller.

  • Bei meinen Bemühungen, das Familienstellern unter Psychiatern bekannt zu machen, höre ich von einer jungen Klinik-Kollegin : “ich kenne die Aufstellungsarbeit nur über die Patienten, die nach einer Aufstellung psychotisch wurden“.


  • Vor Jahren suchte mich eine Klientin auf, weil ihre Tochter psychotisch geworden war. Sie hatte sich früh von dem Vater des Kindes getrennt. Als sie bei Hellinger las, wie wichtig für ein Kind der Kontakt zum Vater sei, versuchte sie, einen Kontakt zwischen Tochter und Vater herzustellen – und die Tochter wurde psychotisch!
    Der Mann hatte selbst eine Psychose. In einem psychotischen Zustand hatte er versucht, seine Frau umzubringen. In diesem Fall war es also richtig, die Tochter vor dem Kontakt zum Vater zu schützen!


  • Eine Klientin stellt ihre Gegenwartsfamilie bei mir auf. Sie verabschiedet sich von ihrem geschiedenen ersten Mann mit den bewährten Sätzen: Das Schöne, dass ich mit Dir erlebt habe, behalte ich im Herzen....
    Am nächsten Tag ist sie sichtlich verwirrt. Ihr Begleiter ist empört und vorwurfsvoll: „Das war schon bei der letzten Familienaufstellung so!“
    Die genaue Befragung ergibt, dass der Mann gewalttätig gegen sie gewesen war. Auch hier war es wichtig für sie, sich vor dieser Energie zu schützen. „Ich achte deine Verwirrung und deine Schuld und lasse sie ganz bei dir“. Danach ging es ihr zusehends besser.


  • Eine Kollegin, die selber Aufstellungen leitet, spürt, dass ihr der Kontakt mit ihrer Mutter nicht gut tut und hält Distanz. Die Mutter hat eine Psychose. Von mehreren erfahrenen Aufstellern wird ihr vorgeworfen, dadurch ihre Mutter nicht zu achten, das macht ihr Schuldgefühle.


  • Eine psychotherapeutische Klinik unterbindet Psychosepatienten den Kontakt zu den Eltern, um einen Rückfall zu vermeiden. Dies geschieht allerdings auf eine sehr missachtende Art und Weise, sodass die Klienten die Achtung für die Eltern – und das Vertrauen in die Klinik – verlieren.


  • Zusammenfassung: Wir wissen, dass es bei Psychose häufig Schuld im System gibt, dass Psychose als unbewusste Sühne für fremde Schuld verstanden werden kann2.
    Gegenüber einem Elternteil, der sich z.B. durch Gewalttätigkeit schuldig gemacht hat – oder selbst fremde Schuld übernommen hat, darf, ja muss der Klient sich schützen, gerade weil er oft die Tendenz hat , Schuld und Sühne zu übernehmen.
    Der Aufstellungsleiter sollte sorgfältig die Beziehung des Klienten zu Mutter/Vater erfassen und darf bei der ohnehin geringen Abgrenzungsfähigkeit des Klienten eine lebensrettende Distanzierung zu seinen Eltern nicht diffamieren oder gar aufheben. Möglicherweise besteht dann die Gefahr einer Retraumatisierung, einer psychotischen Reaktion!? Das könnte eine Erklärung für die von mir zitierten Beobachtungen sein.
    Mir hat sich in solchen Situationen folgender Satz bewährt, der Achtung und Schutz verbindet: Ich achte das Leben, das ich von Dir habe , indem ich es vor Dir schütze.

    Ich hoffe auf weitere „Mosaiksteine“, damit sich das Bild rundet.

    Dr. med. Ernst R. Langlotz


    Literatur

    1 Das Verschmelzungssyndrom

    2 Familienstellen mit Psychosepatienten, ein Kurs mit Bert Hellinger (1998)
    Herausgegeben von Ernst R. Langlotz




    << zur Übersicht ]
    nach oben ]

    © Copyright 2006, Dr. Ernst Robert Langlotz.  Alle Rechte vorbehalten.