Das Familienstellen ist ein wertvolles Instrument, um familiäre Verstrickungen sichtbar zu machen
und zu lösen. Das Aufstellungsbild spiegelt das Beziehungsgeflecht der Familie wieder, durch
geeignete Lösungs - Dialoge und - Rituale werden die kindlichen Überlebensstrategien deutlich
wie Identifikation, Tragen für die Eltern. Durch einen Lösungsprozess kann der Klient kognitiv
und emotional wahrnehmen, welche Bewältigungsstrategien er unbewusst hatte und warum sie scheitern
mussten. Ein solcherart prozessorientiertes Familienstellen ermöglicht dem Klienten die
Ablösung von den Eltern, die Versöhnung mit den Eltern, mit dem Schicksal, mit sich selbst.
Durch das Zusammenwirken des Leiters, seiner Intuition und "experimentellen" Grundhaltung einerseits
und der Wahrnehmung der Stellvertreter und des Klienten andererseits tauchte ein Phänomen auf, das
ich im Kontext des Familienstellens als "Verschmelzungssyndrom" bezeichnen möchte.
Im Folgenden schildere ich das Phänomen und
seine Auswirkungen auf den Ablösungsprozess und stelle Überlegungen zur Entstehung und
Funktion an.
Familienstellen und die Ablösung von den Eltern
Nur wenn ein Kind bei seinen Eltern ankommen kann, von ihnen emotional Zuwendung und Halt erlebt,
kann es sich von ihnen auch ablösen, kann es den Übergang vom Kind zum Erwachsenen, den
Schritt zu sich selbst, zur eigenen Kraft, Klarheit und Würde gehen.
Wenn Eltern aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen dem Kind emotionale Wärme und Halt nicht
geben können, dann entwickeln Kinder Überlebensstrategien, sie haben die Illusion,
den Eltern fehlende Personen ersetzen zu müssen (Identifizierung) oder den Eltern ihr
Schicksal abnehmen zu müssen (Tragen für die Eltern). Diese Anpassungs- und
Bewältigungsstrategien ermöglichen vielleicht der Familie und dem Kind ein Überleben,
aber sie bewirken, dass der Klient ein unzutreffendes Selbstbild entwickelt und "am falschen Platz"
steht. Es kann bei den Eltern nicht ankommen, von ihnen Halt und Liebe nicht nehmen und sich
nicht ablösen.
Das Finden zu sich selbst, die Individuation ist dadurch beeinträchtigt.
Darüber hinaus behält er seine Überlebensstrategien
bei, sie bestimmen seine Partnerwahl, erschweren die Entstehung einer ebenbürtigen belastbaren
Partnerbeziehung.
Das prozessorientierte Familienstellen mit seinen archaischen Abschieds- und
Ablösungsritualen ermöglicht es dem Klienten, den Prozess des Ankommens bei den Eltern und
der Ablösung von den Eltern in einer Gruppe mit Stellvertretern quasi nachzuholen.
Es gab schon immer einzelne Patienten die offensichtlich für die Eltern viel getragen, ihnen
mehrere fehlende Personen ersetzt haben. Sie scheinen so mit den Eltern "identifiziert", dass sie
meist keinen Vorwurf gegen die Eltern haben. Bei ihnen scheinen die Rückgaberituale keine
Wirkung zu haben, nach einer Aufstellung kommt es zu keiner oder nur zu einer kurzen Besserung.
Die Verschmelzung
Es wurde deutlich, dass diese Patienten noch mit den Eltern, mit Vater/oder Mutter symbiotisch
verschmolzen sind, so als hätten sie sich nur körperlich von den Eltern getrennt, als sei
ihre Seele noch mit den Eltern verschmolzen, als "steckten sie selbst noch in den Eltern". Die
Nabelschnur ist noch nicht durchtrennt. Sie kennen genau die Gefühle, die Gedanken und
Wünsche der Eltern, ihre Reaktionen, sie haben aber - zumindest zeitweise, z. B. im Kontakt mit
den Eltern - keinen Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen, ihren eigenen Gefühlen. Sie selber
bemerken oft nicht den Zusammenhang. Es erscheint logisch, dass eine solche Verschmelzung erst
wahrgenommen und gelöst werden muss, damit ein Klient bei seinen Eltern als Kind ankommen und
sich dann ablösen kann. Das prozessorientierte Familienstellen ermöglicht es,
eine solche Verschmelzung sichtbar zu machen und durch ein geeignetes Ritual zu lösen.
Lösungsritual bei Verschmelzung
Um das Vorliegen einer Verschmelzung festzustellen, stellt sich der Klient auf den Platz des
jeweiligen Elternteils und spürt, wie er sich dort fühlt. Wenn er sich dort "auskennt",
"zuhause fühlt", ist das ein Hinweis für Verschmelzung. Er verlässt dann bewusst mit
einem großen Schritt den Platz von Vater oder Mutter und sagt zu ihm/ihr: "du bist du, ich bin
ich. Du hast dein Schicksal, ich habe mein Schicksal".
Die Rückgaberituale werden jetzt erst
wirksam und erhalten eine tiefere Bedeutung. "Ich wollte deine Trauer, deine Zerrissenheit tragen,
als wäre es meine eigene..."
Es wird deutlich, wie diese Rituale den notwendigen
Abgrenzungsprozess unterstützen, dem Klienten dazu verhelfen, das Fremde, Übernommene
abzugeben und das verlorene oder noch nicht entdeckte Eigene wieder zurück zu erhalten.
Nun kann er sich als Kind fühlen, die Eltern als Eltern wahrnehmen - und von ihnen als Kind
wahrgenommen werden. Er erinnert sich daran, wie schrecklich alleine er sich fühlte und kann den
Satz sagen "bitte nimm mich in den Arm, weil ich ich bin". Vielleicht zum erstenmal macht er die
Erfahrung, gleichzeitig bei sich zu sein und in den Arm genommen zu werden.
Das ist eine heilende Erfahrung.
Wirkung
Das Lösen der Verschmelzung kann die Entwicklung eines eigenen "Ich-Kerns", der "Ich-Stärke"
unterstützen. Eigene Wünsche und Bedürfnisse werden wahrgenommen. Die eigene Wut, solange
unterdrückt, wird wieder spürbar und ermöglicht Abgrenzung und Auseinandersetzung und
dadurch das Entstehen einer Ich-Du-Beziehung.
Beispiel:
Eine Klientin berichtete einen Tag nach der Aufstellung, dass sie abends nachhause kam und in der
Küche das bekannte Chaos vorfand: die beiden halbwüchsigen Mädchen maulten
"wir haben nichts zu essen". Sonst wäre sie - selbst nach 10-stündigen Arbeitstag - selber
losgegangen, um einzukaufen. Nun konnte sie - zu ihrem eigenen Erstaunen - den beiden laut und
deutlich sagen: wenn ihr nicht eingekauft habt, gibt es eben nichts zu essen. Und bringt sofort die
Küche in Ordnung!" Anschließend ging sie zu einem Abendessen, merkwürdigerweise ohne
Schuldgefühle und sie hatte auch nicht das Bedürfnis, wie sonst, Essensreste für die
Kinder und den Hund einzupacken.