Newsletter Januar 2008
07.01.2008
Liebe Freunde!
Liebe KollegInnen!


Inhalte dieses Newsletters:
  • "Einen anderen ihn selbst sein lassen"
  • Achtung und Abgrenzung
  • Das Selbst in Systemaufstellungen
  • Neue Termine:
    Infoabend für Kollegen am 27.02.2008
    Therapieseminar in Todtmoos/ Schwarzwald 03.-06.07.2008


Nun hat das Neue Jahr 2008 begonnen.
In diesem Newsletter möchte ich einen Text von Carl Rogers vorstellen, der mir in seiner Aussage und seiner schlichten, klaren Formulierung sehr gut gefällt.

Einen anderen ihn selbst sein lassen
Die folgende Lernerfahrung lässt sich vielleicht nur schwer mitteilen. Sie lautet: Je mehr ich gegenüber den Realitäten in mir und anderen offen bin, desto weniger verfalle ich dem Wunsch, herbei zu stürzen und „die Dinge in Ordnung zu bringen". Während ich versuche, mir und den Erfahrungsvorgängen, die sich in mir ereignen, zuzuhören, und je mehr ich versuche, die gleiche zuhörende Einstellung auf anderen Menschen auszudehnen, desto mehr Respekt empfinde ich vor den komplexen Prozessen des Lebens.

So werde ich immer weniger dazu neigen, hinzu zu eilen, um Dinge in Ordnung zu bringen, Ziele zu setzen, Menschen zu formen, sie in die Richtung zu manipulieren und zu schieben, in die ich sie haben möchte. Ich bin weit mehr damit zufrieden, einfach ich selbst zu sein und einen anderen sich selbst sein zu lassen.

Ich weiß wohl, dass dieser Standpunkt fremd, beinah orientalisch anmuten muss. Wozu denn das Leben, wenn wir nicht vorhaben, etwas aus Menschen zu machen? Wozu, wenn wir nicht vorhaben, sie nach unseren Zwecken zu formen? Wozu das Leben, wenn wir nicht vorhaben, ihnen Dinge beizubringen, die sie unserer Meinung nach lernen sollen? Wozu, wenn wir nicht vorhaben, sie dahin zu bringen, so wie wir zu denken und zu empfinden? Wie kann jemand solche Passivität vertreten wie ich? Sicher finden sich auch in ihrem Verhalten vielfach solche Einstellungen.

Aber das ist gerade der paradoxe Aspekt meiner Erfahrung: Je mehr ich einfach gewillt bin, inmitten dieser ganzen Komplexität des Lebens ich selbst zu sein, und je mehr ich gewillt bin, die Realitäten in mir selbst und im anderen zu verstehen und zu akzeptieren, desto mehr scheint Veränderung in Gang zu kommen.

Es ist eine sehr paradoxe Sache - in dem Maß wie jeder von uns gewillt ist, er selbst zu sein, entdeckt er, dass er sich verändert, und nicht nur das: Er findet auch, dass sich andere verändern, zu denen er Beziehung hat. Dies ist zumindest ein sehr lebendiger Teil meiner Erfahrung und eine der tiefsten Erkenntnisse, die ich in meinem persönlichen und beruflichen Leben gewonnen zu haben glaube.
(Quelle: „Entwicklung der Persönlichkeit" von Carl R. Rogers, Klett-Verlag, Stuttgart 1976)

Die Beschäftigung mit diesem Text hat mich zu den folgenden Überlegungen veranlaßt.


Achtung und Abgrenzung
Mir wird immer deutlicher, dass fehlende Achtung, die Tendenz, andere zu beurteilen, zu bewerten, als hätte man ein Recht dazu, distanzlos, übergriffig, anmassend und unabgegrenzt ist. Es scheint, als erlebten sich die Betreffenden nicht als im eigenen Boot, im eigenen Raum stehend, sondern als befänden sie sich an Bord des anderen - oder er in ihrem Boot, als gäbe es keine Grenze dazwischen.

Diese weit verbreitete Tendenz, andere zu beurteilen, hat etwas Destruktives. Und es drängt sich mir die Vermutung auf, dass es sich um ein fehlgeleitetes aggressives Potential handelt: Wenn jemand sich nicht abgrenzen kann, sein aggressives Potential nicht einsetzen kann, um seinen inneren Raum erfolgreich gegenüber anderen zu schützen, dann sucht sich sein aggressives Potential andere Wege, es wird destruktiv.

Zu diesem Verständnis paßt, dass diese Tendenz, andere abzuwerten, auch Aspekte einer undifferenzierten Überabgrenzung hat, jenem verzweifelten - aber untauglichen - Bemühen, sich selbst nicht unabgegrenzt im Gegenüber zu verlieren.

Durch diese „Strategie" geht jedoch die Achtung für den Anderen - und für sich selbst - verloren. Denn so, wie man andere abwertet, wertet man sich auch selbst ab. Diese Dynamik wirkt selbstverstärkend im Sinne eines Teufelskreises.

Umgekehrt verstärkt Achtung die Abgrenzung.
Das erklärt die Wirksamkeit dieses „Rituals" im klassischen Familienstellen.

Das Selbst in Systemaufstellungen
Neue Einsichten und zwei Fallbeispiele zu diesem Thema auf der Homepage: „Das Drama der Selbstfindung".


Neue Termine

Infoabend für Kollegen (und Klienten)
Mittwoch, 27.02.2008, 19.00 in der Praxis, Teilnahme gratis

Seminar in Todtmoos/Schwarzwald
Vom 03.07. bis 06.07.2008 werde ich nach langer Zeit wieder ein Aufstellungsseminar in Todtmoos leiten, im Forum von Pieter Loomans, einem langjährigen Mitarbeiter Karlfried Dürckheims. Anmeldung über meine Praxisadresse bzw. Emailadresse.


Nun wünsche ich Euch allen Gesundheit, Freude und Erfolg!

Euer
Robert Langlotz



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