Maligne Symbiose und Autonomiestörung als entscheidende Ursache von Streß und Krankheit
Der Beitrag des "prozessorientierten" Familienstellens zu Diagnostik und Therapie

Als Psychiater verwende ich seit 13 Jahren das Familienstellen in einer modifizierten "prozeßorientierten" Form. Der häufige Befund, dass Klienten am Platz eines Elternteils stehen, als würden sie die Welt und sich selbst durch deren Augen sehen, hat mein Verständnis von maligner Symbiose im Zusammenhang mit einer Störung der autonomen Wahrnehmung und Selbstregulation (Autonomiestörung) entscheidend vertieft. Da dieser Befund bei Klienten mit ganz unterschiedlichen Beschwerdebildern vorliegt, liegt die Vermutung nahe, dass wir es hier mit der zentralen Ursache vieler (aller?) Gesundheitsstörungen und Verhaltensstörungen zu tun haben.
Die therapeutischen Wirkungen der hier vorgestellten Lösungsstrategien scheinen diese Vermutung zu bestätigen.
Für eine erfolgreiche Therapie ist es daher entscheidend, dass die maligne Symbiose und die damit verbundene Autonomiestörung erkannt und gelöst wird.
Einzelne Aspekte dieses Themas sind schon häufig als bedeutsam für eine therapeutisch wirksame Strategie dargestellt worden.
Durch die Erfahrungen mit dem "prozessorientierte Familienstellen" ist ein Gesamtkonzept entstanden, welches die Symptomatik, die dynamischen Vorgänge, die Entstehungsbedingungen und die therapeutischen Lösungsmöglichkeiten deutlich und verständlich werden lässt.


Symbiose

Unter Symbiose versteht man in der Biologie das Zusammenleben zweier verschiedener Spezies, z.B. Bakterium und Pilz in Form der Flechte, welche dabei jedoch einen Teil ihrer Autonomie verlieren.
In der Entwicklungspsychologie hat man die innige, empathische Verbundenheit der Mutter mit dem Säugling, welche für dessen Entwicklung wichtig ist, als Symbiose bezeichnet. Durch neuere Forschungen hat sich jedoch gezeigt, daß der Säugling bereits sehr früh durch eigene Impulse die Mutter-Kind-Beziehung aktiv mitgestaltet.


Eigene Erfahrungen

Entsprechend meiner zum Teil psychiatrischen Klientel habe ich die Methode modifiziert. Nach meiner Einschätzung handelt es sich um eine hoch effiziente, eigenständige Variante einer systemischen Familientherapie, welche das therapeutische Spektrum wesentlich bereichern kann.
Schon die gezielte systemische Familienanamnese, welche nach früh verstorbenen, ausgeklammerten und ausgestossenen Familienmitgliedern der letzten drei Generationen fragt, aber auch nach Trauma und Schuld, kann unerwartete positive Wirkungen auslösen.


Maligne Symbiose oder Verschmelzung bezeichnet eine symbiotische Mutter-Kind-Beziehung, welche nicht der Autonomie-Entwicklung des Kindes dient. Im Gegenteil , das Kind lernt, eigene Autonomie-Impulse zu unterdrücken - verinnerlichtes Autonomieverbot.
Diese Verschmelzung ist ein ursächlicher Aspekt der Autonomiestörung und zugleich deren Folge. Sie wird zum Modell für spätere Beziehungen, zum Partner, zur Arbeit, zum Kind. Sie ist das Leitsymptom einer grundlegenden Störung der Autonomie.


Autonomie

Unter Autonomie wird hier die Fähigkeit verstanden,

eine eigene Wahrnehmung der Welt und von sich selbst entwickeln, und eigene Gefühle und Bedürfnisse spüren und äußern zu können.

Diese autonome Wahrnehmung ist entscheidend für Identitätsentwicklung und Orientierung, für die soziale, seelische und körperliche Selbstregulation, für die Möglichkeit, sich verändern und wachsen zu können.
Ist diese zentrale Instanz beeinträchtigt oder blockiert, dann ist eine autonome Selbststeuerung, eine Kontaktaufnahme beeinträchtigt. Es droht Desorganisation, Verwirrung,  Dekompensation oder Zusammenbruch, auf der sozialen, psychischen oder somatischen Ebene.
Um das zu verhindern, um ein Überleben zu ermöglichen, kommen Kompensations-Strategien ins Spiel.
Sozial: Abhängigkeit, Fremdbestimmung, Außensteuerung, aber auch Kontrolle, die Tendenz andere, den Partner oder die Kinder zur eigenen Stabilisierung zu benützen., dissoziales Verhalten, Gewalt.
Psychisch: Steigerung von Empathie und Intuition, der Fähigkeit, Gefühle, Wünsche und Gedanken des Gegenüber zu erfassen. Damit verbunden die Tendenz, abweichende eigene Gefühle, Wünsche und Gedanken zu unterdrücken.
Der Sensor, welcher für die Selbstregulation erforderlich ist, wird ganz oder teilweise ausgelagert, in das Gegenüber. Das erschwert zusätzlich eine autonome Selbstorganisation und Selbstregulation.
Somatisch: Die unterdrückten „negativen“ Gefühle, insbesondere angestaute aggressive Impulse sind eine wesentliche Ursache für Erkrankungen. Diese ermöglichen bisweilen Abgrenzung und Rückzug, ohne dass der Betroffene sozial und psychisch „das Gesicht verliert“.

Diese unbewussten Kompensationsstrategien des Klienten sind immer mit Streß verbunden. Vorübergehend ermöglichen sie vielleicht das Überleben. Längerfristig verschlimmern sie, im Sinne eines Teufelskreises die Situation. Bisweilen kommt es krisenhaft zu einer akuten Dekompensation. Manchmal ist der Klient selbst in der Lage, sich Hilfe zu holen und kann so eine wichtige neue Erfahrung machen. Ist er dazu nicht in der Lage, so müssen oft Aussenstehende eingreifen.

Fortsetzung >>


<< zur Übersicht ]
nach oben ]

© Copyright 2006, Dr. Ernst Robert Langlotz.  Alle Rechte vorbehalten.
HTML 4.01 | CSS