Prozeßorientiertes Familienstellen in einer psychiatrisch - psychotherapeutischen Praxis

Fallbeispiele (aus 2004 - 2007)




Abtreibung als Trauma

Bericht Eva, 14. Mai 2004

Anliegen:

In ihr und um sie herum gebe es Chaos, sie habe selbst keine Lebenslust mehr, fühlte sich einsam, mache die anderen unglücklich, habe Angst auch die Kinder zu belasten.

Gegenwartsfamilie: getrennt, 2 Kinder (13 und 14), lebt in einer anderen Beziehung, die auch schwierig ist, sie hat das Gefühl sich nicht recht binden zu können. Als Studentin sei sie einmal schwanger gewesen, habe abgetrieben. Erst kürzlich sei das wieder aufgetaucht, als ihre Freundin mit einem ähnlichen Thema beschäftigt war.

Bei der Aufstellung der Gegenwartsfamilie wird deutlich, dass Eva die Abtreibung vor 20 Jahren noch nicht verarbeitet hat. In der Gegenüberstellung mit dem "abgetriebenen Kind" kommt sehr viel Trauer, Schmerz und Schuldgefühle hoch. Zur Lösung schlage ich ihr folgende Sätze vor: "du bist mein erstes Kind, ich habe mich gegen dich entschieden, ich kann das nicht rückgängig machen und ich stehe dazu!" Offensichtlich fällt es ihr schwer, dazu zu stehen, sie fühlt sich schuldig. Für die Lösung ist es jedoch entscheidend, dass sie zu ihrem damaligen Entschluss steht.
Die Stellvertreterin des abgetriebenen Kindes ist ihr nicht böse, sie ist sehr betroffen von Evas Schmerz.
Ich schlage weiter die Sätze vor: "ich konnte dich nicht begrüßen und ich konnte dich nicht verabschieden, schade!" Sie spürt jetzt sehr viel Verbindung zu dem ersten Kind und möchte es gerne umarmen. Das Kind hat nichts dagegen. Sie umarmt es innig, Liebe und Schmerz können fließen.
Ich frage, hast du dich nach der Abtreibung verändert gefühlt! So als ob ein Teil von dir verloren gegangen sei, mit dem Kind gegangen ist?
Sie überlegt und nickt.
Du kannst das Kind bitten, dass es dir wieder das zurückgibt, was von dir vielleicht mit ihm gegangen ist. Sie bittet das Kind darum und erhält die "verlorenen Teile" wieder zurück. Danach entspannt sich ihr Gesicht, sie richtet sich auf und wird ruhiger.
Ich sage ihr, für das Kind ist es ja schon lange vorbei. Aber es gibt eine alte Vorstellung, dass die Seele des Verstorbenen nicht frei ist, wenn ein anderer durch Trauer oder Schuldgefühle noch an sie gebunden ist. Du könntest der Seele deines ersten Kindes helfen, ihren Frieden zu finden!?
Sie nickt. Ich schlage ihr den Satz vor: "für dich ist es schon lange vorbei, ich muss dich nicht mehr durch meine Trauer und meine Schuldgefühle festhalten. Du bist frei, jetzt dahin zu gehen, wo es keinen Schmerz gibt und keine Schuld, wo du deinen Frieden finden kannst!"
Nach diesem Satz hat sie selbst und die Vertreterin des abgetriebenen Kindes das Gefühl, dass sie sich trennen können. Nach einer letzten Umarmung dreht sich die Stellvertreterin des abgetriebenen Kindes um und sucht sich einen Platz am Fenster. Eva verspürt noch einmal einen Schmerz, so als sei erst jetzt die unwiderrufbare Trennung erfolgt.

Bei einem Treffen der gesamten Gruppe, 4 Monate nach der Aufstellung, berichtet Eva, es sei ihr schon gleich nach dem Seminar sehr gut gegangen. Die Schuldgefühle seien weg. Jetzt habe sie das Gefühl, 3 Kinder zu haben, die älteste, die Tochter sei die 2.! Dadurch sei alles viel entspannter.
Die beiden Kinder (13 und 14) die sonst bei Abwesenheit des Partners immer das Ehebett mit ihr geteilt hatten, hätten seitdem spontan nicht mehr bei ihr im Bett geschlafen. So als hätten sie sich beide frei gefühlt, entlastet.

Und: Sie fühle sich nicht mehr so alleine wie zuvor!
Zu ihrem Partner habe sie mehr Distanz, beide hätten jetzt mehr Achtung füreinander, dadurch gehe es ihnen miteinander sehr gut.


Testpsychologisch:

Trauma Abtreibung

Im VEI, einem Nachfolger des MMPI, waren folgende Werte vor Beginn stark erhöht (in Klammern die Abnahme der entsprechenden T-Werte am Ende des Seminars) traumatische Belastungen 84 (48,-36!), Depression kognitiv 90 (67), Depression affektiv 85 (58), Depression somatisch 69 (50), Denkstörungen 75 (55), Identitätsprobleme 80 (62).
In allen Skalen, die einen T-Wert über 70 aufwiesen, sank der Wert schon am Ende des Seminars auf unter 70! Bei einer erneuten Testung nach 4 Monaten war der Wert in allen Skalen auf unter 46 abgefallen. Das heißt, ein Selbstheilungsprozess ist durch die Aufstellung angestoßen worden.

Dieses Fallbeispiel scheint mir in mehrerer Hinsicht sehr aufschlussreich, sowohl für das Verständnis von Abtreibung, als auch für das Verständnis der hier vorgestellten Therapie.


Die Folgen einer Abtreibung

Diese Fallgeschichte zeigt eindrücklich, wie eine nicht verarbeitete Abtreibung nach 20 Jahren das Beziehungsgefüge und die Befindlichkeit einer Frau nachweisbar gravierend verformen kann. Diese Feststellung scheint insofern gerechtfertigt, als die zunächst gemessenen erheblich erhöhten Parameter für Traumatisierung, Angst und Depression unmittelbar nach einer gezielten Intervention auf einen Durchschnittswert abgesunken sind und das anhaltend!


Zur Dynamik bei Abtreibung

Bei einer Abtreibung entscheidet sich eine Frau gegen das eigene Kind. Sie hat in der Regel schon sehr früh eine - vielleicht unbewusste - seelische Bindung zu dem entstehenden Kind aufgenommen. Sie konnte es aber bewusst nicht "begrüßen". Unter diesen Umständen scheint der psychohygienisch so wichtige Vorgang des Abschieds und Trauerns um das Kind kaum möglich. Ein solcher Abschied erfordert - und das scheint paradox - dass die Mutter das Kind zunächst liebevoll begrüßen kann, in den Arm nehmen kann, ihm ihre Liebe zeigen kann, bevor sie sich verabschiedet, d.h. es abtreibt, weil sie unter den gegebenen Umständen sich nicht für das Kind entscheiden kann. Mir scheint geradezu die Blockade, der Stau dieser mütterlichen Liebe zu dem Kind, die Tatsache, dass diese mütterliche Liebe wegen der Schuldgefühle nicht fließen konnte, das entscheidende Problem.

Ist also der Vollzug eines solchen Abschiedes unter diesen Bedingung schon schwer genug, so wird er geradezu unmöglich, wenn die Frau von der Gesellschaft wegen einer Abtreibung moralisch verurteilt wird, so als sei sie eine Mörderin. Dann ist der heilende Vollzug, durch den das Kind begrüßt und verabschiedet werden kann, blockiert. In der Seele der Frau bleibt so etwas wie eine Wunde, die sich einschränkend auf ihre Bereitschaft auswirkt, sich einem Partner, ihren Kindern zuzuwenden. Das ganze Beziehungsgefüge der Familie wird dadurch verformt. Traumatisierung, Selbstwertprobleme, Depressionen und Ängste sowie Suizidalität sind fast notwendig die Folge.


Die Rolle einer wertenden Moral

Überspitzt könnte man sagen: das Problem ist nicht die Abtreibung als solche sondern eine abwertende Moral, welche die Frau moralisch verurteilen zu dürfen glaubt. Es ist diese "moralische Keule", die immer noch dazu missbraucht wird, einen Einzelnen moralisch schuldig zu sprechen und ihn dadurch traumatisiert. Trotz aller Aufklärung wird auch heute noch diese Keule von der Gesellschaft, von der Kirche aber auch von Therapeuten benützt. Auch systemische Therapeuten sind davon nicht ausgenommen, wenn sie z. B. der Frau als Lösungssatz zum Kind vorschlagen "ich habe dich nicht gewollt" oder gar die Behauptung aufstellen, durch eine Abtreibung müsse notwendigerweise eine Paarbeziehung zerstört werden. Eine Paarbeziehung ist in der Tat gefährdet, wenn ein gestorbenes Kind nicht gemeinsam betrauert und verabschiedet worden ist. Das gilt offenbar auch für ein abgetriebenes Kind!

Die Moral - z.B. die zehn Gebote der jüdisch-christlichen Tradition - ist dann wertvoll und hilfreich, wenn sie als "Gebrauchsanweisung für ein glückliches Leben" verstanden wird. Dieser Unterschied im Verständnis mag gering erscheinen, aber er ist entscheidend!


Der Stellenwert der Aufstellungsarbeit

Für den Heilungs-Prozess ist es offensichtlich erforderlich, dass der Therapeut nicht abwertet, nicht verurteilt. Erst dann ist er in der Lage, die Klientin bei ihrem Abschiedsprozess von dem abgetriebenen Kind zu unterstützen. Die Arbeit mit Stellvertretern ist gerade hier besonders hilfreich, weil der Stellvertreter eines abgetriebenen Kindes erstaunlicherweise fast nie der Mutter böse ist! Im Gegenteil er fühlt sich belastet durch ihre Schuldgefühle.
Das hier beschriebene Vorgehen ist direktiv, aber nicht autoritär! Der Leiter schlägt der Klientin Lösungssätze vor - die sie auch ablehnen kann - seiner Erfahrung und Intuition folgend. Durch diese Vorgehensweise wird offensichtlich ein seelischer Selbstregulierungs- oder Selbstheilungsprozess bei der Klientin angestoßen. Ein Nacharbeiten oder Durcharbeiten, das von vielen Therapieschulen erforderlich gehalten wird, hat in unserem Fall nicht stattgefunden. Auch in den meisten anderen Fällen werden Nachgespräche - obwohl ich sie selbstverständlich anbiete - von den Klienten nicht in Anspruch genommen.

Diese Methode verwendet also die wichtige Ressource seelischer Selbstheilungskräfte, sie ist insofern weniger eingreifend als andere Methoden - obwohl sie direktiv ist!


Die Rolle archaischer Abschiedsrituale

Nach meiner Einschätzung sind die hier beschriebenen archaischen Abschiedsrituale für die tiefe und anhaltende Wirkung entscheidend. Sie sollen daher kurz erläutert werden.


Verlust von Seelenanteilen

Unsere Sprache kennt die Vorstellung, dass "ein Teil von mir bei einem Verstorbenen geblieben ist", "mit ihm gestorben ist". Oder dass wir "unser Herz bei einer früheren Liebe" gelassen haben.
Der Psychoanalytiker würde hier vielleicht den Begriff der Verdrängung, der Abspaltung verwenden, jene Überlebensstrategie, welche die Erinnerung an gewisse biografische Ereignisse blockiert, um den mit ihr verbundenen Schmerz zu vermeiden.
Für die Prozessarbeit erscheint die archaische Vorstellung von Seelenverlust geeigneter, da sie sich auch als Ritual körperlich erfahrbar vollziehen lässt.


Der verstorbenen Seele ihren Frieden lassen

Auch diese archaische Vorstellung mag manchem, der naturwissenschaftlich orientiert ist, befremdlich erscheinen. Sie begegnet uns in einem Märchen der Gebrüder Grimm: "Das Totenhemdchen", und zwar bereits mit ihrem heilenden Potential.


Das Totenhemdchen

Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte, ohne ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt.
Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden.
Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßßen auf das Bett und sprach "ach Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen". Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der anderen Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagt "siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab". Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.


Es ist offensichtlich, dass diese Vorstellung - zusammen mit der Metapher des "Seelenverlustes" - den Prozess des Abschiednehmens, den Prozess der Heilung eines alten Trennungstraumas wirksam unterstützen kann. Das macht diese Metaphern so wertvoll. Bemerkenswert ist, dass sie in manchen schamanischen Traditionen für Heilrituale verwendet wurden.
Die Frage, ob in der "objektiven Wirklichkeit" eine Entsprechung für diese Metapher nachweisbar ist, scheint mir irrelevant, angesichts des hohen therapeutischen Potentials. Ja, ich möchte die umgekehrte Frage stellen: könnte es nicht gerade der Verlust dieser und anderer heilsamer Vorstellungen sein, verursacht durch eine radikale Aufklärung, welcher dazu beigetragen hat, dass wir seit Generationen verlernt haben zu trauern, uns von den Gegangenen so zu verabschieden, dass wir uns wieder den Lebenden, dem Leben zuwenden können?!







Hass gegen Eltern bei Gewalterfahrung

(16.06.04 prozessor.psych.praxis II)

Manche Klienten mit Gewalt- und Missbrauchs-Erfahrung entwickeln Hass und sogar Mordgedanken gegen Eltern.
Durch das Familienstellen wird die Dynamik deutlich. Durch einen differenzierten Lösungs-Prozeß können sich Hass, Schuldgefühle und Selbstzerstörung in Liebe wandeln. Genauer: es wird sichtbar, daß sich hinter dem Hass Liebe verbirgt, die nicht mehr fließen konnte.
Systemisch gesehen handelt es sich um eine mehrfache positive Rückkoppelung im Sinne eines Teufelskreises zwischen Verletzung, Hass, Schuldgefühlen und daraus
resultierendem Hass und Selbsthaß.
Dies ist immer verbunden mit einer erheblich beeinträchtigten Autonomie- Entwicklung, der Unterdrückung eigener aggressiver Impulse und einer damit verbundenen Abgrenzungsschwäche bzw. Verschmelzungstendenz.
Eine spontane Auflösung scheint fast unmöglich. Im Folgenden soll ein geleiteter Lösungsdialog im Rahmen einer Familienaufstellung wiedergegeben werden, welcher sich in vielen Fällen als  hilfreich erwiesen hat.
Ein Kind haßt den Vater, der es gedemütigt hat, verletzt hat  durch Schläge und Worte, so sehr, daß es ihn nicht mehr lieben kann.
Die Liebe zum Vater, die eigentlich fließen möchte, ist wie blockiert. Der Klient konnte seine Autonomie nicht entwickeln, das heißt, er hat den Zugang zu eigenen Erinnerungen und Gefühlen  verloren. Dafür haßt er den Vater – und er fühlt sich dafür schuldig, haßt sich selbst und sühnt vielleicht unbewußt durch Mißerfolg und Scheitern. Für dies Scheitern macht er dann den Vater verantwortlich, dadurch wird der Hass noch verstärkt im Sinne eines Teufelskreises.

Der Vater ist in der Regel selbst ein Gewaltopfer, konnte selbst seine Aggression nicht integrieren. In seiner eigenen Verwirrung –  im Teufelskreis von eigener Verletzung, Haß, Schuld und Selbsthaß – kann er die Liebe des Kindes zu ihm nicht sehen, so als habe er selbst kein Recht mehr, zu leben, geliebt zu werden.
Gleichzeitig wirkt eine zusätzliche verwirrende Dynamik: er kann sein Kind nicht als etwas Selbstständiges; als eine PERSON IM EIGENEN RECHT SEHEN: In der häufig fehlenden Abgrenzung – Verschmelzung – zwischen Täter und Opfer, kann er dem Kind das Recht auf Leben und Liebe nicht zugestehen, das er selbst verloren zu haben glaubt.

Lösungsprozeß im setting des Familienstellens

Der Klient „Vater du hast mich so verletzt. Ein Vater darf so etwas nicht  tun. Ich habe dich dafür gehasst, vielleicht dir den Tod gewünscht. Ich stehe dazu. Ich darf dir das nicht verzeihen.“

Dieser Hass ist als verzweifelter – wenn auch erfolgloser – Versuch der Abgrenzung zu verstehen, und sollte daher vom Therapeuten nicht abgewertet oder gar unterdrückt werden. Dieses Rudiment einer autonomen Reaktion muß - obwohl ja dadurch alles noch schlimmer wurde  -  als solches gewürdigt werden, um dem Klienten nicht schon wieder das Vertrauen zu seiner Autonomie, zu seinen eigenen Gefühlen zu nehmen und ihn dadurch erneut zu traumatisieren.
Der „Vater“ (Stellvertreter) ist meist ratlos, ohne Gefühl, bisweilen hat er ein schlechtes Gewissen, möchte wegschauen.

Um eine „Verschmelzung“(Identifikation mit dem Aggressor nach Anna Freud) zu überprüfen, stellt der Leiter den Klienten an den Platz des „Vaters“. Erstaunlicherweise „kennt“ der Klient  sich dort fast immer aus, so als wäre das sein richtiger Platz. Er löst die Identifizierung / Verschmelzung, indem er „aus dem Vater heraussteigt“ und bei sich selbst ankommt. „Vater, du bist du und ich bin ich, du hast dein Schicksal und ich hab meines, du lebst dein Leben ich leb meines, du bist der Vater, ich bin das Kind“.

In einem Rückgabe-Ritual gibt der Klient jetzt dem Vater, symbolisiert durch einen schweren Stein, dessen Schicksal, dessen Zerrissenheit, dessen Verantwortung und Schuld zurück mit den Worten „ich hab es getragen als wäre es meins. Dadurch habe ich die Achtung für dich und für mich verloren. Jetzt sehe ich, daß es deins ist. Ich achte dich jetzt, indem ich es ganz bei dir lasse“. In der Regel spürt der Klient nun eine tiefe Erleichterung.
Als nächstes bittet er den Vater, ihm die „Seelenenergie“, die „Seelenteile“ wieder zurück zugeben, die offenbar – durch die Verschmelzung- noch beim Vater geblieben sind.

Diese „verlorene Seelenenergie“ entspricht dem Phänomen, daß der Klient meist Erinnerungen und Gefühle, die mit dem Trauma verbunden sind, abgespalten hat – Dissoziation.
Nach diesem Ritual spürt der Klient eine erstaunliche Veränderung. Bisweilen taucht der alte Schmerz noch einmal auf, Groll und Hass sind jedoch geringer geworden oder ganz verschwunden.
Der Hass, der aus dem Gefühl resultiert hatte, sich selbst, seine eigene Identität nicht leben zu dürfen, ist durch das Ritual offenkundig besänftigt.
Bisweilen bleibt noch eine Angst vor dem früher übermächtigen Vater. Die aggressive Energie ist noch wie eingefroren, z.T. auch, weil der Klient diese Energie beim Vater – und damit auch bei sich selbst – verurteilt und damit abgespalten hatte. Das läßt ihn immer wieder zum Opfer  oder auch - bei einem Durchbruch der gestauten Aggression – zum Täter werden.
Hier ist eine gestalttherapeutische Übung angezeigt.

Die Befreiung der „eingefrorenen“ Aggression

Der Leiter: „Als Kind hast du dich nicht gewehrt, das war damals für dein Überleben wichtig. Jetzt bist du groß, spüre, dass und wie du dich wehren könntest!“
„Magst du deinem Vater deine Kraft zeigen?“
Es ist unglaublich, wie danach das mürrisch – trotzig - traurige Gesicht des Klienten sich aufhellt, die Augen anfangen zu blitzen!
Der Leiter stellt hinter den Stellvertreter des Vaters 3-5 Männer, und fordert den Klienten auf, den Vater mitsamt der „Männerkette“ wegzustoßen – natürlich, ohne jemanden zu verletzen.
Erstaunlich, welche Kraft auch zarter gebaute Klienten dabei entwickeln. Und dann der Blickwechsel zwischen „Vater“ und Kind: beim „Vater“ Erleichterung und Stolz, beim Klienten Selbstvertrauen, die Erfahrung von Ebenbürtigkeit. Er kann sich dem „Vater“ nähern ohne Angst, kann sogar Liebe und das Bedürfnis verspüren, von ihm umarmt zu werden.
Bisweilen hindert ihn jetzt noch ein Gefühl von Schuld daran, „Vaters“ jetzt offenbar gewordene  Liebe zu nehmen.
„Vater, ich habe dich gehasst, ich habe dir den Tod gewünscht. Vielleicht fühle ich mich dafür schuldig, so als hätte ich nicht mehr das Recht, es mir gut gehen zu lassen, deine Liebe zu nehmen.“
Der „Vater“: ich bin dir nicht böse. Ich fühle mich schuldig für das, was ich dir angetan habe, so als dürfte ich nicht mehr dein Vater sein.“

Das löst meist die beiderseitigen Blockaden
Jetzt kann die verschüttete Liebe zwischen Vater und Klient endlich wieder fließen.

Heilsam ist für den Klienten die Erfahrung, dass er sich selbst, seine Gefühle zeigen kann und dabei nicht  die Liebe des „Vaters“ verliert, ja im Gegenteil, sie dadurch erst gewinnt.
Bisweilen scheint jedoch eine Annäherung an den Vater nicht möglich, ja nicht wünschenswert, um den Klienten vor weiteren (Selbst-) Traumatisierungen zu schützen. Hier wäre etwa folgender Lösungssatz angebracht: “Vater, ich achte das Leben, das ich durch dich habe, indem ich es vor dir schütze.“







„Meine Mutter lässt mich nicht los“ I

(Aus Symbiose, Streß und Gesundheitsstörungen 2006)

Eine ca. 50–jährige Frau  -  tüchtig, intelligent, kompetent - fühlt sich als Älteste seit ihrer Kindheit in unangemessener Form für ihre – durch eigene Verlusterfahrungen traumatisierte - Mutter verantwortlich. Als diese pflegebedürftig wird, und wünscht, daß die Tochter sie zu sich  nach Hause  holt, protestieren der Mann und die Tochter. Sie selbst fühlt sich zerrissen, überfordert. Dafür gibt sie der Mutter die Schuld, entwickelt eine hilflose Wut gegenüber der Mutter, die sie jedoch unterdrückt, verliert so die Achtung für die Mutter und für sich selbst. Dieser „Beziehungsstreß“ verursacht Schlafstörungen, Selbstwertprobleme. Die sonst immer freundliche Ehefrau und Mutter wird reizbarer, ausfallend, ungerecht, setzt ihrerseits die Familie unter Druck, ist sich dafür selber böse. Wie in einem Teufelskreis verstärken sich die Symptome gegenseitig.  Es kommt zu Oberbauchbeschwerden, Gewichtsverlust.
Diagnosen: Erschöpfungs-Depression, chronische Gastritis

Lösung

Die systemische Familienanamnese ergibt, daß die Mutter der Klientin als „Volksdeutsche“ in Rußland nach Kirgisien umgesiedelt wurde und schon als Kind Mutter und Vater verloren hat. Die Eltern der Klientin trennten sich, als diese 7 Jahre alt war.
Die Klientin stellt eine Repräsentantin (im Folgenden als „Mutter“ bezeichnet) für ihre Mutter auf. Der Leiter stellt Repräsentanten für die früh verstorbenen Eltern der Mutter hinter diese.
Nun prüft er – sozusagen experimentell -, ob die Klientin der Mutter diese fehlenden Personen „ersetzen“ wollte, indem er sie an den Platz der entsprechenden Repräsentanten stellt. Die Klientin spürt nach, ob sie diesen Platz „kennt“, einerseits die Gefühle der Mutter zu ihren Eltern, Sehnsucht, Schmerz, vielleicht auch Vorwurf und Wut, andrerseits das Gefühl, der Mutter das geben zu wollen/müssen, was diese von ihren Eltern nicht mehr bekommen konnte (Parentifizierung).
Die Klientin „kennt“ beide Plätze. Zur Lösung läßt der Leiter sie zur „Mutter“ sagen: „Mutter, ich wollte dir das geben, was du von deinem Vater /Mutter nicht bekommen hast. Das ist ziemlich verrückt. Ich bin nicht dein verstorbener Vater / deine verstorbene Mutter, sondern deine lebende Tochter!“
Diese Sätze wiederholen die unbewußte Fantasie, den unbewußten „Glaubenssatz“, der die Identität der Klientin, nämlich Tochter zu sein, verwirrt hat und lösen ihn auf.

Da sich die Eltern früh trennten, überprüft der Leiter, ob die Klientin der Mutter auch den Partner, den geschiedenen Ehemann vertreten wollte – solche „Mehrfach-Identifikationen“ sind nach meiner Erfahrung nicht selten. Tatsächlich ist das auch bei unserer Klientin der Fall. Auch hier hilft der lösende Satz: “Mutter, das ist Vaters Platz, ich kann ihn dir nicht ersetzen.“
Wenn ein Klient für einen Elternteil mehrere Personen ersetzen wollte, so besteht häufig auch eine „Verschmelzung“ mit der Mutter. Tatsächlich „kennt“ sich die Klientin an Mutters Platz aus, - besser als bei sich selbst!. Mutters Bedürfnisse und Wünsche sind ihr näher als die eigenen, daher kann sie sich ihr gegenüber – und später anderen gegenüber ! –  nicht abgrenzen, sich nicht auseinandersetzen!
Der Leiter versucht zunächst, diese Verschmelzung auf einfache Art zu lösen. Er legt – um die „Grenze“ zu symbolisieren – einen Schal auf den Boden zwischen die beiden Positionen und läßt die Klientin aus der „Mutter“ „aussteigen“, an ihren eigenen Platz stellen. Um ihre Identität zu klären schlägt er die Sätze vor: „Mutter, du bist du, ich bin ich. Du hast dein Schicksal, ich meines. Du gehst deinen Weg, ich meinen und ich bleibe immer deine Tochter.“
Diese Sätze gehen ihr leicht von den Lippen. Als der Leiter sie jedoch fragt – durch Erfahrung gewitzt – „glaubst du das auch?“ – schüttelt sie lächelnd den Kopf!
Diese Verschmelzung ist also besonders heftig. Um sie dennoch zu lösen, bindet der Leiter die Klientin mit der „Mutter“ zusammen – um sie die Verschmelzung noch einmal spüren zu lassen – und geht , die Rahmentrommel kräftig schlagend, um beide herum, trennt sie dann und geht noch einmal um die Klientin herum, gibt ihr abschließend mit dem Schlegel drei Schläge auf die Bauchregion.
Er läßt die Klientin die Sätze noch einmal wiederholen und - nun stimmen sie!
Dies „archaische Abgrenzungsritual“ wirkt zunächst vielleicht befremdend, aber es hat eine tiefe, erschütternde Wirkung.

Da mit einer Verschmelzung immer ein Verlust an „Seelenenergie“ und das Übernehmen fremder Last verbunden sind, sind jetzt entsprechende „Rückgabe-Rituale“ erforderlich.
Der Leiter fordert die Klientin auf, der Mutter ihre Last symbolisiert durch einen schweren Stein zurückzugeben und schlägt folgende Sätze vor: „Mutter, das ist dein Schmerz und deine Trauer, ich wollte es für dich tragen, als wäre es meins. Jetzt sehe ich, daß es DEINS ist. Du hast es auf deine Art getragen, das war deine Art zu überleben. Und ich achte das, indem ich es ganz bei dir lasse!“
Meist nimmt die Mutter den Stein gerne zurück. Der Leiter schlägt ihr z.B. folgende Sätze vor: “Kind das ist meins. Ich achte, daß du das tragen wolltest, aber es gehört zu mir. Ich merke jetzt, daß ich dir viel zugemutet habe. Offenbar konnte ich dich nicht immer als mein Kind sehen. Vielleicht konnte ich dir nicht immer meine Liebe zeigen – und deine Liebe nicht immer sehen. Schade. Da haben wir beide etwas versäumt!“

Da die Klientin mit ihrer Energie, ihrer Wahrnehmung offenbar mehr bei der Mutter war, als bei sich selbst, kann sie jetzt die „Mutter“ bitten, ihr diese „Seelen-Energie“ wieder in einem archaischen Ritual zurückzugeben.

Der Vollzug dieser Rituale hat eine erstaunliche Wirkung. Die gelungene Abgrenzung, das ANKOMMEN BEI SICH SELBST  hat eine tief befreiende, befriedende und beruhigende Wirkung. Vorwurf und Groll gegen die Mutter sind verflogen.
Die Klientin darf noch einmal Kind sein, kniend schaut sie zur Mutter: “Mutter bitte nimm mich so wie ich bin. Bitte hab mich lieb, weil ich ich bin!“
Und in der Umarmung kann die Liebe fließen.
Die Klientin kann gleichzeitig bei sich sein, sie selbst sein und Mutters Liebe spüren.
Sie erlebt wie zum ersten mal, dass sie ihre Grundbedürfnisse nach Nähe und Autonomie gleichzeitig spüren, miteinander verbinden kann.
Das löst ihr unbewußtes tiefes Dilemma.






„Der neue Chef hat mich kaputt gemacht“

(Aus Symbiose, Streß und Gesundheitsstörungen 2006)

Ein ca. 40-jähriger Busfahrer – freundlich, gewissenhaft, zuverlässig – kommt mit dem neuen Vorgesetzten nicht klar. Durch eine neue Dienst-Einteilung kann er seinen familiären und privaten Verpflichtungen – die er ebenfalls sehr ernst nimmt – nicht mehr nachkommen. Seine vorsichtigen Proteste prallen beim Vorgesetzten ab. Er gerät in ein Dilemma, sein „Beziehungsstreß“ führt zu erhöhter Reizbarkeit, aggressiven Ausbrüchen, Neigung zum Grübeln, Schlafstörungen. Ein bisher moderater Bierkonsum steigert sich. Arbeits- und Berufsfähigkeit sind gefährdet.
Diagnosen: Depression, Alkoholerkrankung, Leberschaden.

Lösung

Die systemische Familienanamnese ergibt, daß die Eltern des Klienten sich trennten, als er 5 Jahre alt war. Er wuchs mit der Mutter auf, die keinen Partner mehr hatte. Die Mutter war zusätzlich belastet durch den frühen Tod ihres Vaters, der im Krieg verschollen war.

Der Klient stellt Repräsentanten für sich und die beiden Eltern auf. Den Vater stellt er abseits, mit abgewendetem Blick auf, er steht der Mutter schräg gegenüber, ihr zugewandt. Der Blick der Mutter geht ins Leere.
Die „Mutter“ (Repräsentantin) fühlt sich merkwürdig abwesend, nur zum Sohn gibt es Verbindung. Der „Vater“ fühlt sich abgeschoben, in die Ecke gestellt.
Der Leiter stellt in Blickrichtung der Mutter einen Mann auf, mit dem Rücken zur Mutter, als Repräsentanten des verschollenen Vaters der Mutter.
Die „Mutter“ spürt eine starke Verbindung, Sehnsucht, Trauer. Als der Leiter sie neben ihren „Vater“ stellt, fühlt sie sich wohl. Der „Sohn“ ist durch den „Großvater“ entlastet. Er  entdeckt jetzt, daß  auch er einen Vater hat.

Der Leiter läßt  die „Mutter“ sich von ihrem „Vater“ in einem Lösungsdialog „verabschieden“. Danach möchte sie zu ihrem Sohn – inzwischen steht der Klient an seinem Platz -, so als könne sie ihn erst jetzt als ihren Sohn wahrnehmen.
Der Leiter schlägt ihr den Satz vor: „mein Herz war bei meinem Vater, vielleicht konnte ich deshalb nicht immer mit meinem Herzen bei dir und bei deinem Vater sein. Das hat nichts mit dir zu tun.“
Der Leiter stellt nun den Klienten hinter die „Mutter“, da wo der Großvater hätte stehen sollen. Er kennt sich dort aus. „Mutter, vielleicht wollte ich dir das geben, was du von deinem Vater nicht bekommen hast. Das ist ziemlich verrückt. Ich bin nicht dein verstorbener Vater, ich bin dein lebender Sohn!“
Zurück an seinem Platz begrüßt er den „Großvater“: „Ich bin dein Enkel, keiner kann dich ersetzen. Du hast der Mutter immer gefehlt. Ich konnte dich auch nicht kennenlernen.“
Der „Großvater“ ist gerührt, freut sich über den „Enkel“ und dieser darf,  als Kind kniend, fühlen, „wie sich ein Großvater anfühlt.“
Da der Vater nicht bei der Mutter stehen konnte – oder wahrscheinlich umgekehrt – prüft der Leiter, ob der Klient der Mutter auch den Partner, den geschiedenen Ehemann ersetzen wollte. Auch an diesem Platz kennt sich der Klient aus. „Mutter, ich wollte dir das geben, was du von Vater nicht bekommen/nehmen konntest, das ist ziemlich verrückt, ich bin euer Sohn!“
Auch hier ist es so, daß der Klient der Mutter zwei fehlende Personen ersetzen möchte. Also ist zu prüfen, ob er mit der Mutter verschmolzen ist. Das ist tatsächlich der Fall. Er steht an Mutters Platz, „sieht die Welt und sich durch Mutters Augen“. Auch hier ist also die Lösung der Verschmelzung erforderlich, die ebenfalls erst im zweiten Anlauf, unterstützt durch die Trommel, gelingt.
Nach der gelungenen Lösung der Verschmelzung sind die Rückgaberituale an der Reihe. Bemerkenswerterweise will die Mutter den Stein nicht zurücknehmen! Was tun? Der Leiter läßt den Sohn zur Mutter sagen: “Mutter, das ist dir viel zu schwer, ich bin stark. Ich trag das leicht. Dein Glück, daß du mich hast!“
Und ein heimliches Strahlen huscht über sein bisher verdüstertes Gesicht!
Der Leiter: “Das ist das heimliche Glück hinter dem Leid! Und wer dürfte diese Glück stören! Aber es hält dich am falschen Platz und der Preis, den du dafür zahlst, ist sehr hoch!“
Nun ist der Klient bereit, sich von diesem „Glück“ zu verabschieden. „Mutter, ich dachte, ich müßte für dich stark sein, damit es besser wird. Es ist nicht besser geworden. Ich habe dadurch die Achtung für dich und für mich verloren. Ich sehe jetzt, daß du es auf deine Art getragen hast, und ich achte das, indem ich deines wieder ganz bei dir lasse.“
Nach der folgenden Rückgabe auch der Seelenenergie ist er ganz bei sich, der Groll zur Mutter ist verschwunden, er kann Kind sein, als Kind Mutters Liebe spüren.
Jetzt fehlt noch der Zugang zum Vater. Aufgrund seiner Verschmelzung mit der Mutter hat der Klient auch ihre Perspektive übernommen, das blockiert seinen Zugang zum Vater. Der war seinerseits auch nicht da, zumal er bei dem Sohn, der so für die Mutter „engagiert“ war,  keine Chance hatte.

Lösungsdialog:
„Vater, ich bin dir böse. Warum warst du nicht da, ich war so alleine, ich hätte dich so gebraucht.“
„Vater“ – betroffen, leicht schuldbewußt -: „Ich konnte nicht für dich da sein. Das hatte nichts mit dir zu tun. Vielleicht habe ich gar nicht gewußt, wie sehr du mir fehlst!“
Sohn – etwas versöhnter – „Ein großer Teil meiner Seelenenergie ist bei dir geblieben. Bitte gib mir zurück, was zu mir gehört, damit ich ganz bei mir sein kann.“
Nach diesem Rückgaberitual ist der Weg zum Vater meist frei. Aber unser Klient stockt noch. Er hatte den Vater verurteilt, gehaßt. Das blockiert manchmal die Hinwendung. „Vater, ich habe über dich geurteilt. Was zwischen dir und Mutter war, lasse ich jetzt bei euch. Ich habe dich gehaßt, vielleicht fühlt sich meine Seele dafür schuldig, als dürfte ich deine Liebe nicht mehr nehmen?“
Der „Vater“ ist ihm nicht böse, „Ich selbst fühle mich vielleicht schuldig, weil ich nicht als Vater
für dich da sein konnte!“
Eine Barriere ist gefallen, der Klient fühlt das Bedürfnis, die Liebe des Vaters zu spüren, aber eine weitere unsichtbare Mauer steht noch dazwischen.
Der Leiter vermutet, dass der Sohn in seiner Loyalität zur Mutter, die keinen Vater haben konnte, glaubt, auch er müsse ohne Vater auskommen.(„Loyalität im Nicht-Nehmen“). Versuchsweise läßt er die „Mutter“ zum Sohn sagen: „auch wenn ich meinen Vater nicht haben konnte, du darfst die Liebe deines Vaters nehmen!“
Im Klienten löst sich eine Sperre, die Augen werden feucht und wie zum ersten mal kann er als Kind zum Vater  gehen und dessen Liebe nehmen.
Anschließend lehnt er sich mit den Rücken an den Vater, hinter dem Vater stellt der Leiter den Großvater, den Urgroßvater, den Ur-Urgroßvater, „eine ganze Kette von Männern, bis zurück in die Steinzeit. Sie haben Väter verloren, Geschwister, sind selbst früh gestorben....aber alle haben das Leben weiter gegeben, sonst wärst du gar nicht da! Du bist einer von ihnen, nicht besser, nicht schlechter als sie. Und wenn du am richtigen Platz stehst, kannst du ihre Kraft spüren!“

Der Klient kann sich – zum ersten mal! – anlehnen, muß sich nicht immer selber aufrecht halten.
Der Leiter: „leg deine Hände auf die Brust, spüre den Raum der entsteht, wenn du ganz bei dir bist, wenn es dir gut geht mit dir!“

Heilsam ist auch hier die Erfahrung des Klienten, ganz bei sich sein zu können und gleichzeitig die Nähe und Liebe der Eltern zu spüren, so wie er ist. Die beiden Grundbedürfnisse sind vereinbar! Das falsche Selbst, das verinnerlichte Autonomieverbot sind aufgelöst, zumindest für einen kostbaren Augenblick.







Anorexie

(16.01.07)

C., eine zarte, elfenartige, elegische Frau kommt zum Einführungsabend, weil ihre ältere 14jährige Tochter unter Anorexie leidet, sie wiegt nur noch 35 kg, muß in die Klinik.

C. ist verheiratet, hat drei Kinder.
Sie berichtet, daß ihre Mutter vor ihr eine Fehlgeburt hatte, einen Jungen.

Sie stellt mit Repräsentanten ihre Gegenwartsfamilie auf. Sie selbst steht ein Meter seitlich von ihrem Mann, die Tochter zwei Meter von ihnen entfernt von den Eltern abgewandt.
Ihre Stellvertreterin blickt links an der Tochter vorbei ins Leere, spürt keine Verbindung zu Mann oder Tochter.
Ich stelle in ihre Blickrichtung einen Mann. Dorthin zieht es die Stellvertreterin, aber auch die Tochter!. Ich frage C.: wer ist das? Sie: “mein Bruder.“
Sie stellt sich selbst neben den Bruder, da fühlt sie sich wohl.
Ich stelle sie an den Platz des Bruders. Dort kennt sie sich aus, als wäre es ihr richtiger Platz. Ich lasse sie, dem Bruder gegenübergestellt, die „Testsätze“ sagen: du bist du, ich bin ich, du hast dein Schicksal, ich meines, du bist deinen Weg gegangen, ich gehe meinen Weg!

Es stimmt für sie nicht.

 Offenbar ist sie mit dem verstorbenen Bruder – den sie ja nie kennengelernt hat!!- verschmolzen, vielleicht um sich nicht trennen, verabschieden zu müssen? Getrenntsein, eine eigene Identität zu haben ist für sie so etwas wie Verrat am Bruder! Daher hat sie das Gefühl, kein Recht auf ein eigenes Leben, eine eigene Identität zu besitzen. Diese Form von Verschmelzung ist verbunden mit einem „verinnerlichten Autonomieverbot“, könnte daher als „maligne Verschmelzung“ bezeichnet werden.

Ich mache mit ihr das Abgrenzungsritual mit der Trommel. Sie vollzieht die beiden Rückgaberituale: gibt ihm den schweren Stein für sein Schicksal, seinen frühen Tod zurück, den sie getragen hatte, als wäre es ihr eigenes Schicksal und sie bittet ihn, ihr ihre „Seelenenergie“ zurück zu geben. Danach wirkt sie erleichtert, lebendiger, fröhlich.

Sie stellt ihren verstorbenen Bruder dem Mann und der Tochter vor: „vielleicht war ich mehr bei ihm als bei Euch, es hat nichts mit euch zu tun“, und kann sich nun neben den Mann stellen. Die Tochter möchte sich nun zu den beiden Eltern umdrehen.

Ich stelle C. an den Platz ihrer anorektischen Tochter, auch dort kennt sie sich aus. Die Testsätze zur Abgrenzung stimmen für sie nicht. Erst nach dem Abgrenzungsritual mit der Trommel und dem  Rückgaberitual (Seelenenergie) kann sie sie selber sein, kann die Tochter als getrennte eigenständige Person wahrnehmen.
Jetzt lasse ich sie der Tochter noch ihr Schicksal, das sie ihr offenbar abnehmen wollte,  symbolisch durch den Stein zurückgeben:
„Kind, das ist dein Schicksal. Ein großer Teil davon kommt durch mich. Ich kann es nicht ungeschehen machen, ich kann es dir nicht abnehmen, es gehört jetzt zu deinem Leben. Du kannst daran zerbrechen oder wachsen. Ich vertraue deiner Kraft und lasse es jetzt bei dir.“
Die Tochter nimmt es und – strahlt! Endlich wird sie in ihrer eigenen Kraft von der Mutter wahrgenommen!
Zum Schluß läßt sie den Bruder dahingehen, „wo er seinen Frieden finden kann“, vorher bittet sie ihn noch um seinen Segen für sich und die Tochter. „Lebt eure Lebendigkeit!“.

C. war mit dem verstorbenen Bruder und gleichzeitig mit der eigenen anorektischen Tochter maligne verschmolzen. Maligne, weil sie nicht das Recht auf ein eigenes Leben, ein eignens Schicksal zu haben glaubte – und auch ihre Tochter nicht als eigenständige Person wahrnehmen konnte. Sie saß sozusagen mit dem verstorbenen Bruder und der Tochter auf „Wolke Nr. 7“, als wäre sie gar nicht ganz in unserer irdischen Realität angekommen. Dies „Identitätsverbot“ kann auch als Loyalität zum verstorbenen Bruder gesehen werden. Eine eigene Identität wäre für sie wie Verrat am Bruder, so als würde sie dadurch die Verbindung zu ihm verlieren.

Durch die Aufstellung konnte sie diese Zusammenhänge verstehen und sie konnte die Verschmelzungen lösen.






Systemaufstellung als Notfall-Intervention
Fallbeispiel "unerklärliche Trauer"

(März 2007)

Mit Kommentar

Fallgeschichte
Viola eine ca. 30- jährige Frau, erscheint zu einem Nottermin, kurz vor Beginn eines Weiterbildungsseminars. Von Aufstellungsarbeit habe sie keine Ahnung.

Anliegen
Sie leide seit ca. 6 Monaten unter einer zunehmenden, ihr unverständlichen Traurigkeit, zuletzt verbunden mit Schlafstörungen. Sie sei ehrgeizig, gewohnt, daß alles nach Plan verläuft, versuche, alles „rational“ zu sehen. Nun sei sie verzweifelt, weil sie ihre Emotionen nicht verstehe, sich selbst nicht mehr in den Griff bekomme. Dadurch sei inzwischen die Ehe belastet, auch in der Arbeit fühle sie sich nicht mehr so tatkräftig. Das mache ihr zunehmend Angst.

Soziale Situation und Vorgeschichte
Sie ist verheiratet, hat einen 2-jährigen Sohn, arbeitet erfolgreich in einem Versicherungsunternehmen.
Ich erfahre, daß sie eine älteren Bruder hat. Sie selbst kam als Frühgeburt auf die Welt, war zunächst kränklich, schwach, entwickelte sich dann aber unauffällig.
Vor 1 Jahr wurde sie, wie geplant erneut schwanger. Eine Infektion erforderte antibiotische Therapie, dadurch wurde ihre Schwangerschaft – inzwischen im 5.Monat – gefährdet. Trotz stationärer Behandlung konnte die Schwangerschaft nicht erhalten werden, es kam zur Fehlgeburt, die sie in Narkose vollziehen ließ. Auf Empfehlung der Ärzte sah sie sich sogar ihr „Kind“ an: ein Mädchen! Und sie ließ es auf dem Friedhof bestatten. Ihr Mann, obwohl auch ein „rationaler Typ“, begleitete sie dabei. So schien alles in Ordnung. Allerdings hatte sie noch einen Groll auf die Ärzte, weil sie ihr Kind nicht retten konnten und dadurch ihre ganze Zukunftsplanung aus den Fugen geraten war.
Zweimal versuchte sie, im Bekanntenkreis von ihrem verlorenen Kind zu sprechen, „ das ist halt Schicksal“ war die einzige, karge Reaktion. Sie schämte sich für ihre Emotionalität, versuchte sie zu unterdrücken.
Auf einen Zusammenhang zwischen ihrer jetzigen Trauer und dem Verlust des Kindes wäre sie  selbst nie gekommen!

Arbeitshypothese und Therapievorschlag
Ich teilte ihr meine Vermutung mit, daß sie ihr Kind nicht wirklich verabschieden und betrauern konnte. Die zurückgehaltene Trauer, der Schmerz, aber auch die Liebe zu diesem Kind habe nicht fließen können, sei noch zurückgehalten, wie gestaut und verursache jetzt diese  ihr unverständliche Trauer. Ich empfehle ihr noch am gleichen Tag eine Familienaufstellung in einer Weiterbildungsgruppe, die gerade stattfindet. Da sie zögert, biete ich ihr an, zunächst die Aufstellung eines Gruppenmitgliedes abzuwarten und dann zu entscheiden. „Zufällig“ geht es dabei um die Verabschiedung eines abgetriebenen Kindes! Sie gewinnt Vertrauen und will nun selber aufstellen!

Aufstellungsbericht
Sie suchte eine Frau aus als Repräsentantin für ihr verlorenes Kind und stellte sich ihr gegenüber. Tiefe Trauer stieg in ihr hoch.
Ich stellte sie an den Platz des verstorbenen Kindes, das verstärkte die Trauer, sie „kannte“ diesen Platz, diesen Schmerz, als wäre es ihr eigener.
Das entspricht der natürlichen Mutter-Kind Symbiose: eine Mutter identifiziert sich mit ihrem ungeborenen Kind, es ist ja tatsächlich ein Teil von ihr selbst. Dazu kommt in unserem Fall, daß dieses Kind das zweite und ein Mädchen nach einem Sohn war, und noch dazu durch vorzeitigen Abgang bedroht, wie sie selbst!

Um diese symbiotische Verschmelzung zu lösen, ist es erforderlich, dem Kind symbolisiert durch einen schweren Stein sein Schicksal zurück zugeben. Den damit verbundenen Lösungssatz „Kind, das ist dein Schicksal, ich konnte es dir nicht abnehmen, es gehört zu deinem Leben“, brachte sie nicht über die Lippen. Ja es stürzte sie in eine tiefe Verzweiflung, so als fühle sie sich dafür schuldig!
Hilfreich für sie war es nun, sich zusammen mit dem „Kind“ (Stellvertreterin) vor einem Repräsentanten des Schicksals zu verneigen „Vor dem Schicksal sind wir alle gleich, sind wir  alle klein. Wenn wir uns vor ihm verneigen und das dadurch anerkennen, geht es uns gut. Wenn wir  aber die Illusion haben, selber das Schicksal „im Griff“ haben zu müssen, fühlen wir uns selbst schuldig, wenn es nicht gut geht, oder müssen anderen die Schuld geben.“
Nach dieser Intervention konnte sie dem „Kind“ sein Schicksal lassen. Das “Kind“ – die Repräsentantin – nahm es gerne an, erleichtert weil die „Mutter“ ebenfalls erleichtert war!

In einem zweiten Rückgaberitual konnte sie von ihrem Kind die „verlorene eigene Seelenenergie“ zurückerbitten. Das hatte eine tief beruhigende Wirkung auf sie, so als fühle  sie sich jetzt wieder vollständig!
Der nun vorgeschlagen Satz: „Ich konnte dich nicht richtige begrüßen und nicht richtig verabschieden“ löste bei ihr den Impuls aus, ihr „Kind“, das vor ihr auf dem Boden kniete liebevoll zu umarmen. Liebe, Schmerz und Trauer konnten fließen. Nach wenigen Minuten war es vorbei, sie fühlte sich erleichtert.
Nach diesem ritualisierten Abgrenzungs- und Abschiedsprozess konnte sie das Kind loslassen: „Ich muß dich nicht mehr durch meine Trauer festhalten. Du bist jetzt frei, dorthin  zu gehen, wo es dir gutgeht!“ Nun konnte sie den unvermeidliche Schmerz des Abschieds ertragen und zulassen.

Rückmeldung
Zwei Tage später erfuhr ich von ihr, daß sie nach der Aufstellung zunächst sehr müde war, sich dann aber befreit fühlte. In der Arbeit war ihr Kopf klar, sie konnte sich gut auf ihre Arbeit konzentrieren.
Sie selbst war sehr überrasacht, daß ihre bedrohlicher Zustand -  den sie selbst ja gar nicht recht verstanden hatte – so schnell wieder vorbei war! Sie hatte sich eine Behandlung viel länger und komplizierter vorgestellt.  „Geht  das immer so schnell?“

Kommentar zum Verständnis der Dynamik
Als Psychiater und Systemtherapeut verstehe ich diese „unerklärliche Trauer“ als verzögerte , als blockierte Trauerreaktion nach einer Fehlgeburt, welche unbehandelt zu einer chronischen depressiven Entwicklung, einer „psychiatrischen“ Erkrankung führen kann.
Für die emotionale Selbstregulation scheint es wichtig, daß die authentischen und angemessenen Gefühle von Schmerz, Liebe  und Trauer  zugelassen und ausgedrückt werden können. Werden sie in dieser konkreten Situation unterdrückt, dann blockiert das allgemein den Ausdruck dieser Gefühle und damit auch die emotionale Zuwendung zum Partner, zu den Kindern.  Es entsteht das Bild einer Depression.
Das Fließen und der Austausch dieser Emotionen wird in unserem Fall einmal  verhindert durch die symbiotischen Mutter- Kind- Verschmelzung,  welche es dem Betroffenen unmöglich macht, wahrzunehmen, daß er getrennt vom Gegenüber ist.
In dieser Phase der natürlichen, „physiologischen“ Symbiose zwischen Mutter und Kind ist eine Trennung durch den Tod immer besonders schmerzhaft, wird von der Mutter oft wie eine „Amputation“ erlebt, als wäre buchstäblich ein Teil von ihr selbst gestorben. Durch die Verwendung archaischer Abgrenzungs- und Abschiedsrituale ist es nach meiner Erfahrung in den meisten Fällen erstaunlich rasch möglich, diese symbiotische „Verschmelzung“ zu lösen, die Klientin dabei zu unterstützen, ihre eigene „Seelenenergie“ wieder zu sich zu nehmen, so daß sie sich wieder vollständig fühlt, das Kind als von ihr getrennt wahrnehmen kann und sich von ihm verabschieden kann – ohne etwas von der eigenen „Seelensubstanz“ zu verlieren! (Diese Begriffe entspringen dem Versuch, etwas bildlich zu umschreiben, was man nicht genauer benennen kann,  was aber offensichtlich entscheiden wichtig ist.)

Dies Muster einer „gutartigen“, einer „physiologischen“ Symbiose findet sich außer bei der Mutter-Kind-Symbiose im Säuglingsalter noch später, wenn ein Kind sich mit dem Elternteil identifiziert, um spielerisch die eigene Erwachsenenrolle auszuprobieren. Und es ist ein wichtiger Aspekt des Verliebtseins. 
Eine Trennung in dieser symbiotischen Phase z.B. durch Tod oder auch durch Weggeben (zur Adoption) ist besonders schmerzhaft, vergleichbar einer Amputation.
In unserem Fall haben die Klinikärzte offenbar um diesen Zusammenhang gewußt und der Klientin deshalb zu einer Beerdigung des Kindes geraten, um ihr Gelegenheit zum Trauern zu geben. Aber das hat offensichtlich nicht gereicht.

Gesellschaftliche Aspekte
In unserer Gesellschaft wird allgemein Tod und Abschied tabuisiert. Viele Familien haben das so verinnerlicht, daß sie ihre Gefühle, besonders Wut und Trauer unterdrücken. Dadurch ist jedoch ihre emotionale Selbstregulation, ihre Fähigkeit, sich z.B. von einem verstorbenen Kind zu verabschieden blockiert. Das hat zur Folge, daß sie oft .einen solchen Verlust nicht verarbeiten, ein ganzes Leben lang nicht verwinden können. Es beeinträchtigt außerdem ihre Bindungsfähigkeit, ihre emotionale Zuwendung zum Partner, zu den früher oder auch später geborenen Kindern. Das alles zusammen führt zum Bild einer Depression.

Lösung durch „initiatisches“ Familienstellen
In unserem Fallbeispiel wird deutlich, daß durch gezielte systemtherapeutische Interventionen die symbiotische Verschmelzung gelöst werden kann, so daß die Klientin eigene Gefühle und Impulse wieder spüren und ausdrücken, ihre Orientierung  wieder gewinnen und zu ihrer Autonomie, ihrer Handlungsfähigkeit und Beziehungsfähigkeit finden  konnte. Die Befreiung aus kollektiven Tabus - „kollektive Symbiose“ -  wird durch die unterstützende und wertschätzende Haltung der Gruppe erleichtert.
Das „initiatische Familienstellen“ ist für eine derartige rasch wirkende Notfalltherapie gut geeignet. Diese Intervention lindert nicht nur rasch die Symptome, sie wirkt unmittelbar auf die Ursache ein, wirkt stabilisierend auf die Autonomie und die Selbstregulation ein und hat dadurch auch eine vorbeugende Wirkung.

Die einseitig pharmakologisch orientierte  Vorgehensweise
Wenn die Klientin  an einen pharmakologisch orientierten Psychiater geraten wäre, so hätte der eine depressive Störung diagnostiziert und ein Antidepressivum verordnet. Möglicherweise hätte das auch nach 1-2 Wochen die Symptome Angst und Schlafstörung gebessert, aber die Klientin wäre in ihrer Grundhaltung, Wut und Trauer unterdrücken zu müssen, nicht korrigiert, ja sogar noch bestärkt worden. Und sie wäre als „psychisch krank“ stigmatisiert  worden. Die nächste depressive Phase hätte nicht lange auf sich warten lassen! Das wiederum hätte den Psychiater in seiner Auffassung bestärkt, daß es sich um eine periodisch auftretende Störung handelt, die am besten lebenslänglich vorbeugend durch Antidepressiva behandelt wird.

Mit Karl Krauss könnte man hier – bösartig überspitzt – fragen: Schafft nicht eine solche Psychiatrie selbst bisweilen die Krankheit, die heilen zu können sie vorgibt!







„Meine Mutter lässt mich nicht los“ II


Der frühe Verlust des Vaters (16.01.07)
H., eine aparte, elegant gekleidete Frau um die 40 klagt darüber, daß ihre Mutter ihr „auf der Pelle hocke“. Der Vater starb früh, als sie 7 war, sie habe sich seitdem immer um die Mutter verantwortlich gefühlt, die sehr unselbständig war. Nach der Scheidung ihrer Ehe sei die Mutter wieder zu ihr und zu den Kindern gezogen und nun werde sie sie nicht mehr los.

Sie stellt beim Einführungsabend ihre Herkunftsfamilie mit Repräsentanten auf. Den Vater stellt sie hinter die Mutter, sich selbst vor die Mutter, zugewandt, im Abstand von einem halben Meter.
Die Mutter fühlt sich unwohl mit dem Vater im Rücken, es geht ihr besser, als ich den Vater seitlich den beiden zugewandt und die Tochter zwei Schritte zurück stelle.

Ich stelle sie selbst an ihren Platz, zur Mutter spürt sie Mitleid aber auch viele Vorwürfe.
Ich prüfe, ob sie sich am Platz an Mutters Seite auskennt, der Mutter den fehlenden Mann ersetzen wollte.
Merkwürdigerweise hat sie da auf einmal gar kein Gefühl mehr, sie spürt sich selbst nicht mehr. Etwas ratlos stelle ich sie nun neben den früh verstorbenen Vater. Dort strahlt sie, wird fröhlich, lebendig.
Ich prüfe, ob sie sich an seinem Platz „auskennt“, da sie nickt, stelle ich sie dem Vater gegenüber und lasse sie den „Testsatz“ sagen: Vater du bist du, ich bin ich, du hast dein Schicksal, ich habe mein Schicksal, du hast dein Leben gelebt, ich lebe mein Leben.
Diese Sätze sind für sie nicht stimmig, sie lösen bei ihr das Gefühl von Trennung, Abschied aus. Offensichtlich glaubt sie, ihren Vater durch diese „Verschmelzung“ mit ihm festhalten können.
Ich löse die Verschmelzung durch das Trommelritual und die beiden Rückgaberituale, nun kann sie den Vater als getrennt erleben, kann ihn spüren, von ihm unter Tränen Abschied nehmen.

Als ich sie nun zu ihrer Mutter führe, kann sie sich selber spüren. Ich überprüfe erneut, ob sie sich am Platz von Mutters Partner auskennt, sie bejaht das und sie kennt sich auch am Platz in Mutters Rücken aus, den deren Vater oder Mutter möglicherweise nicht hatten einnehmen können. Schließlich kennt sie sich auch am Platz der Mutter aus, ist auch mit der Mutter verschmolzen!

Nachdem auch diese Verschmelzung durch die gleichen Rituale gelöst und sie der Mutter den Stein als Symbol für die übernommene Last zurückgegeben hat, kniet sie als Kind strahlend vor der Mutter und hat nur noch den einen Wunsch:
Mutter, ich bin dein Kind, bitte habe mich lieb so wie ich bin!

Überlegungen zur Dynamik der Selbstentwicklung
H. hatte sich von ihrem früh verstorbenen Vater noch nicht verabschiedet, war mit ihm noch identifiziert, verschmolzen. Das hat sie daran gehindert, ganz bei sich zu sein, ihr eigenes Leben zu leben, sie war daher auch nicht frei für die Beziehung. Außerdem war sie auch mit der Mutter verschmolzen, konnte sich auch von ihr nicht auf eine angemessene Art abgrenzen. Wut und Vorwurf gegen die Mutter können als ein verzweifelter aber untauglicher Abgrenzungsversuch verstanden werden.
Bezeichnenderweise verschwinden Wut und Vorwurf sofort, als sie sich von der Mutter getrennt, bei sich erlebt, sich und die Mutter als zwei getrennte Personen wahrnehmen kann, sich von der Mutter als Tochter gesehen und gemeint fühlen kann.
Ihr Vater starb, als sie in der für die eigene Persönlichkeitsentwicklung wichtigen Phase der „Identifikation“ mit dem Vater war („benigne“ Verschmelzung).Sie konnte die Phase der Ablösung nicht mehr mit ihm vollziehen, blieb sozusagen in dieser Identifikation stecken, was ihr gleichzeitig ermöglichte, den realen Verlust des Vaters durch dessen Tod zu ignorieren, die Illusion einer Verbindung mit dem Vater aufrecht zu erhalten. Dadurch blieb aber auch ihre Autonomie-Entwicklung stecken,sie entwickelte  ein „falsches Selbst“.

Dazu kommt, daß sie für die sehr unsichere Mutter eben diesen verstorbenen Vater zu ersetzen versuchte und zusätzlich noch einen ihrer Eltern, das festigte sozusagen ihr „falsches Selbst“.
Das war wiederum die Ursache dafür, daß sie für den Partner die Partnerin sein konnte und sich auch mit der Mutter nicht auseinandersetzen konnte.

 







Mobbing

(Aus Symbiose, Streß und Gesundheitsstörungen 2006)

Eine ca. 45-jährige Physiotherapeutin unterrichtet an einer Schule für Physiotherapie. Sie ist bei ihren Schülerinnen sehr anerkannt, von den Kolleginnen wird sie aber schlecht behandelt, benachteiligt bei der Stundenplanung und Raumaufteilung, vor den Schülerinnen schlecht gemacht. Sie kann mit den Kolleginnen nicht reden, fühlt sich zunehmend depressiv, gelähmt, möchte die Stelle kündigen, obwohl ihr die Arbeit gefällt.
Diagnose: Depression bei Mobbing.

Zur Vorgeschichte:
Die Klientin erwähnt, daß sie als 15-jährige mehrfach von einem Freund des Vaters sexuell missbraucht wurde. Sie  konnte sich dagegen nicht wehren, wurde von den Eltern nicht geschützt, bzw. konnte die Eltern nicht um Hilfe bitten.

Zur Lösung lässt der Leiter die Klientin einen Stellvertreter für den Freund des Vaters aufstellen. Sie übernimmt ihre eigene Rolle, stellt sich  ihm gegenüber.
Sie schaut den „Täter“ an, voller Angst und Wut. Der Leiter stellt ihr eine Gruppenteilnehmerin als „Mutter Erde“ zur Unterstützung in den Rücken.
Der Leiter schlägt ihr folgende Sätze vor, die ihr stimmig erscheinen und die sie nachspricht: „Du hast mich missbraucht, das hättest du nicht tun dürfen. Das darf ich dir nicht verzeihen. Du bist ein Schwein. Ich hasse dich, ich habe dir den Tod gewünscht und ich stehe dazu.“
Dann stellt der Leiter sie an den Platz des Täters. Dort „kennt sie sich aus“. Offenbar ist sie mit dem Täter symbiotisch verschmolzen („Identifikation mit dem Aggressor“ nach Anna Freud). Um die Verschmelzung zu lösen, lässt der Leiter sie „aus dem Täter heraussteigen“ damit sie bei
sich selbst ankommen kann.
„Du bist du, ich bin ich, du hast dein Schicksal, ich habe meines. Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen und ich will mit dir nichts mehr zu tun haben.“
Anschließend lässt der Leiter sie dem Täter symbolisch einen Stein für dessen Schuld, für dessen Verantwortung zurückgeben: „Das ist deine Schuld, deine Verantwortung. Vielleicht habe ich sie getragen, als wäre sie meins. Ich sehe jetzt, daß es zu dir gehört und lasse es ganz bei dir!“
Der „Täter“ nimmt den Stein zurück, es scheint, dass er erleichtert ist.
Nun lässt sie sich symbolisch ihre verlorene Seelenenergie zurückgeben, nicht vom „Täter“ – das wäre eine erneute Verletzung ihrer Intimität – sondern „stellvertretend“ von „Mutter Erde“. Diese haucht ihr die verlorene Energie zurück, in die Herzgegend, am Scheitel und in den Unterleib, so oft, bis sie spürt, dass es genug ist. Merkwürdigerweise hat dies schlichte archaische Ritual eine tiefe heilende Wirkung, so als wäre sie jetzt wieder vollständig bei sich.
Zuletzt geht es darum, die „eingefrorene“ Aggression wieder lebendig werden zu lassen, die ihr u.a. auch bei den Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz fehlt.

Der Leiter schlägt den Satz vor: “Das passiert mir nie mehr wieder, das laß ich nie mehr wieder zu! Ich bin jetzt erwachsen, ich habe meine Kraft und ich setzte sie für mich ein, ich kann mich wehren!“
Ihr Gesicht hellt sich auf.
Der Leiter fragt sie, ob sie ihm ihre Kraft jetzt zeigen möchte?
Sie schaut verwundert, zum „Täter“, zum Leiter, ihre Augen beginnen zu blitzen.
Natürlich darf sie den „Täter“ nicht verletzen, der ist daraufhin einverstanden.
Der Leiter stellt hinter den „Täter“ drei kräftige Männer. Sie sammelt ihre Kraft und bringt dreimal hintereinander die vier Männer zum Wanken.
Sie strahlt, freut sich über ihre Kraft, die sie jetzt für sich verwenden kann.

Nun stellt der Leiter noch einen Vertreter für den Vater auf.
„Vater, warum hast du mich nicht geschützt, ich war so alleine, ich habe dich dafür gehasst! Und ich stehe dazu!“
Der „Vater“ fühlt sich schuldig, lächelt verlegen, hilflos.
„Ich bin jetzt erwachsen und ich kann mich jetzt wehren. Das geschieht mir nie mehr wieder! Ich benütze jetzt meine Kraft. Ich habe meine Kraft von dir!“
Der „Vater“ scheint erleichtert.
Der Leiter fragt sie, ob sie dem Vater noch böse ist. Sie schüttelt den Kopf.
„was hättest du dir eigentlich von ihm gewünscht?“
„Daß er  mich lieb hat, so wie ich bin und – daß er mich schützt!“

Aber sie kann noch nicht auf ihn zugehen.

Der Leiter: „vielleicht fühlt deine Seele sich dafür schuldig, dass du deinen Vater gehasst hast, so als dürftest du jetzt seine Liebe nicht mehr nehmen?“
Die Klientin nickt nachdenklich, traurig.
„Vater, ich habe dich gehasst und ich stehe dazu. Vielleicht fühle ich mich dafür schuldig, so als dürfe ich deine Liebe gar nicht mehr nehmen, als dürfe es mir nicht gut gehen!“
Der „Vater“ ist ihr nicht böse: „ich bin dir nicht böse, im Gegenteil, ich fühle mich schuldig, als dürfe ich gar nicht mehr Vater für dich sein!“

Sie blickt ihn erstaunt und erleichtert an, wie befreit und kann jetzt auf ihn zugehen, sich von ihm in die Arme nehmen lassen.

Sie ist versöhnt, mit dem Schicksal, mit dem Vater – und mit sich selbst.

Bei Gewalt- und Missbrauchserfahrung besteht immer eine Verschmelzung mit dem Täter, gleichzeitig ist die eigene Aggression wie eingefroren, sie wird auch moralisch vom Klienten abgewertet. Dies ist eine Form von „verinnerlichtem Autonomieverbot“ und hält den Klienten in der Opfer-Täter-Dynamik fest, lässt ihn immer wieder zum Opfer – oder beim Durchbrechen der unterdrückten Aggression – auch zum Täter werden, wieder an Hilflosen, meist den eigenen Kindern.
Für die Lösung ist es wichtig, Haß und selbst Mordgedanken als Rudiment einer autonomen Funktion, als verzweifelten Abgrenzungsversuch zu verstehen und nicht moralisch abzuwerten! Sonst wird der Klient erneut traumatisiert, in seiner autonomen Reaktion beeinträchtigt!
Allerdings müssen die damit verbundenen Schuldgefühle, die die Versöhnung mit dem Vater blockieren können, auf angemessene Weise gesehen und gelöst werden.

Versöhnung ist ein langer komplexer Prozeß.







Panikattacken


M., 40 Jahre alt, eine attraktive, vitale und emotionale Frau....leidet seit 6 Jahren unter Panikattacken. Sie begannen, als sie, ein Glas in der Hand, zitterte. Das war ihr peinlich, das Zittern und die Angst davor verstärkten sich gegenseitig im Sinne eines Teufelskreises. 3 Jahre ambulante tiefenpsychologische Therapie, eine stationäre Therapie brachten keine Besserung. Sie wird zunehmend depressiv, zieht sich zurück, kündigt ihre Arbeit, macht eine Verhaltenstherapie, will auf Masseurin umschulen. Immer wenn sie in der Ausbildung etwas zeigen soll, bekommt sie wieder Panik, so daß sie Anfang Dezember 06  die Ausbildung abbricht.

HF:
M. ist die erste von 2 Schwestern.
Der Vater ist der 4. von 4 Brüdern, der 1. und der 3. starben früh, er hat die beiden gar nicht kennengelernt.
Die Mutter hatte einen früh im Mutterleib abgestorbenen Zwilling, der in Form eines Hamartoms eingewachsen war  und herausoperiert wurde.

Im Vorgespräch zur Aufstellung versucht sie ihre Tränen zu verbergen. Sie hat viel Angst, aber es ist ihr ungeheuer peinlich, vor anderen zu weinen, ihre Schwäche zu zeigen. Sie erinnert sich, daß ihre Mutter sie ausschimpfte, im Stich ließ, wenn sie weinte oder wenn sie zornig war.
M. stellt ihre HF mit Stellvertretern auf. Sie steht neben dem Vater. Seitlich, mehrere Meter entfernt stellt sie ihre Mutter auf. Die Schwester steht neben der Mutter.
Im Aufstellungsprozess wird deutlich, dass sie dem Vater beide Brüder ersetzen zu müssen glaubte, sie hätte ein Sohn werden sollen und wäre auch lieber ein Junge gewesen. Außerdem steht sie auch am Platz der Mutter, die offenbar nicht so nahe beim Vater stehen konnte. Beide „Identifizierungen“ lassen sich leicht lösen.

Ein Kind identifiziert sich mit dem, was die Eltern in  ihm sehen, von ihm erwarten und entwickelt so ein „falsches Selbst“.

Da sie für den Vater mehrere Personen vertritt, überprüfe ich, ob sie mit dem Vater „verschmolzen“ ist. Tatsächlich „kennt“ sie sich auch am Platz des Vaters aus. Als ich sie wieder dem Vater gegenüber stelle und sie auffordere zu sagen: Vater Du bist Du, Du hast Dein Schicksal, ich habe meines, Du lebst Dein Leben, ich lebe meines“ bringt sie diese Worte nicht über die Lippen, so als sei ihr das verboten, als übe sie dadurch Verrat. „Der Vater war doch so alleine, so schwach“.

Das ist „maligne Verschmelzung“.
Das Kind macht die Erfahrung, daß es vom Vater nur dann wahrgenommen wird, wenn es seine „Amputationslücke“ füllt, wenn es für ihn so etwas wie eine „Prothese“ wird. Es lernt, darin seine Aufgabe, seine Existenzberechtigung zu sehen.
Das beinhaltet das Gefühl, kein Recht zu haben auf eine eigene Identität, auf eigene Gefühle, eigene Bedürfnisse!

Erst nach einem Lösungsritual mit Hilfe einer Trommel kann sie diese Sätze  immerhin aussprechen, wenn auch noch ohne rechte Überzeugung.
Im Rückgaberitual kann sie dem Vater den Stein – als Symbol für das für ihn übernommene Leid -  nicht zurückgeben, für sie stimmt zunächst der Satz. „Papa das ist dir viel zu schwer, ich pack das leicht, Dein Glück, daß Du mich hast“.

Dies „heimliche Glück hinter dem Leid“ hält sie offenbar am falschen Platz fest, hat sie bisher daran gehindert, ihren richtigen Platz zu finden.

Ich schlage ihr vor, noch einmal „klein“ zu werden,  auf die Knie zu gehen und zum Vater die Sätze zu sagen:
„Vater, eigentlich bist Du der Große und ich darf klein sein und spielen gehen. Ich dachte ich müßte für Dich stark sein, damit es besser wird. Es ist überhaupt nicht besser geworden und ich habe ein Stück die Achtung verloren für mich, aber auch für Dich, ich konnte Deine Kraft und Würde gar nicht mehr sehen! Jetzt möchte ich gerne die Achtung wieder gewinnen, für Dich und für mich, und deshalb lasse ich jetzt Deines ganz bei Dir!“
Jetzt kann sie dem Vater den Stein zurückgeben.

Dies Ritual ermöglicht es dem Klienten, wieder „klein“ zu sein, zu erkennen, daß die übernommene Last gar nicht seine ist, und bietet die Chance, den Elternteil als groß wahrzunehmen, Dann kann er ihm auch seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zeigen, mit der Chance, gehört und angenommen zu werden.

Zur „malignen Verschmelzung“ gehört immer auch, daß der Betreffende mit seinen „Wahrnehmungsantennen“, mit seiner „Seelenenergie“ mehr beim Anderen ist als bei sich. Um das zu lösen bittet sie den Vater, ihr diese „Seelenenergie“ symbolisch in einem Ritual zurückzuhauchen. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie  bei ihr – wie bei vielen anderen - dieses schlichte aber hochwirksame Ritual seine Wirkung entfaltet: sie wird zunehmend ruhiger, sicherer, ihre Gesichtszüge entspannen sich, sie lächelt zufrieden.

Es scheint, daß durch dieses Ritual der Focus ihrer Wahrnehmung, der bisher einseitig starr auf den Anderen gerichtet war, sich auf sie selber verlagert. So als habe sie bisher ein verinnerlichtes Verbot gehabt, sich selbst wahrzunehmen und dürfe nun erst sich selber wahrnehmen.

Sie fühlt sich besser, auch in ihrem Verhältnis zum Vater.
Ich lasse sie sich noch einmal als Kind spüren, auf die Knie gehen. „Was hättest Du Dir eigentlich von Deinem Vater gewünscht? Daß er Dich so sieht und so mag, wie Du bist?“
Sie nickt unter Tränen.
Ich schlage Ihr den Satz vor: „Papa ich bin so wie ich bin, ich bin Dein Kind und ich bin eine Frau. Bitte hab mich lieb, so wie ich bin!“

Sie spricht den Satz nach, tränenüberströmt. Ich frage den “Vater“ (Stellvertreter): magst Du Deine Tochter so wie sie ist?
Er nickt, berührt. Und sie darf – zum ersten mal? – spüren, wie sie als die wahrgenommen und geliebt wird, die sie wirklich ist.

Im geschützten Raum der Therapiegruppe, mit Stellvertretern anstelle der Eltern, macht sie die heilsame Erfahrung, daß sie als die wahrgenommen wird die sie ist, mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen.

Als nächstes führe ich sie zur Mutter. Auch für die Mutter wollte sie jemanden ersetzen, ihren früh verstorbenen Zwilling. Auch mit der Mutter war sie „verschmolzen“, zur Lösung ist wieder das Trommelritual nötig. Nach den beiden Rückgaberitualen kommt sie immer mehr zu sich selbst. Ihr Wunsch an die Mutter: „bitte hab mich lieb, auch wenn ich Angst habe oder zornig bin.“

Nachdem sie noch einmal „als Kind“ die Erfahrung machen konnte, von der „Mutter“ wahrgenommen und in den Arm genommen zu werden, lasse ich sie  sich an die Mutter anlehnen, hinter der Mutter stelle ich die Großmutter, die Urgroßmutter, die Ururgroßmutter, eine ganze Kette von Frauen, zurück „bis in die Steinzeit, Das sind Frauen, die haben Männer verloren, Kinder verloren, sind selber früh gestorben. Aber sie alle haben das Leben weitergegeben – sonst wärst Du nicht da. Du bist eine von ihnen, nicht besser aber auch nicht schlechter als sie. Und wenn Du so am richtigen Platz stehst, kannst Du ihre Kraft im Rücken spüren!“

U nd nach einiger Zeit, lege ich ihre Hände auf die Herzregion, „Sieh, ob Du hier den inneren Raum spüren kannst, wo Du ganz Du selber bist, ganz bei Dir bist, wo es Dir gut geht mit Dir.“

„Und wenn Du satt genommen hast, kannst Du ein paar Schritte in Dein eigenes Leben gehen. Das Schwere, daß dir nicht gehört , läßt Du zurück, Dein Eigenes nimmst Du mit. Und wenn Du so mit Dir in Verbindung bleibst, wird sich Einiges in Deinem Leben ändern.“

Ein bißchen Theorie...

Das falsche Selbst...

In diesem Fallbeispiel wird besonders deutlich, daß sich Kinder mit dem identifizieren, was Eltern von ihnen erwarten, daß sie in die Rollen schlüpfen, in denen die Eltern sie gerne sehen würden aus dem einzigen Grund, um von den Eltern wahrgenommen, angenommen, geliebt zu werden. So identifizieren sie sich mit einem „Selbst“, das sie gar nicht sind, das man daher mit Winnicott als „falsches Selbst“ bezeichnen könnte.

Bösartige (maligne) Verschmelzung und „Autonomieverbot“

In unserem Fallbeispiel stoßen wir  auf ein weiteres Phänomen, daß die Klientin mit dem Vater – und mit der Mutter! – maligne verschmolzen  ist.

Sie kann sich selbst nicht als getrennt vom Vater wahrnehmen, so als hätte sie kein Recht, sie selber zu sein, mit einer eigenen Wahrnehmung, eigenen Gefühlen, eigenen Bedürfnissen. Diese Verschmelzung oder Identifikation oder Symbiose mit einem Elternteil ist bösartig (maligne) weil sie mit einem verinnerlichten Autonomieverbot einhergeht.

Diese Störung des Selbst ist noch tiefgreifender als beim „falschen Selbst“, sie impliziert das Verbot, überhaupt ein Selbst zu haben, entspricht sozusagen einem „Selbstverbot“!

Die zwei Grundbedürfnisse

Diese Zusammenhänge werden verständlicher durch das Bipolaritätsmodell von Stavros Mentzos. Er nimmt zwei Grundbedürfnisse des Menschen an:
- Das nach Nähe, Wärme, Zugehörigkeit und
- Das nach Freiheit, Autonomie, Authentizität.

Wenn Eltern aufgrund ihrer eigenen Problematik dem Kind nicht den Raum für die Entwicklung seiner eigenen Autonomie zur Verfügung stellen können, wenn sie das  Eigenständige und Eigen-Sinnige des Kindes als bedrohlich erleben, als falsch oder böse abwerten, das Kind mit Entzug von Liebe und Zuwendung dafür bestrafen, dann erlebt das Kind das Eigene als gefährlich, bedrohlich, unterdrückt es, um die Nähe und Wärme, die Zugehörigkeit nicht zu verlieren. Es fühlt sich nur noch sicher wenn es mit dem Elternteil identisch wird, verschmilzt.
Es ist eine Frage des Überlebens.
Dieses „falsche Selbst“ ist jedoch immer wieder von Impulsen des Autonomie-Bedürfnisses bedroht, was heftige Identitäts-Krisen auslösen kann, verbunden mit Ängsten, mit Verwirrungen, die psychotische Ausmaße annehmen können. Diese Krisen verlieren etwas von ihrer Bedrohlichkeit, wenn sie als Ausdruck unterdrückter vitaler, „autonomer“ Impulse verstanden werden, die endlich ihren Platz finden wollen, als Zeichen dafür, daß die Autonomiekräfte noch nicht erloschen ist.

Das „prozeßorientierte“ Familienstellen...


Das Familienstellen in der hier geschilderten Form ist hervorragend geeignet, diese Identifikationen mit verstorbenen, emotional abwesenden oder totgeschwiegenen Angehörigen der Eltern gezielt zu überprüfen: der Klient „kennt sich am Platz des betreffenden Angehörigen aus“, so als sei es sein richtiger Platz. Identifikationen sind immer mit so etwas wie (halb) bewußten „Glaubenssätzen“ verbunden: „ich muß dem Vater seine verstorbenen Brüder ersetzen“, „ich muß ihm das geben, was er von der Mutter nicht bekommen kann“, etc. Da ein Klient oft mehrere Personen vertritt, ergibt sich so ein ganzes Bündel eventuell sehr widersprüchlicher Glaubenssätze, die ein sehr brüchiges, widerspruchsvolles „falschen Selbst“ ergeben und die Integrationsfähigkeit eines derart strapazierten Ichbewußtseins oft bis aufs äußerste belasten.

und die Lösung:

Nachdem die Klientin feststellt, daß sie sich am Platz von Vaters verstorbenen Brüdern „auskennt“, sagt sie zum Vater: „Ich wollte dir das geben, was du von deinem verstorbenen Bruder nicht mehr bekommen konntest. Das ist verrückt, ich bin nicht dein toter Bruder, ich bin deine lebendige Tochter!“, dann überläßt sie diesen Platz dem Onkel (Stellvertretern) und sagt zu ihm: „ich kann dich nicht ersetzen, du hast Vater so gefehlt. Ich konnte dich auch nicht kennenlernen.“ Und dann hat sie die Möglichkeit, ihren Onkel, den sie nie kennenlernen konnte, zu spüren, sich von ihm zu verabschieden.
So löst sie schrittweise die Identifikationen und korrigiert die mit ihnen verbundenen „Glaubenssätze“. Dabei „löscht“ sie die Elemente ihres „falschen Selbst“ und schafft so den Raum für ihr „wahres Selbst“.

Lösung der malignen Verschmelzung

Wie im Fallbeispiel gezeigt, ist das setting des Familienstellens, die Arbeit mit Stellvertretern, die Einbeziehung von Lösungssätzen und Abgrenzungs-Ritualen geeignet, in intensiver und verdichteter Form, dem Klienten sein Dilemma bewußt zu machen und einen Lösungsweg aufzuzeigen. In schweren Fällen ist meist eine begleitende Psychotherapie unerläßlich. Das „verinnerlichte Autonomieverbot“ sitzt sehr tief, autonome Impulse lösen immer wieder heftige Zweifel und Ängste aus.
Die Situation des Klienten ist vergleichbar der eines kontinentalen Autolenkers, der zum ersten mal am englischen Linksverkehr teilnimmt. Er hat dauernd das Gefühl, etwas Falsches zu machen und eine schreckliche Katastrophe auszulösen. Wenn er aber das machen würde, was er bisher gewohnt war, dann würde die Katastrophe passieren.

Ein Beifahrer ist da zunächst sehr hilfreich.







Systemische Beratung bei Konflikten in der Partnerschaft


Die systemische Analyse von Partnerkonflikten zeigt, dass hinter einer vordergründigen Problematik sich meist folgende Dynamiken verbergen - einzeln oder auch kombiniert.

1. Verlust eines Elternteils oder Geschwisters

Ein Partner hat den frühen Verlust eines Elternteils oder Geschwisters noch nicht verarbeitet.

Eine Frau klagt über die Unzuverlässigkeit und fehlende Zuwendung des Partners. Als Kind hatte sie durch Scheidung der Eltern den Kontakt zum Vater verloren. Die unbewusste Sehnsucht nach ihm, gleichzeitig aber auch die Wut über sein Weggehen projizierte sie auf den Partner.
Die systemische Analyse ermöglichte eine Lösung: durch die Versöhnung mit dem Vater gelingt es ihr, in dem Partner den Partner zu sehen.

Ein Mann sucht vergeblich eine innige, harmonische Beziehung. Als Kind hatte er früh eine Schwester verloren. In jeder Frau hoffte er das wiederzufinden, was er sich so ersehnte.
Bisweilen gerät ein Mann mit dieser Geschichte an eine Frau, die früh einen Bruder verloren hat. Bisweilen ergibt sich so eine innige "Geschwisterbeziehung", "so nah und doch so fern", in der für heftige Auseinandersetzung und vitale Sexualität kein Platz ist.
Die systemische Analyse ermöglicht eine Lösung: durch ein archaisches Ritual kann sich der Mann von seiner Schwester verabschieden. Nun kann er die Partnerin als Partnerin wahrnehmen.

2. Kindliche Überlebensstrategien werden zum Modell für eigene Beziehungen.

Wenn ein Partner - einen - oder beide - Eltern emotional nicht erreichen konnten, entwickelte er Überlebensstrategien, welche die Auswahl des späteren Partners und das Schicksal der Beziehung bestimmen. So wie er unbewusst für Vater/Mutter so macht er es auch für den Partner/die Partnerin.
Eine Frau wurde von ihrem Vater beschimpft, kritisiert, fertig gemacht, nichts konnte sie ihm recht machen. Genauso ging es ihr mit zwei Partnern.

Die systemische Analyse ergab: der Vater hatte seine Frau früh verloren, er erwartete von der Klientin den Halt, die Zuwendung, die er von seinen Vater nicht bekommen hatte. Sie ihrerseits versuchte, ihm das zu ersetzen, um ihm nahe zu sein - und konnte damit nur scheitern. Diese unbewusste Überlebensstrategie - dem Vater den fehlenden Vater ersetzen zu wollen - ließ sie zwei Partner finden, welche ebenfalls ihren Vater früh verloren hatten, durch Tod bzw. durch Scheidung, so konnte sie für den Vater nicht Tochter, für den Partner nicht Geliebte sein.
Die Lösung war für sie, im Rahmen einer Systemaufstellung die Identifizierung mit Vaters Vater sich bewusst zu machen und zu lösen.

Ein Mann kümmert sich rührend um seine Frau, die ein schweres Schicksal hatte. Deren depressive Tendenzen werden dadurch noch verstärkt, er glaubt, ihr immer mehr abnehmen zu müssen. So entsteht ein Teufelskreis der sich immer schneller dreht.

Die systemische Analyse ergibt, dass der Mann schon als Kind unbewusst für seine mehrfach traumatisierte Mutter glaubte, Schmerz und Trauer tragen zu müssen, um ihr nahe zu sein, für sie wichtig zu sein. Diese "Überlebensstrategie" ließ ihn eine Partnerin suchen und finden, bei der er das "Gelernte" anwenden kann.
Die Lösung: im Rahmen einer Systemaufstellung kann er seiner Mutter, symbolisiert durch einen schweren Stein, die übernommene Last zurückgeben. Dadurch gewinnt er wieder Achtung für seine Mutter, kann sich als Kind fühlen und von ihr im Guten ablösen. Auch der Frau kann er nun symbolisiert durch einen Stein deren schweres Schicksal wieder zurückgeben und dadurch achten, dass sie es trägt, so gut sie kann. Dadurch gewinnen beide an Kraft und an Achtung füreinander.

Eine Frau neigt dazu, in Beziehungen sich so auf den anderen einzustellen, dass sie ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse kaum noch spürt. Ihr Ich wird zum Schatten, zum Echo des Du. Das Du vermisst zunehmend ein eigenständiges Gegenüber und hat Tendenzen, sich zu trennen. Dies löst heftige Verlustängste und Anklammern aus, was die Trennung noch beschleunigt. Für das Ich mit Verschmelzungstendenzen bricht eine Welt zusammen.

Die systemische Analyse ergibt, dass diese Frau zu ihrem unerreichbaren Vater keinen Kontakt bekommen konnte. Nur indem sie sich in ihn "hineinfühlte", mit ihm "verschmolz", entstand so etwas wie Nähe und Verbindung. Nach diesen "Modell" suchte und fand sie einen ebenfalls unerreichbaren Partner. Für die Lösung war es wichtig, die ursprüngliche Verschmelzungstendenz mit dem Vater bewusst zu machen und durch ein geeignetes Ritual auch zu lösen. So wurde ihre Ich-Stärke und ihre Abgrenzungsfähigkeit unterstützt.

3. Der Verlust eines gemeinsamen Kindes

Der nicht gemeinsam verarbeitete Verlust eines Kindes - Kindstod, Totgeburt, Fehlgeburt, Eileiterschwangerschaft und Abtreibung (!) - kann ein Paar trennen, früher oder später.

Eine Frau verliert das erste Kind, einen Jungen, durch Fehlgeburt. Mit ihrem Schmerz, den quälenden Fragen - warum? Habe ich etwas falsch gemacht? - ist sie allein. Den Partner kann oder will sie nicht in Anspruch nehmen. Dies kann der Keim für spätere Trennungstendenzen sein, auch wenn es noch gemeinsame Kinder gibt!

Die systemische Analyse ermöglicht die Lösung: gemeinsam mit dem Partner begrüßt und verabschiedet sie das verlorene Kind.
Es ist immer wieder erstaunlich, dass durch die systemische Analyse eine neue Perspektive möglich ist, welche alte Vorwürfe und festgefahrene Fronten als irrelevant erscheinen lässt. Meist genügen ein bis zwei Beratungssitzungen und eine gemeinsame Systemaufstellung um diesen Perspektivenwechsel zu ermöglichen.




Arbeitslos!


Eine ca. 30jährige Klientin sucht mich auf, da sie seit einem Jahr arbeitslos ist. Bei der systemischen Familienanamnese berichtet sie, daß die Großmutter an Krebs erkrankte. Der Großvater hatte eine Freundin, welche schwanger wurde noch bevor die Großmutter gestorben war. Ich gab dazu nur den Kommentar:
„Da hat sich wahrscheinlich jemand schuldig gefühlt. Manchmal sühnt dann jemand aus der nächsten oder übernächsten Generation und auch Arbeitslosigkeit kann als unbewußte Sühne verstanden werden“.
Vier Wochen später schrieb sie mir, daß sie keine weitere Behandlung brauche, der Zusammenhang sei ihr deutlich geworden, sie habe inzwischen Arbeit gefunden!
(Leider-Gottseidank lösen sich nicht alle Probleme bereits nach einem Vorgespräch! Dann hätte ich meine Praxis schon lange schließen müssen!)






Unerfüllter Kinderwunsch (Christine)


Verheiratet, bei der zweiten Schwangerschaft kam es zu einem Absterben des Kindes, im dritten Monat, nach zwei Wochen erfolgte die Totgeburt.
Sie hatte einen starken Kinderwunsch, hatte von Anfang an jedoch ein ungutes Gefühl zu dem Kind. Jetzt wird sie nicht mehr schwanger.
Aufstellungsbild GF:
aufstellungsbild kinderwunsch
Dies Bild zeigt deutlich, daß Christine, die glaubte, sich von dem Kind verabschiedet zu haben, immer noch mit dem Kind verbunden ist. Das hindert sie offenbar daran, ihren Platz neben dem Mann einzunehmen.
Durch die Gegenüberstellung mit dem Stellvertreter des totgeborenen Kindes kann ihr ganzer Schmerz noch einmal ans Licht kommen, sie kann die Liebe zeigen, die sie dem Kind selbst nicht geben konnte.
Unsere Sprache kennt das Phänomen, daß bisweilen beim Tod eines nahen Angehörigen ein Teil von uns „mit ihm geht“. Durch ein entsprechendes Ritual gibt die Stellvertreterin des totgeborenen Kindes Christine diesen Teil wieder zurück. Dadurch wirkt sie lebendiger, die Augen strahlen, die Wangen röten sich.
 
Manchmal hält eine Mutter das verstorbene Kind unbewußt durch ihre Trauer fest, sodaß beide, Mutter und Kind keinen Frieden finden können. Dies wird sehr eindrucksvoll im Märchen der Gebrüder Grimm „Das Totenhemdchen“ beschrieben.
Ich frage Christine, ob sie ihr verstorbenes Kind loslassen möchte, sodaß es auch „seinen Frieden findet“? Nachdem sie zustimmt schlage ich ihr die Sätze vor: „ich muß dich nicht mehr durch meine Trauer festhalten. Du darfst jetzt dahin gehen, wo du deinen Frieden findest“.
Jetzt kommt noch einmal ein großer Schmerz, der zeigt, daß erst jetzt der Abschied vollzogen wird! Ein letztes Mal kann sie das verstorbene Kind, gemeinsam mit dem Ehemann zum Abschied umarmen. Dann sieht sie zu, wie die Stellvertreterin  des verstorbenen Kindes sich entfernt, dahin, wo sie „ihren Frieden findet“.
Christine kann sich nun an der Seite ihres Mannes stellen, dem gemeinsamen Sohn zuwenden. Vielleicht ist sie jetzt auch innerlich bereit, ein weiteres Kind begrüßen zu können.