Destruktion und Autonomieentwicklung
Ein Beitrag zum Verständnis und zur Behandlung destruktiven Verhaltens aus der Sicht des Familienstellens.
Vorbemerkungen

Durch die therapeutische Arbeit mit Stellvertretern - Systemaufstellung - wird deutlich: sehr viele, mehr als 90% meiner Klienten(!) "stehen am Platz" eines Elternteils, kennen sich an diesem Platz gut aus - bisweilen besser als bei sich selbst - sind mit einem Elternteil symbiotisch verschmolzen!
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Symbiose, misslungener Autonomie-Entwicklung und destruktivem Verhalten.
Im Folgenden teile ich meine Beobachtungen und Überlegungen als Systemtherapeut (Systemaufstellungen) zu diesem Thema mit und stelle sie zur Diskussion.
Die hier vertreten Sichtweise ist insofern systemisch, als sie "pathologisches" Verhalten nicht als Ausdruck eines biologisch verankerten Defizits (Gene, Transmitter) sondern als aktive kindliche Anpassungs- und Überlebens-Strategie in einer Mangelsituation versteht. Diese Sichtweise verhindert einmal die Abwertung des "pathologischen" Verhaltens und des Klienten, ermöglicht Empathie und Respekt für die Anpassungsleistung des Klienten und hilft, unerwartete Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Zum anderen ermöglicht sie dem Klienten aus einer häufig bestehenden Opfer - Perspektive herauszukommen, der zufolge die Eltern die alleinig schuldigen sind.


Autonomie und Nähe

Psychotherapeutische Theorien - wie z.B. im Polaritätsmodell von Mentzos 1Stavros Mentzos, Psychotherapie in der Behandlung von chronisch schizophrenen Patienten, "Psychotherapie im Dialog", September 2003, S.223-229 2Stavros Mentzos (2003) Psychodynamik und Psychotherapie schizoaffektiver Psychosen,
Vortrag bei Dr. Jung
- zeigen: Individuation, das Finden zur eigenen Identität, die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit erfordert die Integration der beiden Grundbedürfnisse:

  • des Bedürfnisses nach Nähe und Zugehörigkeit einerseits und
  • des Bedürfnisses nach Autonomie und Freiheit andrerseits.

  • Autonomie meint die Fähigkeit, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, und sich abzugrenzen.
    Eltern können ihre Kinder unterstützen, die eigene Autonomie zu entwickeln, indem sie die Autonom- Bedürfnisse des Kindes, seine Wahrnehmung, Interessen, Abgrenzungsbewegungen verständnisvoll annehmen, ihnen aber auch Grenzen setzen.


    Wenn Eltern nicht Eltern sein können.....

    Manche Eltern konnten jedoch ihre eigene Autonomie nicht entwickeln oder sind durch den frühen Verlust eines nahen Angehörigen traumatisiert. Sie neigen dazu, vom Kind z. B. die Nähe, die Wärme den Halt zu erwarten, die sie selbst von ihren Eltern nicht bekommen haben ("Parentisierung"). Sie erleben daher die Autonomietendenzen des Kindes als bedrohlich und versuchen, sie zu unterdrücken, diskriminieren sie als ungehörig, böse oder gar schuldhaft, bestrafen sie mit Liebesentzug, Kontaktabbruch.


    ...können Kinder nicht Kinder sein.

    Für den Klienten ergibt sich hieraus - in unterschiedlicher Ausprägung - ein Dilemma. Er macht die Erfahrung, dass Nähe und Zugehörigkeit nur um den Preis von Anpassung und Unterdrückung der eigenen Autonomie möglich sind, und dass das Stehen zur eigenen Autonomie zum Verlust von Nähe und Zugehörigkeit führen kann.
    In manchen Fällen übernimmt der Klient sogar ein elterliches Identitäts- und Autonomie-Verbot, er unterwirft sich der verbietenden elterlichen Instanz, er verinnerlicht -"internalisiert" - einen destruktiven Elternteil.
    Die Integration der beiden Grundbedürfnisse ist ihm daher nicht mehr möglich.


    Das Verschmelzungssyndrom

    Da Nähe und Zugehörigkeit für das Kind zunächst überlebenswichtig sind, entwickelt es in diesem Dilemma eine spezifische Überlebens - Strategie, die durch folgende Aspekte charakterisiert ist: Das Verschmelzungssyndrom wird zum Modell für alle spätere Beziehungen. Das heißt, die Beziehungen zum Partner, zur Arbeit, zum Kind sind symbiotisch geprägt. Daher ist das Bewusstmachen und Lösen dieses Musters entscheidend wichtig.

    Fortsetzung >>


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