Einführung Autonomie-Training (25.6.2011)

Was heißt Autonomie?

Autonomie ist ein Fremdwort, aus dem Griechischen: autos = selbst und nomos = Gesetz, also selbstbestimmt leben, nach den eigenen Überzeugungen und Bedürfnissen.

Nicht nach Überzeugungen und Bedürfnissen anderer!

Das kennt ihr gut: dass andere etwas von euch erwarten, euch sagen, wie ihr euch verhalten sollt, was ihr machen sollt, vielleicht sogar, was ihr denken sollt?

Ein Kind ist ja zunächst klein, unwissend, hilflos, abhängig. Um zu überleben, ist es angewiesen auf die Eltern, auf ihre Zuwendung und Unterstützung, auf ihre Fürsorge und Liebe.

Das ist das eine Grundbedürfnis, nach Verbindung und Zugehörigkeit, nach Nähe und Wärme. Und das bewirkt, dass ein Kind sich zunächst nach seinen Eltern orientiert, sie nachahmt, sich an ihre Überzeugungen und Bedürfnisse anpasst, manchmal bis zur völligen Übereinstimmung, bis zur Verschmelzung.

Aber es gibt noch ein anderes Grundbedürfnis, das nach Freiheit, nach Selbst-Bestimmung, nach Autonomie.

Es zeigt sich schon früh, wenn ein Kind zum erste Mal „Ich“ sagt oder „NEIN“ sagt. Besonders zeigt es sich in der Pubertät, in der Phase des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen, der Ablösung von den Eltern.

Ihr befindet euch in dieser Phase und deshalb kennt ihr – hoffentlich – alle dies Bedürfnis?

Beispiele?

Dies Bedürfnis nach Selbst-Bestimmung, nach Autonomie führt notwendigerweise zu Spannungen, zu Konflikten. Innerlich, mit euch selber, aber auch im Aussen mit anderen. Diese Konflikte können so heftig sein, das man als Kind manchmal glaubt, diese Bedürfnisse, diesen Teil der gerne erwachsen sein möchte – ich nenne ihn das „erwachsene Selbst“ - unterdrücken, verstecken, abspalten zu müssen.

Und vielleicht gibt es sogar Eltern, die darüber nicht unglücklich wären??

Aber man kann nur erwachsen werden, wenn man mit diesem Bedürfnis nach Autonomie, mit diesem „erwachsenen Selbst“ verbunden ist.


Warum ist es nicht so leicht, selbstbestimmt zu leben, erwachsen zu sein? Sozusagen als „Kapitän auf dem eigenen Schiff“?


Anscheinend ist es nicht so leicht, zu spüren, was man selber will und es nach aussen zu vertreten?

Fatal: Je weniger du selber weisst, was du willst, umso mehr versuchen andere, dir ihre eigenen Überzeugungen und Bedürfnisse nahe zu bringen. Teils in bester Absicht: Eltern, Lehrer, teils aus eigenem Interesse: die Werbung redet dir zum Beispiel ein, nur mit einem bestimmten Kleidungsstück, einem bestimmten Spielgerät bist du „in“, gehörst du dazu, bist du „cool“.

Und zusätzlich gibt es noch den Erwartungsdruck der Mitschüler, die bewußt – oder unbewußt – dich beeinflussen, dich manipulieren wollen.

Wie ist es überhaupt möglich, diesem Anpassungsdruck von aussen stand zu halten, um herausfinden zu können:

was will ich selber?

Was ist mein eigenes Bedürfnis?

Was ist meine eigene Überzeugung?


Wißt ihr eine Lösung?

Als Psychiater habe ich seit 35 Jahren mit Menschen zu tun, die Probleme haben. Und ich glaube eine gemeinsame Lösung für die unterschiedlichsten Probleme gefunden zu haben.

Soll ich sie euch verraten?

Es ist die gesunde Distanz, der gesunde innere Abstand gegenüber Menschen, aber auch gegenüber Problemen.

Wem dieser gesunde innere Abstand fehlt, der gibt fremden Überzeugungen und Erwartungen mehr Aufmerksamkeit, mehr Raum, als gut ist. Sodass er für seine eigenen Überzeugungen und Bedürfnisse nicht mehr den nötigen Raum, die nötige Aufmerksamkeit mehr hat.

Offenbar braucht man so etwas wie einen inneren Raum, eine eigene innere Grenze, um mit sich selbst, mit den eigenen Bedürfnissen verbunden zu sein?


Warum kommt man meistens nicht selber auf diese Lösung?

Weil wir uns selber gar nicht bewusst sind, ob wir diese Distanz haben oder nicht – wir kennen ja nichts anderes!

Wir merken es nur indirekt, an den Problemen, die wir dadurch bekommen.

Die fehlende Distanz ist „die Mutter aller Probleme“.

Eine kühne Behauptung?

Ich werde euch das an den 6 Aspekten des Autonomie-Fragebogens erläutern!

Zunächst die 3 Aspekte A-C, es sind die Aspekte der Selbst-Bestimmung, sie verbessern unser Selbstgefühl, machen uns zufrieden und glücklich.


A „gesunde“ Abgrenzung,

die Fähigkeit, NEIN zu sagen – ohne Schuldgefühle!

Manche tun sich da schwer. Vielleicht wollen sie es den anderen Recht machen und werden blockiert durch ein Gefühl, dadurch den anderen zu enttäuschen, zu verletzen. Sie haben Angst, seine Zuneigung zu verlieren. Offenbar sind sie mit ihrem Gefühl mehr beim Anderen als bei sich selbst, ihnen fehlt die gesunde Distanz! Der innere Raum!

So bleiben sie klein, schwach und abhängig – werden unzufrieden, unglücklich und böse. Wer kennt das?


B „gesunder Egoismus“,

Die Verbindung mit dem Eigenen, mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Auch das erfordert die innere Distanz zum Anderen und dessen Bedürfnissen. Je mehr ich spüre, was ich will und das auch erfolgreich – nicht unbedingt laut!!! - vertreten kann, um so besser geht es mir. Ich habe das Gefühl, mein eigenes Leben zu leben. Ich bin sozusagen Kapitän auf dem eigenen Schiff!

Beispiele?

C „gesunde“ Aggression

Aggression ist zunächst nichts Böses. Es ist die Kraft, mit der ich Probleme anpacken und löse kann, die Kraft, mit der ich in Auseinandersetzungen meinen eigenen Standpunkt, meine eigenen Bedürfnisse ruhig und klar vertreten kann.

Aber auch hier ist es erforderlich, daß ich bei mir selber bleibe kann und nicht mehr beim Anderen bin, als bei mir selbst! Distanz!

Beispiele?


D-F betreffen Folge-Aspekte der blockierten Autonomie-Aspekte, sie wirken zerstörerisch, machen unglücklich.


D „Null Bock“, Überabgrenzung.

Wer sich nicht „gesund“ abgrenzen kann, nicht NEIN sagen kann, dem geht es irgendwann immer schlechter, er fühlt sich unzufrieden, vielleicht ausgenützt, verliert jede Lust.

So entsteht die Haltung „Null Bock“. Er verweigert sich, macht nicht mehr mit. Er sagt nur noch NEIN, kann überhaupt zu nichts mehr JA sagen.

Beispiele?


E Macht, Manipulaton

Wer seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht spüren und vertreten kann, fühlt sich machtlos, ausgeliefert, handlungsunfähig. Um selber nicht mehr manipuliert und abhängig gemacht zu werden, „dreht er den Spiess um“, manipuliert andere, versucht sie von sich abhängig zu machen. Das gibt im das Gefühl, selber mächtig und unabhängig zu sein.

Aber das ist nur eine Illusion!

Wenn sein „Opfer“ sich befreit, dann spürt er schmerzlich, wie abhängig er von seinem „Opfer“ ist und wird erst richtig böse und aggressiv.

Beispiele?


F destruktive Aggression, gegen sich und gegen andere.

Wenn jemand seine gesunde Kraft nicht für sich einsetzen kann, z.B indem er sich abgrenzt, Probleme anpackt, dann „staut“ sich diese Kraft, wird zerstörerisch, destruktiv und richtet sich gegen ihn selber: Selbstwertprobleme, Schuldgefühle, fehlendes Selbstvertrauen, Minderwertigkeitsprobleme, Ängste, bis zu Selbsthass und Selbstzerstörung (Sucht, Selbstverletzung)

Oder diese destruktiv gewordene Kraft richtet sich gegen andere: Gewalt, Mobbing.

Beispiele?