SYSTEMISCHES AUTONOMIE-TRAINING


Unsere tiefste Angst ist nicht, ungenügend zu sein.

Unsere tiefste Angst ist es, kraftvoll über alle Maßen zu sein. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten in Angst und Schrecken versetzt. Wir fragen uns, darf ich grossartig, hinreissend, begabt, fantastisch sein?

In Wirklichkeit, wer -ausser dir selbst - könnte es dir verbieten?!

Du bist ein Geschöpf Gottes. Du bist nicht dazu geschaffen, um dich klein zu machen!

Was für ein schrecklicher Irrtum, zu glauben, du müsstest verschrumpeln, damit andere in deiner Umgebung sich besser fühlen!

Wir alle sind dazu bestimmt, die Herrlichkeit Gottes erstrahlen zu lassen, die in uns ist. Nicht in einigen von uns, nein in jedem von uns!

Und indem wir unseren Glanz leuchten lassen, geben wir, ohne es zu wissen, anderen die Erlaubnis, ihren Glanz genauso leuchten zu lassen.

Wenn wir von unserer Angst befreit sind, wirkt alleine unser Sein befreiend auf andere.



marianne williamson



Überanpassung und Selbst-Entfremdung

Als Therapeut erfahre ich täglich von meinen Klienten, welch ungeheurem Anpassungsdruck wir alle, die Jugendlichen, ihre Eltern, ihre Lehrer ausgesetzt sind. Vermittelt durch die Medien, durch die allgegenwärtige Werbung neigen wir dazu, uns selbst - und unsere Kinder - vorwiegend nach Leistung und Einkommen zu beurteilen. Zentrale Persönlichkeitsmerkmale wie Kreativität, eigenständiges Denken, die Freude am Kontakt, an Bewegung und am Lernen, werden zwar theoretisch geschätzt, aber kaum gefördert, nicht selten sogar als störend empfunden und unterdrückt.

Zwar gilt es als erstrebenswert, authentisch zu sein und Zivilcourage zu zeigen, aber wie können wir unseren Kinder vermitteln, was wir selber nicht gelernt haben?

Bereits im Kindergarten, verstärkt in der Volksschule sind Kinder den Erwartungen der Eltern und Lehrer ausgeliefert. Anstatt herauszufinden, was ihre Begabungen, Fähigkeiten, Interessen sind, und wie sie diese entwickeln können, „lernen" sie, sich an fremde Erwartungen anzupassen, sich mit ihnen zu identifizieren. Sie „lernen", ihren Wunsch nach ihrem Eigensten, nach einem selbstbestimmten Leben, nach Autonomie zu unterdrücken. Sie lernen, zu „funktionieren", sie leben fremdbestimmt.

Aber das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach Autonomie ist ein Grundbedürfnis des Menschen, es lässt sich nicht „ungestraft" unterdrücken.

Gerade vitale Jugendliche geraten in eine Oppositionshaltung und erzeugen damit Ablehnung. Wie in einem Teufelskreis treibt sie das immer weiter ins Abseits, zu Gewalt, Computersucht, Drogen, Kriminalität, Dissozialität.

Die Angepassten, die sich mit den Fremd-Erwartungen der Erwachsenen identifizieren, „lernen" ihr Unbehagen, ihren Groll zu unterdrücken. Die Anerkennung, die sie für ihre Leistungen bekommen, macht ihnen die Anpassung leichter. Aber sie sind gefährdet. Immer mehr Jugendliche erkranken an Burn-out, an Stress-Erkrankungen und Erschöpfungs-Depressionen.

Dieser Anpassungsdruck und die fehlende Unterstützung der Selbst-Findung fördert Selbst-Entfremdung, macht Selbst-Findung, macht AUTONOMIE immer schwieriger. Es sind genau diese Persönlichkeitsmerkmale: Kreativität, eigenständiges Denken, die Freude am Kontakt, an Bewegung und am Lernen, welche dem einzelnen ein Gefühl von Würde, Selbst-Achtung und Selbst-Wert (Unabhängigkeit, Lebensfreude, Lebenssinn und persönlicher Befriedigung) vermitteln können, die ihn befähigen, auch in schwierigen Situationen eigene Lösungen für sich und für andere zu finden.

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, selbstbestimmt und unangepasst zu leben?


Symbiose- und Autonomie

Durch meine langjährigen therapeutischen Erfahrungen bin ich zu einem tieferen Verständnis von Autonomie und Symbiose gekommen, welches ich hier in schematischer Form vereinfacht darstelle.

Es scheint, daß es zwei gegensätzliche, unbewußt gesteuerte „Programme" gibt, die unser Verhalten bestimmen: Das Symbiose- und das Autonomie-Programm. Ein besseres Verständnis dieser Programme, und das Wissen um ihre Entstehung, ihre Funktion und ihre unbewußte Steuerung ermöglicht es, sich selbst und andere bei einer Entwicklung zu mehr Autonomie gezielt zu unterstützen.


Unter Autonomie versteht man die Fähigkeit, sein Leben - soweit möglich - selbst-bestimmt, d.h. nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Wir alle haben das Potential, um selbstbestimmt leben zu können, das gehört sozusagen zu unserer „Grundausstattung".


Schematisch kann man drei Grundaspekte der Autonomie unterscheiden.


GRUNDASPEKTE DER AUTONOMIE:

Die so verstandene Autonomie ermöglicht ein selbstbestimmtes, stressarmes Leben, und eine partnerschaftliche ICH-DU-Beziehung, die von gegenseitigem Respekt und Anziehung bestimmt ist und klärende Auseinandersetzungen ermöglicht. Das ist der Unterschied zu einer symbiotisch bestimmten Beziehung mit Abhängigkeit und Ko-Abhängigkeit, mit gegenseitiger subtiler Manipulation und Abwertung.


Wir alle haben das Potential, die Voraussetzungen für das „Autonomieprogramm", aber wir müssen es erst entwickeln. Zu Beginn unseres Lebens sind wir klein, extrem hilflos, abhängig von der Zuwendung der Mutter. Mutter und Säugling sind in ihrem Verhalten von einem „Symbiose-Programm" bestimmt. (Symbiose: griechisch „sym" = zusammen, „bios" = leben).


Das „Symbiose-Programm"

Der Embryo ist mit der Mutter verbunden in einer engen (gesunden) Symbiose (griechisch „sym" = zusammen, „bios" = leben).

Schematisch vereinfacht kann man bei der Mutter-Säuglings-Symbiose drei Grundaspekte unterscheiden:


Jedoch bereits 2 Monate nach der Geburt kann der Säugling zwischen sich und der Mutter unterscheiden! (Martin Dornes, Der kompetente Säugling)

Trotz-Phase und Pubertät sind weitere wichtige Phasen in der Entwicklung zur eigenen Autonomie.

Die Autonomie-Entwicklung, die Entwicklung des „Autonomie-Programms" ist jedoch sehr störanfällig.


Das „fixierte" Symbiose-Programm

Ein wichtiger Faktor ist die Haltung der Eltern, besonders der Mutter: je mehr sie selber ihre eigene Autonomie entwickeln konnte, umso mehr kann sie ihr Kind dabei unterstützen. Wenn sie jedoch selbst durch frühe Verlusttraumen in ihrer Autonomie-Entwicklung stecken geblieben ist, dann tendieren sie dazu, ihr Kind - unbewusst! - für ihre eigenen unerfüllten Bedürfnisse in Anspruch zu nehmen. Die Autonomie-Tendenzen ihres Kindes erleben sie dann vielleicht als gefährlich, sie reagiert darauf vielleicht mit Angst oder Abwehr, oder mit dem Entzug ihrer Zuwendung (Liebe). Das ist wiederum für das Kind bedrohlich, da es ja klein und abhängig und auf Zuwendung angewiesen ist. Um zu überleben, identifiziert es sich mit den Erwartungen und Wünschen der Eltern und entwickelt so ein „falsches Selbst". Die eigenen Bedürfnisse nach Autonomie, nach Selbstbestimmung und Abgrenzung empfindet es als gefährlich und unterdrückt sie deshalb.


Unbewußte Blockade des Autonomie-Programms

Es sind zwei sehr heftige Gefühle, welche die Entwicklung von Abgrenzung und Selbstbestimmung blockieren können:

Diese heftigen Gefühle sind sehr früh erworben und daher überwiegend unbewußt, gespeichert im „emotionalen Körpergedächtnis. So bestimmen sie mit ungebremster Wucht als „unbewußtes Abgrenzungsverbot" oder als „verinnerlichtes Autonomieverbot" das Verhalten des Betroffenen.

Das fixierte und daher destruktiv gewordene Symbiosemuster blockiert das Autonomie-Programm, es prägt alle späteren Beziehungen, zu Partner und Kinder, sogar zur Arbeit (workoholic, burn-out)!


Andere Ursachen für ein „blockiertes Autonomie-Programm"

Neben der nicht gelungenen Ablösung von einer traumatisierten Mutter gibt es weitere frühe Beziehungserfahrungen, die ein fixiertes Symbiosemuster auslösen und dadurch eine Autonomie-Entwicklung blockieren können. Sie sollen hier kurz erwähnt werden:

Jedes dieser Symbiosemuster hat eine eigene, etwas andere Färbung. Die Lösung dieser Symbiosemuster bedarf therapeutischer Erfahrung.


ASPEKTE DER DESTRUKTIVEN (FIXIERTEN) SYMBIOSE

Oben wurden die drei Autonomie - Aspekte erwähnt. Deren Einschränkung durch das Symbiosemuster ergibt die drei primäre Aspekte der fixierten Symbiose.


PRIMÄRE ASPEKTE DER SYMBIOSE

Diese drei Aspekte machen den Symbiose-Komplex aus. Sie verstärken sich gegenseitig: eine Tendenz zu Überanpassung verstärkt die Selbst-Entfremdung und umgekehrt! Das macht das Symbiosemuster zur Falle.


Die Verwirrung der Symbiose

kann man verkürzt so beschreiben:

Der Betroffene identifiziert sich mit Fremden - anstatt sich ihm gegenüber abzugrenzen. Und statt sich mit dem Eigenen zu identifizieren, grenzt er sich ihm gegenüber ab, als sei es gefährlich oder verboten!


Daraus ergibt sich das

Dilemma der Symbiose:

In er Nähe zum Gegenüber verliere ich die Verbindung zu mir selber.

Um mich selber zu spüren, muss ich auf Distanz zum Gegenüber gehen. So als sei es nicht möglich, gleichzeitig die Nähe zum anderen und zu mir zu haben. Das hin und her Pendeln zwischen diesen Extremen ist extrem belastend, für alle Beteiligten.


Der Symbiose-Komplex führt auch in Beziehungen zu massiven Problemen, zu gegenseitigen Manipulationen, Abhängigkeiten, zu Verletzungen und Enttäuschungen. Um weitere Verletzungen zu vermeiden, entwickeln die Betroffenen „symbiotische Kompensationsstrategien", oder sekundäre Symbiose-Aspekte:


SEKUNDÄRE SYMBIOSEASPEKTE

Diese Kompensationsstrategien überlagern und überformen die primären Symbiose-Aspekte bis zur Unkenntlichkeit.


Kollektive Aspekte des Symbiosemusters

So wie das Symbiosemuster am Beginn der individuellen Entwicklung steht, so gab es möglicherweise auch in der Frühphase der Menschheitsgeschichte eine „kollektive Symbiose". Die ersten menschlichen Gruppen waren nur als Clan überlebensfähig. Es war buchstäblich lebensgefährlich, sich selbst als getrennt vom Clan wahrzunehmen. Der einzelne identifizierte sich daher mit dem Clan.

Das Bewußtsein, auch als Einzelner, als Individuum vollständig zu sein, entwickelte sich erstmals vor ca. 4000 Jahren in Griechenland. Der „listenreiche" Odysseus, dessen abenteuerliches Leben Homer vor 3000 Jahren besang, war eines der ersten Beispiele für dieses neue Bewußtsein, das mit Abgrenzung und Selbstbestimmung einhergeht.

Aber wieviele - besser gefragt, wie wenige? - haben heute, nach 3000 Jahren, ein solches Bewußtsein entwickelt?


EINE ARCHAISCHE FORM DES „AUTONOMIETRAININGS"?


Vision-quest

Die Visionssuche ist ein Initiations-Ritual der Indianer, das den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen - vom Symbiose- zum Autonomie-Programm - prägt. Angeleitet durch die Ältesten des Stammes geht der Jugendliche für einige Tage in die Wildnis. Alleine, ohne den Kontakt mit der Familie, den Freunden, ohne Ablenkung durch Nahrung, Unterhaltung, Spiele, setzt er sich der Natur aus, der inneren wie der äusseren. Die Begegnungen, Eindrücke und Träume nimmt er mit zurück und berichtet darüber den Ältesten. Diese besprechen mit ihm die Bedeutung dessen, was er erlebt hat. Auf Grund ihrer Lebenserfahrung erkennen sie darin das Besondere, das Eigene des jungen Mannes und finden für ihn einen Namen, der dies Besondere ausdrückt.


Die indianischen Stämme lebten in einer archaischen, „primitiven" Kultur, in einer lebensfeindlichen, von Mangel und Hunger bestimmten Umgebung ging es täglich ums Überleben. Für das Überleben eines Stammes war es daher entscheidend, dass die erwachsenen Männer möglichst selbständig den Herausforderungen dieser Umwelt stellen konnten. Offenbar kannten die Indianer die Bedeutung von Identität und Autonomie. Sie hatten ein wirksames Ritual entwickelt hatten, um ihren Jugendlichen diese Selbst-Findung zu ermöglichen. Indem die Ältesten es für Wert hielten, die Erfahrungen des jungen Mannes mit ihm zu besprechen, ihn dabei zu unterstützen, sein eigenstes zu entdecken und zu entwickeln, vermittelten sie ihm Selbst-Achtung und Selbst-Wert-Gefühl. Und vermittelten ihnen so etwas wie eine kollektive Erlaubnis, ja sogar einen kollektiven Auftrag, eine entscheidende Voraussetzung, um sein Leben selbst-bestimmt, autonom zu leben.


Wir in unserer hochzivilisierten Welt, die gleichzeitig von Überfluß und Hunger bestimmt ist, haben nicht mehr solche Rituale. Konfirmation bzw. Firmung waren vielleicht einmal so gedacht, aber sie haben ihre Wirkung verloren.


EIN NEUES AUTONOMIE-TRAINING?

Das ist der Grund, warum hier ein neues Projekt vorgestellt wird.

Bereits der Arzt Ronald Grossarth-Maticek hat die Bedeutung von Autonomie für die Selbst-Regulation, für Gesundheit und Problemlösung erkannt und ein eigenes Autonomietraining entwickelt.

Seine Überlegungen haben nicht die Verbreitung gefunden, die das Thema verdient, vielleicht weil er sich mehr auf die bewußte Ebene beschränkt, weil er die unbewußte Blockade des „Autonomieprogramms" zuwenig berücksichtigt?

Das hier vorgestellte "SYSTEMISCHE AUTONOMIE-TRAINING" umfasst:




FRAGEBOGEN

Der Fragebogen enthält insgesamt 48 Fragen, jeweils 8 Fragen zu den drei Autonomie-Aspekten und zu den drei sekundären „kompensatorischen" Symbiose-Aspekten.

Das Ergebnis kann grafisch dargestellt werden mit Hilfe von drei Achsen, die sich mit einander und mit einer Waagerechten im Winkel von jeweils 45 Grad kreuzen. Oberhalb der Waagerechten nimmt die Autonomie zu, unterhalb die Symbiose.

Die drei Achsen verbinden die Autonomie-Aspekte mit den jeweils korrespondierenden sekundären Symbiose-Aspekten:


Die vom Benutzer selbst ermittelten Werte werden auf den jeweiligen Achsen der Grafik eingetragen. Wenn man die gewonnenen Meßpunkte miteinander verbindet, entsteht eine kreisförmige Gestalt, die von der Querachse geschnitten wird.

Das so gewonnene Bild vermittelt einen individuellen „Autonomie-Status", der mit einem Blick zu erfassen ist. Veränderungen - z.B. durch das Autonomietraining - zeigen sich dadurch, daß der Kreis (wie bei einem Sonnenaufgang) aus dem unteren Symbiose-Bereich immer mehr in den Autonomie-Bereich wandert.



DER TRAININGS-PROZESS

Die vom Probanden als belastend erlebte (symbiotisch geprägte?) Beziehung zu einer Bezugsperson wird mit Hilfe von Repräsentanten für das Gegenüber und für das eigene Selbst aufgestellt und auf Symbiose-Autonomie untersucht. In einem Lösungsprozeß wird immer wieder ein eventuell vorhandenes „unbewußte Abgrenzungs-Verbot" spürbar. Das gibt dem Probanden die Möglichkeit, sich bewußt gegen dieses verinnerlichte Verbot zu entscheiden: sich selbst und seinen eigenen Raum zu schützen. Unmittelbar erlebt er die Veränderung seines Selbst-Gefühls durch den Prozess der Abgrenzung und Selbst-Verbindung.


1. AUFSTELLUNGSBILD

Der Proband sucht zunächst Repräsentanten aus für eine Bezugsperson (Elternteil, Lehrer, schwieriger Mitschüler) und sein eventuell unterdrücktes eigenes „Selbst" („Der Teil von dir, der sich frei und unbeschwert fühlt, der nein sagen kann, der auch unerwünschte Gefühle wie Wut oder Hass - oder Angst und Trauer - haben darf").

Nun stellt er sich selbst zu der Bezugsperson in Beziehung, und spürt dann, wo der Repräsentant für sein „Selbst" steht.

Meist steht er extrem nah - oder extrem entfernt („Überabgrenzung"!)- zu der Bezugsperson. Sein „Selbst" steht meist weiter entfernt. Das ist bereits ein Hinweis auf ein Symbiosemuster.


2. BEZIEHUNGSKLÄRUNG ZUM GEGENÜBER

Trainer (legt nun einen Schal zwischen Probanden und Bezugsperson, als
Symbol für eine Grenze, und bemerkt dazu): „du bist vollständig ohne ihn, er ist vollständig ohne dich. Du bist nicht ein Teil von ihm, er ist nicht ein Teil von dir!"

Trainer fragt Probanden, „wie fühlt sich das für dich an?"

Falls Proband das als erleichternd und/oder als schmerzhaft erlebt, spricht das für fehlende Abgrenzung.


Um eine

3. IDENTIFIZIERUNG MIT DEM GEGENÜBER.....

zu überprüfen, schlägt der

Trainer dem Probanden vor: stell dich auf den Platz des Gegenüber.

Trainer: fragt: „wie fühlt sich dieser Platz an? Kommt dir das bekannt vor? Kennst du dich da aus? Vielleicht besser als auf deinem eigenen Platz?"

Falls Proband sich am fremden Platz besser auskennt, als auf seinem eigenen, spricht das für fehlende Abgrenzung, für fehlende Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden.


4. ....UND LÖSUNG

Um eine Identfizierung mit der Bezugsperson zu lösen, sagt der

Trainer dem Probanden: „Du kannst dich entscheiden, vom „falschen" Platz auszusteigen, indem du den Schal, das Symbol der Grenze, überschreitest, und an deinen eigenen Platz zurück gehst."

Von seinem eigenen Platz aus kann der Proband die Lösungssätze sagen: Proband: „Du bist Du und ich bin ich. Du lebst dein Leben, und ich lebe meines. Du hast deine Ansichten und ich habe meine eigenen, und die können ganz anders sein, als du erwartest!"

Bereits bei diesen beiden Schritten kann beim Probanden eine innere unbewußte Hemmung auftreten, bei genauem Hinspüren fühlt er Angst oder Schuldgefühle, so als seien dies Schritte lebensgefährlich oder verboten.

Diese Gefühle sind Ausdruck seiner symbiotischen Verwirrung. Solange er sich nach diesen unbewußten Gefühlen orienitert, bleibt er in der Verwirrung stecken.


5. RÜCKGABE-RITUALE

Als nächstes gibt der Proband der Bezugsperson das zurück, symbolisiert durch einen schweren Stein, was er unbewußt übernommen hat, als wäre es sein Eigenes: fremde Ansichten und Überzeugungen, fremde Gefühle.

Proband: „Das sind deine Ansichten, deine Überzeugungen, deine Gefühle. Vielleicht trage ich sie, als wären es meine Eigenen. Ab heute lasse ich sie ganz bei dir!"

Auch hier ist es wichtig, auf innere Widerstände zu achten und sie bewußt zu machen.

Trainer: „Vielleicht hast du dieser Bezugsperson deinen inneren Raum, deine Aufmerksamkeit, deine Energie zur Verfügung gestellt, die dir jetzt selber fehlt. Hättest du diese Energie gerne symbolisch wieder zurück?"

Proband streckt die Arme seitlich aus und führt sie in einer langsamen Bewegung, die Hände geöffnet, zu seinem Herzen, eventuell auch zum Kopf, zum Unterleib, zum Kreuzbein, dahin, wo er selber einen Energiemangel - oder Beschwerden - spürt.


6. ANNÄHERUNG AN DAS SELBST

Trainer: „Vielleicht hast du, um dich besser an diese Bezugsperson anzupassen, eigene Anteile unterdrückt, die dir dann fehlen, vielleicht den erwachsenen Teil, der sich frei, unabhängig und unschuldig fühlen kann, oder den kindlichen Teil, der Bedürfnisse und Wünsche haben darf, der verletzlich ist, der „unerwünschte" Gefühle haben darf: Zorn, Wut, Hass, und Angst.

Hättest du gerne mehr Verbindung mit diesen Selbst-Teilen oder sind sie vielleicht gefährlich?"

Proband geht achtsam auf den Repräsentanten seines „Selbst" zu spürt, wie es sich anfühlt, wenn er sich mit diesem Selbst-Teil wieder verbindet.

Meist fühlt er sich jetzt gut, ruhig, vollständig.


7. ABGRENZUNGS-RITUAL

Trainer: „wenn du in dieser Weise bei dir selbst, mit dir verbunden bleiben möchtest, dann brauchst du deinen eigenen Raum, dann mußt du bereit sein, die Grenzen dieses Raumes zu schützen. Bist du dazu bereit?

Es ist dein eigener Raum, dein Selbst-Raum. Wenn da z.B. Peter drauf steht, sollte auch Peter drin sein! Möglicherweise ist da alles mögliche in deinem innere Raum, bloß nicht Klaus! Willst du eine Mogelpackung sein?! Kannst du unterscheiden zwischen Peter und Nicht-Peter?"


Proband ist bereit, zu unterscheiden, und symbolisch seine Grenze gegenüber der Bezugsperson zu schützen. Diese bewegt sich auf ihn zu, und er darf auf sie zulaufen, sie stoppen, noch bevor sie sich genähert hat.

Auch hier ist meist ein innerer Widerstand zu spüren, so als sei es verletzend, lieblos, undankbar, sich abzugrenzen.


8. UMGEKEHRTES ABGRENZUNGS-RITUAL

Wenn jemand seine eigene Grenze nicht wahrnehmen und schützen kann, dann kann er meist auch fremde Grenzen schlecht respektieren. Nach dem Motto „gleiches Recht für alle" darf nun auch die Bezugsperson sich gegenüber dem Probanden in gleicher Weise abgrenzen. Für ihn kann diese Erfahrung wichtig sein, da er vielleicht bisher eine „gesunde" Abgrenzung seines Gegenüber (z.B. Partner) als verletzend erlebte und sich dagegen wehren zu müsse glaubte.


AUFGABE DES TRAINERS

Der Trainer begleitet den Probanden achtsam durch den Prozess. Besonders wichtig ist, dass er bei jedem Schritt auf die inneren Hemmungen des Probanden achtet und ihn dabei unterstützt, sie sich bewußt zu machen, zu erkennen, dass sie aus seiner Kindheit stammen und dass sie heute, für ihn als Erwachsenen keine Gültigkeit mehr haben.

„Wenn man Erwachse ist, darf man auch Dinge tun, die sich verboten anfühlen!"

„Man wird nur dadurch erwachsen, dass man die Verbote der Kindheit überschreitet!"



ACHTUNG DURCH GESUNDE DISTANZ

Durch dieses Autonomie-Training kommt der Klient zu einer gesunden Distanz zum Gegenüber, er hat ein Gefühl für seinen Selbst-Raum bekommen und spürt eine bessere Verbindung mit sich selbst. Seine unbewußten kindlichen Ängste und Schuldgefühle, die seine Autonomie verhindert haben, sind ihm bewußt geworden, er konnte sich als Erwachsener darüber hinweg setzen. So gewinnt er gleichzeitig mehr Achtung für das Gegenüber, aber auch für sich selbst.

Die so gewonnene gesunde Distanz ermöglicht eine andere Qualität von Beziehung, jenseits von symbiotischer Abhängigkeit und Ko-Abhängigkeit, im Sinne einer Ich-Du-Begegnung, die Freiheit und Veränderung des Einzelnen nicht behindert, sondern ausdrücklich einschließt.




Abschließende Bemerkungen

Bemerkenswert ist eine Parallele zur Vision-Quest: der Abstand zum Vertrauten schafft einen Raum, der nicht mehr „besetzt" ist vom Gewohnten, der frei ist, sodass sich das Besondere, das Eigentliche das Einmalige zeigen kann.

Der Schutz der eigenen Grenze vermittelt den Probanden die Erfahrung von Selbst-Achtung, Selbst-Wert und Würde. Das ermöglicht auch den Respekt für die Grenzen der Anderen, für dessen Wert und Würde.
So sind sie in der Lage, unvermeidliche Konflikte in gleicher Augenhöhe, aber mit gesunder Distanz auszutragen.

„Meine" Vision: dass das „Autonomietraining" einmal in allen Schulen als Unterrichtsstoff angeboten wird! Die Grund-Erfahrung, die eigene Aufmerksamkeit („Energie") nicht mehr ausschließlich auf die Erwartungen der Umgebung, sondern auf sich selbst zu richten, sich abgrenzen und als verschieden von anderen wahrnehmen zu können, entlastet nicht nur Beziehungskonflikte zu Eltern und Lehrern, entzieht dem immer häufiger werdenden Mobbing den Boden.