Todesnähe und Selbst-Erfahrung

eine akute lebensbedrohliche erkrankung bringt uns plötzlich dem tod nahe, den wir sonst so ferne glauben, als beträfe er andere, aber nicht uns.

diese todesnähe kann sehr unterschiedlich erfahren werden. es kann die betroffenen ängstigen und damit schwächen, oder ihnen die erfahrung einer besonderen kraft ermöglichen.


ein akuter ausgedehnter vorderwandinfarkt, den ich an einem sonnigen oktobersonntag gegen mittag auf dem brauneck erlebte, ermöglichte mir die folgenden beobachtungen und überlegungen.


am ende eines dreistündigen rundweges, bereits wieder auf ebener strecke, verspürte ich schmerz und druck in der herzgegend, die ich so noch nie erlebt hatte. schmerz und druck nahmen zu, ich hatte das bedürfnis, mich auf den boden zu legen. nun spürte ich auch noch eine atemnot, das atmen wurde schwerer.

es war auszuhalten, aber mir kam der gedanke: so kann das sterben beginnen.

merkwürdigerweise machte mir dieser gedanke nicht angst.


aus meiner therapeutischen arbeit kenne ich die einstellung, einem prozess zu folgen und dem zuzustimmen, was geschieht, was immer es auch ist. diese einstellung befreit mich von einer unangemessenen verantwortung für etwas, dass sich meinem einfluss entzieht. dies zustimmen zur eigenen ohnmacht angesichts einer grösseren macht könnte man als hingabe bezeichnen. sie gibt mir kraft – und wie durch ein wunder eröffnen sich entwicklungen, die ich zuvor nicht ahnen, geschweige denn hätte „machen“ können.


ohne es zu beabsichtigen kam ich wie von selbst in diese haltung der hingabe:

wenn es für mich an der zeit wäre, zu sterben, wäre ich dazu bereit. nur ein kurzer gedanke an meine frau und die beiden erwachsenen söhne, eine kurze trauer, es wäre für sie schwer, aber auch die gewissheit, sie würden es verkraften.


diese hingabe hinderte mich allerdings nicht daran, meiner frau klar und entschieden zu sagen, dass ich sofort einen notarzt und einen hubschrauber brauche.

ich war bereit, zu sterben, wenn es so sein sollte.

aber es war nicht mein wille.


es war wohl auch diese haltung der hingabe, die jedes dagegen ankämpfen oder aufbäumen verhinderte, was sowieso sinnlos war, ja im gegenteil das sterben hätte beschleunigen können. ich nahm mich gefühlsmässig zurück, ging wie in trance. ich war immer bei bewusstsein. so als hätte ich in mir, in der tiefe einen platz gefunden, in dem ich mich geborgen fühlen konnte, ganz gleich was immer auch geschehen mag.

ein platz, von dem mich auch mein eigener tod nicht trennen könnte.


ich hatte grosses glück, der hubschrauber brachte mich in eine klinik, ein fähiger arzt untersuchte mein herz, fand die verengungen der kranzgefässe und löste sie. nach dreieinhalb stunden liessen schmerz und atemnot nach. ich fühlte mich befreit, beschenkt, glücklich, ja übermütig!

der tod hatte mir nocheinmal eine chance gegeben, zu leben.


heute, sechs tage nach dieser erfahrung versuche ich zu verstehen, was da in mir geschah und mit worten auszudrücken, die ich zu kennen glaubte, deren bedeutung mir erst jetzt aufgeht.


mir scheint, dieser geschützte platz in mir ist ein aspekt des SELBST, meines EIGENSTEN, INNERSTEN, meines WESENS.


paradoxerweise ist es zugleich der aspekt, den ich mit allen menschen gemeinsam habe, und der mich mit einer wirklichkeit verbindet, die jenseits unserer alltagsrealität ist.

c.g. jung nennt das selbst den „göttlichen funken in uns“.


wenn wir mit uns selbst verbunden sind, fühlen wir uns vollständig. tod heisst dann abschied vom leben, von der welt, von den menschen, und das ist schmerzlich.

aber er kann uns nicht von uns selbst trennen.

das nimmt ihm das schreckliche.


anscheinend identifizieren wir uns meistens mit dem leben, - mit besitz, fähigkeit, beziehungen, gesundheit - als bräuchten wir das, um vollständig zu sein. der tod, der uns von diesen dingen trennt, erscheint dann als das endgültige ende und damit nur bedrohlich und schrecklich.

vielleicht sind wir bereit, für dies leben alles, - auch unser SELBST? - einzusetzen.

das wäre eine tiefe verwirrung.


aus der haltung der hingabe erscheint der tod nicht als schrecklich, eher als eine chance, eine herausforderung, die verbindung zu sich selbst zu finden. der respekt vor der macht des todes lässt uns unserer ohnmacht zustimmen und in uns selbst den geschützten raum finden, unser SELBST.


todesnähe kann zu dieser form der selbsterfahrung führen.

wenn wir dann noch einmal das geschenk des lebens erhalten, sind wir verändert.

so als hätte die erfahrung des todes uns ermächtigt, die chance des lebens anders, freier und voller zu nützen.


der tod erscheint dann wie ein hüter des lebens.


diese erfahrungen, diese überlegungen sind sehr persönlich, aber auch wieder überpersönlich. ich sehe sie als ein geschenk, nicht als mein verdienst, mein eigentum.

ich möchte sie mit anderen teilen.


immer wieder haben menschen davon berichtet, wie sie in der grössten not die erfahrung von halt und geborgenheit, von unverletzlichkeit gemacht haben.

es ist eine religiöse erfahrung, aber nicht im traditionellen sinne. manche würden vielleicht den begriff SELBST durch GOTT ersetzen.


Mir scheint der Begriff GOTT so missbraucht worden zu sein, dass ich den Begriff SELBST vorziehe.



robert langlotz, münchen, 12.10.2010