DORIS DOERRIE "KIRSCHBLÜTEN"


Liebevoll und in ästhetischen Bildern zeichnet Doris Dörrie in diesem Film die verschiedenen Aspekte einer familiären Symbiose nach:
Trudi, die Mutter, die ihre tiefe Sehnsucht nach Japan, nach dem Bhutto-Tanz zurückstellt, im (symbiotischen Irr-) Glauben, so besser für ihren Mann, einem bayerischen Gemeindeangestellten (Müllabfuhr) und die Kinder da sein zu können. Sie verheimlicht ihrem Mann seine Krebs-Diagnose.
Die selbst- und grenzenlose Überfürsorglichkeit gegenüber ihren Kindern erleben diese als Bedrängung und fliehen vor ihr (Überabgrenzung?). Zwei nach Berlin und der am meisten von ihr geliebte nach Tokio, in das Land, von dem sie selber träumt,das sie aber nie besucht!
Rudi, der Ehemann, ist in seinen Gewohnheiten befangen, wehrt alles Unbekannte mit bayerischer Grantlerei ab. Seiner Meinung nach macht er eh' immer das, was seine Frau möchte.
Präzise wird die Kontaktlosigkeit, der Groll der Kinder, ihre Mißachtung der Eltern dargestellt. Auch dies kann als Überabgrenzung bei symbiotischen Verschmelzungstendenzen verstanden werden.
Der plötzliche Tod der Mutter schafft eine Grenze, die es anscheinend zuvor nicht gab, zerreißt den Schleier der Symbiose. Mit einem Schlag wird allen bewußt, wie wenig sie diese Frau gekannt haben, wie sehr sie diese Frau vermissen.
Der Mann, in seiner hilflosen Trauer und Verzweiflung, fährt nach Japan, verläßt seine vertraute oberbayerische Welt, begibt sich in ein fremdes Land, dessen Sprache, dessen Gewohnheiten ihm nicht vertraut sind. Wie stellvertretend für seine Frau, bekleidet mit ihrer Kaschmir-Wolljacke und ihrer schwarzen Perlenkette, erlebt er die Kirschblüte, den Fudschi und den Bhuttotanz.
Er trifft eine junge Bhutto-Tänzerin, die ihre Trauer um die verstorbene Mutter durch ihre Bewegungen lebendig werden läßt. Auf eine eindrückliche Weise ist sie sie selbst, die weiße Schminke läßt ihre Alltags-Maske (Identifikationen) abfallen. In der Begegnung mit ihr, die nichts von ihm will, ihn so läßt wie er ist, findet er zu sich selbst.
Befreit von seiner eigenen Alltags-Maske tanzt er sich selbst und begegnet im Sterben seiner Frau in eine Weise, die im Leben nicht möglich war.

Der buddhistische Weg der Befreiung von „Anhaftungen" ist vielleicht ein Weg, sich aus symbiotischen Verklebungen zu lösen?
Das erklärt umgekehrt die spirituelle Qualität des „initiatischen Familienstellens"?

So anrührend und tief diese Geschichte auch ist, es bleibt eine Melancholie, die trotz ihrer Süße und Ästhetik etwas Lähmendes hat.
Es wird deutlich, wenn sich das aggressive Potential nicht in der Abgrenzung konstruktiv entfalten kann, wird es destruktiv, richtet es sich gegen eigene Selbstanteile, macht depressiv, mürrisch, löst Schuldgefühle aus und macht krank.
Ein Teufelskreis.

Ich wünsche mir von Doris Dörrie eine Film, der diese Zusammenhänge zeigt und eine Lösung! Aber bereits im Leben!