Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: die Abschaffung der Kindheit
Buchbesprechung
Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: die Abschaffung der Kindheit, 2008, Gütersloh

Der Jugendpsychiater Michael Winterhoff (Jahrgang 1955) konfrontiert den Leser mit zahlreichen Fallbeispielen aus seiner Praxis: Kinder, die die Erwachsenen tyrannisieren, die sich in der Klassengemeinschaft nicht einordnen können, die massive Rückstände in ihrer psychischen Entwicklung aufweisen. Da er seit 20 Jahren praktiziert, kann er vergleichen. Früher habe es in einer Schulklasse im Schnitt zwei psychisch belastete Kinder gegeben, heute finde er in einer Stichprobe bei 2/3 von Schulanfängern Auffälligkeiten in einem der Bereiche: Fein- oder Grobmotorik, Wahrnehmung, Lernen, Sprache, Sozialverhalten!
Was ist die Ursache?
Er beobachtet, dass Eltern Verhaltensprobleme ihrer Kinder zunächst nicht wahrnehmen, sie im Gegenteil als ein Zeichen von „Persönlichkeit“ und „Autonomie“ bewundern, anstatt ihnen da eindeutige Grenzen zu setzen, wo sie selbst gestört werden. Wenn deren Verhaltens-Probleme dann zwangsläufig eskalierten, fühlten sie sich überfordert und schöben die Verantwortung an Kindergärtnerinnen, Lehrer und Therapeuten ab.
Als Ursache vermutet er, dass das traditionelle Gefälle zwischen Erwachsenen und Kindern aufgehoben sei, und damit Hierarchie und Autorität. Die Eltern missverstünden ihre Unfähigkeit, Grenzen zu setzen, als Unterstützung der kindlichen Autonomie-Entwicklung. Offenbar fehle den Eltern heute die „Intuition“, mit der die Eltern früherer Generationen auf die Unerzogenheiten ihrer Kinder reagiert haben, ohne lange zu überlegen.
Dieses Erziehungs-Ideal der „Partnerschaftlichkeit“ sei jedoch falsch, es bewirke, dass Kinder ungeschützt und viel zu früh mit heftigen Problemen der Eltern, aber auch über die Medien mit Gewalt und Perversion konfrontiert werden, und letztlich dadurch in ihrer seelischen Entwicklung beeinträchtigt werden.
Dies beschreibt er als die „partnerschaftliche“ Beziehungsstörung. Den Kindern werde dadurch ein „natürliches Recht auf Orientierung und Halt“ verweigert.
Schwerer wiege jedoch eine zweite Form von Beziehungs-Störung, die er als „Projektion“ bezeichnet. (Parentifizierung). Die Eltern begäben sich dem Kind gegenüber in eine untergeordnete Position. Sie missbrauchten das Kind, um von ihm die Sicherheit und den Selbstwert und die Liebe zu erhalten, die ihnen die Gesellschaft (?!) nicht gebe. Kinder entwickelten ein brüchiges Selbst-Gefühl mit narzistischen Grössenfantasien, würden Sicherheit und Halt durch die Eltern vermissen, könnten sich nicht mehr einordnen.
Die dritte, und gravierendste Beziehungsstörung nennt er Symbiose, „wenn Eltern ihre Psyche mit der ihres Kindes verschmelzen.“ Die Eltern nähmen ihr Kind wie einen eigenen Körperteil wahr. Das „Glück des Kindes werde zum Glück des Erwachsenen“. Das Kind seinerseits könne so nicht lernen, sich selbst und ein menschliches Gegenüber als solches zu erkennen, sehe es als einen Gegenstand.
Der Autor drückt diesen Zusammenhang in einem Bild aus: dem Kind fehle das Training, um die „Nervenzelle Mensch“ entwickeln zu können. Es bleibe in seiner psychischen Entwicklung auf der Stufe eines 10-16 Monate alten Kleinkindes stehen.
Zur Symbiose gehöre auch das Ausbrechen destruktiver Gewalt bei Eltern und Kindern.

Die Beobachtungen des Autors, die Beschreibungen der Phänomene der „partnerschaftlichen“ Beziehung und der Parentifizierung entsprechen meinen eigenen Erfahrungen. Für mich gehören sie bereits zu den Symbiosemustern in einem weiteren Sinne. Besonders wertvoll scheint mir, dass er auf die Symbiose (im engeren Sinne) hinweist, das merkwürdige und meist übersehene Phänomen, dass Eltern sich seelisch nicht als getrennt vom Kind wahrnehmen können, dass sie seelisch mit dem Kind verschmolzen sind.
Diese Formen symbiotische Beziehungsstörungen haben offensichtlich gravierende Auswirkungen auf die seelische Entwicklung, sie sind weit verbreitet, aber werden nur selten wahrgenommen. Der grosse Erfolg des Buches hängt wohl damit zusammen, dass der Autor eindrücklich und verständlich auf diese Zusammenhänge hinweist!
Dies Phänomen, dass Kinder bei ihren Eltern nicht „am richtigen Platz“ stehen, lässt sich sehr gut durch Systemaufstellungen sichtbar und bewusst machen. Es zeigt sich jedoch regelmässigt, dass bereits die Eltern in ihrer Herkunftsfamilie nicht „am richtigen Platz“ standen, dass also die Symbiosemuster einschliesslich der symbiotischen Verschmelzung immer an die nächste Generation weitergegeben werden, bisweilen in Form einer „kollektiven“ Symbiose mit einem eigenen familiären Werte-und Glaubens-System: Selbst-Losigkeit und Mitleiden werden dann fälschlich als Liebe gedeutet, das Bedürfnis nach Automomie und Abgrenzung als lieblos und undankbar diffamiert.
Unverständlich bleibt daher die Feststellung des Autors, die Eltern dieser Kinder seien seelisch völlig gesund, sie seien „nur“ überfordert. Die Ursache für diese Überforderung – und damit für die Entwicklungsstörungen der Kinder - müsse also in unserer gesellschaftlichen Entwicklung liegen, welche den Einzelnen durch Schnell-Lebigkeit, technische Verkomplizierungen, Mangel an persönlichen Kontakt und Informations-Überflutung Unzumutbares abverlange!
Hier scheint der Autor die Biografie der Eltern und deren Eltern aus seiner „systemischen“ Betrachtung auszublenden! Er sieht nicht die Symbiosemuster der Eltern, die diese bereits von Eltern und Grosseltern übernommen haben.

Mir scheint umgekehrt der so weit verbreitete Verlust der elterlichen „Intuition“, ihre Abgrenzungs-Schwäche, ihre Manipulierbarkeit durch Erziehungs-Ideologien als Ausdruck einer tiefen Störung des Selbst, der Identität, der Orientierung. Sie „sind nicht bei sich selbst“, ihnen fehlt der Zugang zu ihren eigenen Gefühlen, die Verbindung zu zentralen Selbst-Anteilen. Diese „Selbst-Entfremdung“ scheint die andere Seite des Symbiose-Komplexes zu sein.
Zum Symbiose-Komplex gehört nach meinem Verständnis als dritter Aspekt noch die Abspaltung der Aggression. Die unterdrückte Aggression wird destruktiv, richtet sich unkontrolliert nach aussen und selbst-destruktiv nach innen. Das erklärt, warum es in symbiotischen Beziehungen zu sehr destruktiven Reaktionen kommen kann.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass erst diese umfassendere, Generationen übergreifende Sichtweise des Symbiosekomplexes mit der Berücksichtigung der dazu gehörenden Selbst-Entfremdung ein tieferes Verständnis für die Wucht der Symbiose-Dynamik und die dadurch bedingten dramatischen Entwicklungsstörungen unserer Kinder ermöglicht und neue Lösungs-Strategien eröffnet.
Wenn Klienten im Rahmen einer Systemaufstellung einen Repräsentanten für ihre abgespaltenen Selbst-Anteile aufstellen – meist weit entfernt, - wenn ihnen dann das Phänomen ihrer symbiotischen Verschmelzung, ihres „unbewussten Abgrenzungsverbotes“ sichtbar und bewusst gemacht wird, sind sie bereit, die heilsamen Abgrenzungs-Rituale zu vollziehen, die anders als verbale Interventionen, unmittelbar auf der unbewussten Ebene wirken. So wird das aggressive Potential wieder konstruktiv in der Abgrenzung eingesetzt, eine Grenze und damit ein sicherer innerer Raum „installiert“. So wird die Integration abgespaltener Selbst-Anteile wieder möglich. Das bezeichne ich als „systemische Selbst-Integration“.
Diese Verfahrensweise macht Eltern auch sinnfällig, was es für ihre Kinder bedeutet, wenn sie symbiotisch mit ihnen verschmelzen: sie trennen dadurch die Kinder buchstäblich von deren „Selbst“! Die Erfahrung der eigenen Selbst-Findung motiviert sie zusätzlich, auch die Kinder bei deren Autonomie-Entwicklung und Selbst-Werdung zu unterstützen: durch Grenzen setzen!

Dr. Robert Langlotz, Psychiater, Systemtherapeut.
5.7.08 München