Systemisches Autonomie-Training

Die Not an unseren Schulen

Als Therapeut sehe ich täglich, welch ungeheurem Anpassungsdruck unsere Jugendlichen, ihre Eltern, ihre Lehrer ausgesetzt sind. Vermittelt durch die Medien, durch die allgegenwärtige Werbung neigen wir dazu, uns selbst - und unsere Kinder - vorwiegend nach Leistung bzw. nach Einkommen zu beurteilen. Zentrale Persönlichkeitsmerkmale wie Kreativität, eigenständiges Denken, die Freude am Kontakt, an Bewegung und am Lernen, werden zwar theoretisch geschätzt, aber kaum gefördert, nicht selten sogar als störend empfunden und unterdrückt.

Bereits im Kindergarten, verstärkt in der Schule sind Kinder den Erwartungen der Eltern und Lehrer ausgeliefert. Anstatt herauszufinden, was ihre Begabungen, Fähigkeiten, Interessen sind, und wie sie diese entwickeln können, „lernen" sie, sich mit fremden Erwartungen zu identifizieren, sich anzupassen. Sie „lernen", ihren Wunsch nach Autonomie, nach einem selbstbestimmten Leben zu unterdrücken. Sie lernen, zu „funktionieren", sie leben fremdbestimmt.

Aber das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach Autonomie ist ein Grundbedürfnis des Menschen, es lässt sich nicht „ungestraft" unterdrücken. Wenn es nicht integriert werden kann, wird es destruktiv, richtet sich


Initiations-Rituale

In früheren, archaischen Kulturen gab es Initiations-Rituale, die den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen begleiteten. Die Indianer kannten die „Vision-Quest": informiert von den Stammesältesten ging der Jugendliche für drei Tage in die Wildnis, ohne feste Nahrung, getrennt von Freunden und Verwandten war er der Natur ausgesetzt, der äußeren, wie auch der inneren. Seine Erfahrungen und Einsichten brachte er zurück, berichtete den Stammesältesten. Und sie entdeckten darin das Besondere, das Wesentliche dieses Jugendlichen und gaben ihm danach einen passenden neuen Erwachsenen-Namen, der seinen Kindernamen ersetzte.


Diese archaischen Kulturen waren der ungezähmten wilden Natur ausgesetzt, in ihrer Existenz bedroht. Die Not, die sie herausforderte, war schicksalhaft, bestimmt durch die Natur, und sie betraf sie alle gleichermaßen. Sie wußten, wie überlebenswichtig es ist, schon früh selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu sein. Und sie haben Rituale gefunden, um ihren Kindern diesen Weg zu eröffnen.


Unser Dilemma

Der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen ist heute noch schwieriger als früher, in archaischen Kulturen.

Uns fehlt die ungezähmte, existenzgefährdende Natur, als ständige Herausforderung, als Orientierung.

Statt dessen leben wir in einer der Natur entfremdeten Welt.

Es ist paradox: Obwohl wir soviel Wohlstand und Freiheiten haben, wie noch nie in unserer Geschichte, obwohl es nicht fehlt an Appellen zu mehr Mitverantwortung, Selbst-Bestimmung, gibt es soviel Überanpassung, freiwillige Unterwerfung, vorauseilenden Gehorsam, so wenig Zivil-Courage. Trotz Demokratisierung gibt es noch autoritäre Macht-Strukturen.

Unsere Not betrifft nicht alle gleich. Überfluß und Mangel, Reichtum und Armut sind ungleich verteilt. Unsere Welt ist „gemacht", manipuliert. Sie wird immer mehr bestimmt von anonymen Machtstrukturen, die nur ein Interesse haben: ihre Macht zu erhalten und zu vergrößern. Das fördert Anpassung und Unterordnung. Selbstbestimmung und Selbst-verantwortung (Autonomie) werden diskriminiert und unterdrückt.

Uns fehlt ein Bewußtsein für die existentielle Bedeutung von Selbstbestimmung und Selbst-Verantwortung,.

Und wir haben nichts, was den Initiations-Ritualen gleichkäme.

Diese Not ist Anlaß, sich mit dem Thema Autonomie intensiver zu beschäftigen. Ein vertieftes Verständnis von Autonomie könnte neue Lösungen ermöglichen?


Die polaren Grundbedürfnisse nach Bindung und Freiheit

Zu Beginn unseres Lebens sind wir klein und hilflos, existentiell angewiesen auf Wärme, Nähe, Zuwendung, Fürsorge. Wir wachsen als Embryo im Mutterleib heran, in einer extremen Mutter-Kind-Symbiose. Sie ist bestimmt durch drei Aspekte:

Doch bereits mit zwei Wochen kann der Säugling zwischen sich und der Mutter unterscheiden. Das Grundbedürfnis des Kindes nach Autonomie, nach eigenen Grenzen, nach „selbst bestimmen" meldet sich, und macht sich in immer neuen Schüben bemerkbar, in den „Trotzphasen" und später in der Pubertät. Wenn die Mutter ihre eigenen Autonomie-Bedürfnisse leben kann, dann kann sie mit diesen Bedürfnissen ihres Kindes verständnisvoll umgehen und es so in seiner Autonomie-Entwicklung unterstützen. So wird die Ablösung von den Eltern, die Lösung aus dem kindlichen Symbiose-Muster möglich.


Wenn Ablösung und Autonomie-Entwicklung mißlingt

Heutzutage scheint Ablösung und Autonomie-Entwicklung schwieriger als früher. Als Therapeut sehe ich täglich, dass all meine Klienten mehr oder weniger Probleme mit der Autonomie haben: sie zeigen die primären Aspekte der Symbiose: können sich

sie sind nicht mit sich selber, mit ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen verbunden. Sie haben Selbstwert-Probleme, sind selbstunsicher. Sie können ihr Autonomie-Bedürfnis nicht leben, nicht integrieren. Die unterdrückten Autonomie-Bedürfnisse nach Abgrenzung, nach Selbst-Bestimmung werden destruktiv und machen sich bemerkbar in Form von sekundären Symbiose-Aspekten: Überabgrenzung, „kaltem" Egoismus, unkontrollierte destruktive Aggression, gegen sich selbst oder gegen andere.


Die Folgen

Die Betroffenen sind in ihrem Verhalten unsicher, in Beziehungen zu einem Partner wechseln sie zwischen Überanpassung und Überabgrenzung. In der Schule und im Beruf schwankt ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten zwischen „vorauseilendem Gehorsam" (Überanpassung) und verstecktem oder offenem Widerstand. Sie können wegen ihrer Selbst-Unsicherheit Kritik schwer ertragen, gehen Konflikten lieber aus dem Weg.


Familiäre Ursachen

Diese fehlende Autonomie-Entwicklung, dies „Stecken-bleiben" in einer destruktiv gewordenen Symbiose hat eine Ursache im Familiensystem.

Es sind einmal noch bestehende autoritäre Strukturen, zum anderen ganz bestimmte frühe, traumatische Beziehungserfahrungen, die ein Symbiosemuster auslösen können:


Ein unbewußtes „Autonomie-Verbot"

Die gemeinsame tiefere Ursache für die blockierte Autonomie-Entwicklung, für das destruktive Symbiosemuster sind unbewußte, früh erworbene, im Körperbewußtsein gespeicherte Gefühle:

Diese heftigen Gefühle sind unbewußt, daher können sie, „am Bewußtsein vorbei", ungehemmt die Autonomie-Entwicklung blockieren. Sie wirken wie ein „Abgrenzungsverbot", die Betroffenen können sich nicht abgrenzen, sie können keinen eigenen Raum entwickeln, der es ihnen ermöglicht, mit sich selbst verbunden zu sein, unabhängig davon, was andere von ihnen denken oder erwarten. Sie können keine autonome Persönlichkeits-Struktur entwickeln, sie bleiben fixiert in einem destruktiven Symbiose-Muster.

(Siehe auch Arno Gruen, „Verrat am Selbst, Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau", dtv)

Aufklärende Appelle können daran nichts ändern, ihre Wirkung ist daher beschränkt.


Systemisches Autonomie-Training

Bereits der Arzt Ronald Grossarth-Maticek hat die Bedeutung von Autonomie für die Selbst-Regulation, für Gesundheit und Problemlösung erkannt und ein eigenes Autonomietraining entwickelt.

Seine Überlegungen haben nicht die Verbreitung gefunden, die das Thema verdient, vielleicht weil er sich mehr auf die bewußte Ebene beschränkt, weil er die unbewußte Blockade der Autonomie-Entwicklung zuwenig berücksichtigt?

Es wird ein modernes „Initiations-Ritual" vorgestellt. Es setzt nicht auf der Problem-Ebene an, sondern auf der Ebene der Persönlichkeits-Struktur.

Es schafft sozusagen die strukturellen Voraussetzungen für eigene selbstbestimmte Lösungen.

Das macht es zugleich effizient und ökonomisch.

Mit Hilfe von Repräsentanten für Bezugspersonen und für die abgespaltenen Selbst-Anteile kann der Klient sein eigenes Symbiosemuster entdecken. Spielerisch lernt er die Zusammenhänge von Selbst-Entfremdung und Überanpassung, die Bedeutung von „eigenem Raum" und „Grenze" kennen. In einem Rollenspiel kann er den Übergang vom „Symbiose-Programm" zum „Autonomie-Programm" vollziehen. Dabei wird er sich seiner bisher unbewußten blockierenden „Verbote" bewußt. Jetzt erst kann er sich bewußt für Autonomie entscheiden, und in einem spielerischen Abgrenzungs-Ritual seinen eigenen Raum, seine Grenze schützen, und sich mit seinen Selbst-Anteilen verbinden, - auch wenn sich das zunächst als verboten anfühlt.


Zielgruppen

Dies Verfahren wird in unterschiedlichen Varianten angeboten, einmal


Die Auflösung des unbewußten Abgrenzungsverbotes ermöglicht den Teilnehmern die Erfahrung von Abgrenzung, von eigenem Raum, von Verbindung mit sich selbst. Die Unterscheidung von Eigenem und Fremden fördert ihr Selbstwertgefühl, erleichtert ihnen eine eigene Orientierung. Diese neu gewonnene Gelassenheit und gesunde Distanz zu Personen und Problemen läßt sie besser Kritik und Konflikte aushalten. Die Fähigkeit, sich angemessen zu schützen und zu wehren, entzieht einem Mobbing die Grundlage.






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