systemische selbstintegration MÜNCHEN
Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechte
Leserbrief zum gleichnamigen Artikel von Heribert Prantl
SZ Nr. 29/S.13 vom 4./5. Februar 2006

Angesichts islamistischer Gewaltreaktionen auf die dänischen Mohammed-Karikaturen verteidigen Journalisten und Politiker einstimmig das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, im Namen der Aufklärung. Über einen eventuell berechtigten Schutz religiöser Gefühle durch den Gotteslästerungsparagraf mokiert sich z.B. Heribert Prantl (SZ vom 4./5. Februar) mit der zynischen Bemerkung, ob es nicht die größere Gotteslästerung sei, Gott durch Paragrafen schützen zu wollen.


Erosion der Werte, Identitätsverslust, Orientierungslosigkeit

Die öffentliche Meinung zeigt, in welches Dilemma uns die militanten Verfechter einer nicht hinterfragten grenzenlosen Aufklärung gebracht haben.
Unter der Flagge der Aufklärung wurde in der veröffentlichten Meinung über Jahrzehnte hinweg Vieles, was Menschen Wert war, ihnen Orientierung und Selbstachtung gab, in Frage gestellt und diffamiert: Moral, sexuelle Tabus, die Familie, erfolgreiche Väter, kindererziehende Mütter, Unternehmer, Philosophen, bedeutende Persönlichkeiten wie z.B. Albert Schweitzer aber auch christliche und nichtchristliche Religionen. Journalisten aus Presse und Fernsehen sind dabei besonders aktiv. Manche scheinen geradezu davon zu leben, dass sie Skandal erregen indem sie „Tabus brechen“ oder Ansehen und Würde Lebender und Verstorbener beschädigen, da so die Auflagen bzw. die Einschaltquote gesteigert wird. Unredlich jedoch, wenn sie diese persönliche Gewinnmaximierung auf Kosten anderer mit dem Recht auf Pressefreiheit begründen und so mit dem Deckmantel der Aufklärung verhüllen – und peinlich, dass ihnen eine verwirrte Öffentlichkeit dabei auf den Leim geht. Nicht jeder hat, wie eine Prinzessin von Monaco die finanziellen Möglichkeiten oder die Lobby, sich erfolgreich juristisch gegen die Verletzung ihrer Ehre zu wehren. Und unsere Politiker und „aufgeklärten Intellektuellen“ lassen zu, dass die Ehre Mohammeds und damit die Selbstachtung von Millionen Menschen islamischen Glaubens beschädigt wird. Es ist bekannt und nachfühlbar, dass Menschen, deren heiligste Überzeugung von anderen ohne Note verunglimpft und in den Schmutz gezogen wird, mit Hass und Mordgedanken reagieren. Die meisten von uns können das vielleicht nicht nachvollziehen, da sie keine heiligsten Überzeugungen mehr kennen.
Wo sind die Mahnwachen, die Lichterketten der vielen, die ihre eigenen tiefsten Überzeugungen achten und daher für den Schutz religiös begründeter Selbstachtung Anderer vor einer „Meinungsfreiheit“ im Namen einer „Aufklärung“ öffentlich eintreten?

Diese Art von „Aufklärung“ – Kant würde sich dabei im Grabe umdrehen - führte zu einer Erosion aller Werte. Damit ging jedoch ein zunehmender Identitätsverlust, ein Verlust der Selbstachtung, der Orientierung und der Beziehungsfähigkeit einher.

Als Psychiater und Familientherapeut (65) beobachte ich eine Zunahme von Bindungsunfähigkeit, Depressionen, Verwirrungen bei meinen Klienten, bereits bei Kindern und Jugendlichen. Die zunehmende Kinderlosigkeit, aber auch das ungebremste Kaputtsanieren blühender Firmen zum Zweck einer Gewinnmaximierung machen ebenfalls deutlich: wo ein Werteverlust eingetreten ist, bleibt nur noch die Orientierung an materiellen Werten, z.B. am Shareholder-Value übrig. Er ist der kleinste gemeinsame Nenner, für die anonymen Fondsmanager und die von ihnen abhängigen Industrie- und Bank-Manager.
Die Zeit, als es noch so etwas wie eine persönliche gegenseitige BEZIEHUNG zwischen dem Unternehmer („das Kapital“), dem Betrieb, den Mitarbeitern, den Produkten gab, erscheint heute, da solche Beziehungen für den Gewinn gefährlich und daher störend sind, als geradezu idyllisch.Diese Art von „Aufklärung“ – Kant würde sich dabei im Grabe umdrehen - führte zu einer Erosion aller Werte. Damit ging jedoch ein zunehmender Identitätsverlust, ein Verlust der Selbstachtung, der Orientierung und der Beziehungsfähigkeit einher.
Hilf- und wehrlos lassen wir zu, dass Beschäftige zu Tausenden in die Arbeitslosigkeit und so mit ihrer ganzen Familie in die Armut geschickt werden, dass die Restlichen durch Unsicherheit und Existenzangst zu Gehaltseinbußen gezwungen werden, dass das soziale Klima in den Betrieben vergiftet wird und das soziale Netz bis zum Zerreißen belastet wird, der privaten Kaufkraft, dem privaten Engagement für Kunst, Sport, soziale Aufgaben, Freizeitgestaltung und Kultur die finanziellen Ressourcen ausgehen, nur damit die anonymen globalen Kapitaleigner maximale Gewinne einfahren. Da wir selbst, als potentielle Fondsaktionäre, davon privaten Gewinn haben, ergibt sich die paradoxe Situation, dass wir selbst als Privatpersonen von unserem gesellschaftlichen Zusammenbruch profitieren, als betrogene Komplizen. Das ist der „Wahnsinn unserer Normalität“ (Arno Gruen), eine unmittelbare Folge unserer eigenen Orientierungslosigkeit, unserer Verwirrung.
Man kann geradezu Sympathie für die „rückständigen“ und „nicht aufgeklärten“ islamischen Kulturen bekommen, die sich verzweifelt, wenn auch mit den untauglichen Mitteln des Terrors gegen diese militante Erosion ihrer eigenen fundamentalen Werte, gegen diesen Import westlicher Selbstzerstörung zu wehren versuchen.
Sind wir überhaupt fähig und berechtigt, ihnen eine andere Strategie zu empfehlen, da wir selbst das verwirrte und hilflose OPFER einer militanten „Aufklärungs“-Strategie und eines ungebremsten Kapital-Egoismus geworden sind, der durch Anonymisierung und Globalisierung scheinbar nicht mehr zu steuern ist?
Sind wir selbst nicht intellektuell und moralisch daran gescheitert, eine wirksame Barriere – ob nun juristisch oder auf andere Weise – gegen unsere eigene Selbstzerstörung zu errichten?
Sollten wir nicht unsere reduzierten finanziellen Ressourcen dafür einsetzen, eine Strategie gegen die Erosion fundamentaler Werte, gegen unsere Selbstzerstörung zu entwickeln – eventuell zusammen mit „Fundamentalisten“ anderer Richtungen!? - anstatt den Teufelskreis der Selbstzerstörung durch einen Antiterrorismuskrieg a la Bush zu beschleunigen?
Wäre das nicht Aufklärung, die diesen Namen verdient und eine wirksame Strategie gegen den Terrorismus noch dazu?


Dr. med. Ernst R. Langlotz, Psychiater, Systemtherapeut, München


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