Angesichts islamistischer Gewaltreaktionen auf die dänischen Mohammed-Karikaturen verteidigen Journalisten und Politiker einstimmig das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, im Namen der Aufklärung. Über einen eventuell berechtigten Schutz religiöser Gefühle durch den Gotteslästerungsparagraf mokiert sich z.B. Heribert Prantl (SZ vom 4./5. Februar) mit der zynischen Bemerkung, ob es nicht die größere Gotteslästerung sei, Gott durch Paragrafen schützen zu wollen.
Erosion der Werte, Identitätsverslust, Orientierungslosigkeit
Die öffentliche Meinung zeigt, in welches Dilemma uns
die militanten Verfechter einer nicht hinterfragten grenzenlosen Aufklärung
gebracht haben.
Unter der Flagge der Aufklärung wurde in der veröffentlichten Meinung
über Jahrzehnte hinweg Vieles, was Menschen Wert war, ihnen Orientierung
und Selbstachtung gab, in Frage gestellt und diffamiert: Moral, sexuelle Tabus,
die Familie, erfolgreiche Väter, kindererziehende Mütter, Unternehmer,
Philosophen, bedeutende Persönlichkeiten wie z.B. Albert Schweitzer aber
auch christliche und nichtchristliche Religionen. Journalisten aus Presse
und Fernsehen sind dabei besonders aktiv. Manche scheinen geradezu davon zu
leben, dass sie Skandal erregen indem sie Tabus brechen oder Ansehen
und Würde Lebender und Verstorbener beschädigen, da so die Auflagen
bzw. die Einschaltquote gesteigert wird. Unredlich jedoch, wenn sie diese
persönliche Gewinnmaximierung auf Kosten anderer mit dem Recht auf Pressefreiheit
begründen und so mit dem Deckmantel der Aufklärung verhüllen
und peinlich, dass ihnen eine verwirrte Öffentlichkeit dabei auf
den Leim geht. Nicht jeder hat, wie eine Prinzessin von Monaco die finanziellen
Möglichkeiten oder die Lobby, sich erfolgreich juristisch gegen die Verletzung
ihrer Ehre zu wehren. Und unsere Politiker und aufgeklärten Intellektuellen
lassen zu, dass die Ehre Mohammeds und damit die Selbstachtung von Millionen
Menschen islamischen Glaubens beschädigt wird. Es ist bekannt und nachfühlbar,
dass Menschen, deren heiligste Überzeugung von anderen ohne Note verunglimpft
und in den Schmutz gezogen wird, mit Hass und Mordgedanken reagieren. Die
meisten von uns können das vielleicht nicht nachvollziehen, da sie keine
heiligsten Überzeugungen mehr kennen.
Wo sind die Mahnwachen, die Lichterketten der vielen, die ihre eigenen tiefsten
Überzeugungen achten und daher für den Schutz religiös begründeter
Selbstachtung Anderer vor einer Meinungsfreiheit im Namen einer
Aufklärung öffentlich eintreten?
Diese Art von Aufklärung Kant würde sich dabei
im Grabe umdrehen - führte zu einer Erosion aller Werte. Damit ging jedoch
ein zunehmender Identitätsverlust, ein Verlust der Selbstachtung, der
Orientierung und der Beziehungsfähigkeit einher.
Als Psychiater und Familientherapeut (65) beobachte ich eine Zunahme von Bindungsunfähigkeit,
Depressionen, Verwirrungen bei meinen Klienten, bereits bei Kindern und Jugendlichen.
Die zunehmende Kinderlosigkeit, aber auch das ungebremste Kaputtsanieren blühender
Firmen zum Zweck einer Gewinnmaximierung machen ebenfalls deutlich: wo ein
Werteverlust eingetreten ist, bleibt nur noch die Orientierung an materiellen
Werten, z.B. am Shareholder-Value übrig. Er ist der kleinste gemeinsame
Nenner, für die anonymen Fondsmanager und die von ihnen abhängigen
Industrie- und Bank-Manager.
Die Zeit, als es noch so etwas wie eine persönliche gegenseitige BEZIEHUNG
zwischen dem Unternehmer (das Kapital), dem Betrieb, den Mitarbeitern,
den Produkten gab, erscheint heute, da solche Beziehungen für den Gewinn
gefährlich und daher störend sind, als geradezu idyllisch.Diese
Art von Aufklärung Kant würde sich dabei im Grabe
umdrehen - führte zu einer Erosion aller Werte. Damit ging jedoch ein
zunehmender Identitätsverlust, ein Verlust der Selbstachtung, der Orientierung
und der Beziehungsfähigkeit einher.
Hilf- und wehrlos lassen wir zu, dass Beschäftige zu Tausenden in die
Arbeitslosigkeit und so mit ihrer ganzen Familie in die Armut geschickt werden,
dass die Restlichen durch Unsicherheit und Existenzangst zu Gehaltseinbußen
gezwungen werden, dass das soziale Klima in den Betrieben vergiftet wird und
das soziale Netz bis zum Zerreißen belastet wird, der privaten Kaufkraft,
dem privaten Engagement für Kunst, Sport, soziale Aufgaben, Freizeitgestaltung
und Kultur die finanziellen Ressourcen ausgehen, nur damit die anonymen globalen
Kapitaleigner maximale Gewinne einfahren. Da wir selbst, als potentielle Fondsaktionäre,
davon privaten Gewinn haben, ergibt sich die paradoxe Situation, dass wir
selbst als Privatpersonen von unserem gesellschaftlichen Zusammenbruch profitieren,
als betrogene Komplizen. Das ist der Wahnsinn unserer Normalität
(Arno Gruen), eine unmittelbare Folge unserer eigenen Orientierungslosigkeit,
unserer Verwirrung.
Man kann geradezu Sympathie für die rückständigen
und nicht aufgeklärten islamischen Kulturen bekommen, die
sich verzweifelt, wenn auch mit den untauglichen Mitteln des Terrors gegen
diese militante Erosion ihrer eigenen fundamentalen Werte, gegen diesen Import
westlicher Selbstzerstörung zu wehren versuchen.
Sind wir überhaupt fähig und berechtigt, ihnen eine andere Strategie
zu empfehlen, da wir selbst das verwirrte und hilflose OPFER einer militanten
Aufklärungs-Strategie und eines ungebremsten Kapital-Egoismus
geworden sind, der durch Anonymisierung und Globalisierung scheinbar nicht
mehr zu steuern ist?
Sind wir selbst nicht intellektuell und moralisch daran gescheitert, eine
wirksame Barriere ob nun juristisch oder auf andere Weise gegen
unsere eigene Selbstzerstörung zu errichten?
Sollten wir nicht unsere reduzierten finanziellen Ressourcen dafür einsetzen,
eine Strategie gegen die Erosion fundamentaler Werte, gegen unsere Selbstzerstörung
zu entwickeln eventuell zusammen mit Fundamentalisten anderer
Richtungen!? - anstatt den Teufelskreis der Selbstzerstörung durch einen
Antiterrorismuskrieg a la Bush zu beschleunigen?
Wäre das nicht Aufklärung, die diesen Namen verdient und eine wirksame
Strategie gegen den Terrorismus noch dazu?
Dr. med. Ernst R. Langlotz, Psychiater, Systemtherapeut, München