Medizin und Systemisches Denken

Seit 25 Jahren bin ich als Arzt für Nervenheilkunde tätig, seit 9 Jahren sammle ich Erfahrungen mit der Systemischen Familientherapie nach Bert Hellinger. Die daraus gewonnenen Einsichten möchte ich gerne mitteilen.
Ich bedaure es sehr, dass das Familienstellen Bert Hellingers von der Schulmedizin weitgehend abgelehnt wird. Dies hängt nicht nur mit der Person Bert Hellingers zusammen, der wie wir alle auch seine Schattenseiten hat, sondern damit, dass hier ein anderes Denken, eine andere Vorgehensweise praktiziert wird.

Das traditionelle westliche Denken ist linear-kausal. Es unterscheidet, aus partikularer Sicht, aus der Sicht des Individuums gut und böse, setzt Werte und Ziele, sucht und findet Ursache-Wirkungs-Relationen und greift in die Wirklichkeit ein, nach dem Motto "dem Übel wehren, das Gute mehren". Die Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Medizin wurde so möglich. Ihre Erfolge beschleunigten die Verbreitung dieses linear-kausalen Denkens auf der ganzen Erde.

In der medizinischen Grundlagenforschung des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine andere Sichtweise, die man als zirkulär, systemisch oder kybernetisch bezeichnen könnte: eine Veränderung von A bewirkt eine Veränderung von B (soweit noch linear-kausal) aber diese wirkt direkt oder über C zurück auf A, positiv oder negativ (zirkulär). Positive Rückkoppelung führt zum Aufschaukeln und zum Entgleisen des Systems, negative Rückkoppelung vermag ein System zu stabilisieren, im Sinne eines Regelkreises.

Das Phänomen des Lebens ist gebunden an die Aufrechterhaltung bestimmter Parameter, Selbstregulation ist daher das Grundprinzip lebender Systeme und - wie sich später zeigte - auch sozialer Systeme.
Das kybernetische Denken befruchtete die Mathematik und ermöglichte Entwicklung von Großrechnern, EDV, Internet, die unsere Welt verändert haben.
Das kybernetische Denken wurde auch wichtig, um die Zusammenhänge zwischen dem linear-kausalen Denken und der Umweltzerstörung deutlich zu machen, die als Folge der technischen Entwicklung bedrohliche Ausmaße annimmt. Das symptomorientierte Eingreifen in die Wirkzusammenhänge kollidiert mit der Selbstregulation des Systems. Es kann entweder massive Gegenregulation auslösen, - oft mit Zeitverzögerung - welche die beabsichtigte Wirkung in ihr Gegenteil verkehrt (unkritischer Einsatz von Antibiotika führt zur Resistenzentwicklung).
Oder es kann das Öko-System zum kippen bringen, dessen Selbstregulation lahm legen.
Das kybernetische Denken vertritt nicht ein partikulares Interesse - zum Beispiel eines Einzelnen, einer Gruppe - sondern das Interesse des Ganzen.
Es unterscheidet nicht zwischen gut und böse, nützlich oder schädlich, es greift nicht gegen die Regulationsvorgänge ein, sondern arbeitet mit ihnen, es ist im Einklang mit ihnen und kann daher durch kleine Eingriffe große Wirkung erzielen. Es ist dem östlichen Denken verwandt, es findet sich im Taoismus, in der Philosophie asiatischer Kampftechniken wie Aikido und Jiu Jutsu. In der alten chinesischen Medizin wurde ein Arzt nach einem Jahr dafür bezahlt, dass sein Patient gesund geblieben war. Ist es ein Zufall, dass die chinesische Medizin die Körperenergien und ihre Störungen erforschte, die Einflussmöglichkeit der Akupunktur entdeckte und eine vorbeugende Medizin entwickelte?

Kybernetisches Denken lässt sich nicht für Machtinteressen, für partikulare Interessen eines Einzelnen oder ganzer Völker einsetzen. Es hat - deshalb? - z.B. in der Politik (Antiterrorkrieg der USA) noch keine große Verbreitung gefunden.
Wird der Weltfrieden vielleicht durch die "Achse der Guten" (Bush-Sharon) stärker bedroht als durch die Achse der Bösen?
Aber auch in der Schulmedizin und in unserem Gesundheitssystem werden systemische Grundsätze missachtet. Hat das auch etwas mit Macht zu tun?


Kybernetisches Denken und Medizin

Kybernetisches Denken in der Medizin bedeutet, Krankheit als Selbstheilungsversuch eines Systems zu verstehen und den Tod als ein ebenso natürliches Ereignis wie Geburt zu begreifen. Davon ist unsere Schulmedizin - vom linear-kausalen Denken bestimmt - meilenweit entfernt. Kein Wunder, dass Homöopathie, Akupunktur und andere "ganzheitliche" und "naturgemäße" Behandlungsmethoden, die ein anderes Denken vertreten, immer mehr Raum einnehmen.
Wohlgemerkt: es geht nicht um die Abschaffung des linear-kausalen Denkens, sondern um die Reintegration des systemisch-kybernetischen Denkens. Ein Blinddarmdurchbruch kann nicht homöopathisch, er muss chirurgisch behandelt werden!


Kybernetisches Denken und Gesundheitssystem

Unser Gesundheitssystem und damit die Existenz von uns Ärzten ist in der Krise.
Aus kybernetischer Sicht gibt es da Strukturen, welche eine Selbstregulation des Systems erschweren oder gar unmöglich machen.
Wenn Ärzte für die Untersuchung und Behandlung der Kranken kostspielige Apparate einsetzen, die ihnen selbst gehören, so muss das zu einer Kostensteigerung führen. Das eigene Interesse an der Amortisation der Geräte wirkt stärker als das Prinzip des sparsamen Haushaltens, zumal da die Wünsche der Kunden grenzenlos sind und durch unkritische Versprechungen immer weiter wachsen.

Die Möglichkeit, durch "Apparatemedizin" leichter Geld zu verdienen, als zum Beispiel durch ärztliche Untersuchung, ärztliches Gespräch, bewirkt zwangsläufig eine Schwerpunktverlagerung ärztlichen Handelns in Richtung einer immer differenzierteren und aufwendigeren Apparate-bezogenen Medizin. Zusätzlich spielt eine Rolle, dass es hier eine finanzstarke Lobby gibt, welche durch das Sponsern von Kongressen, von Forschung und Weiterbildung diese Entwicklung massiv unterstützt.

Als Psychiater habe ich gewisse Einblicke in die psychiatrische Forschung. Forschung braucht Geld und so ist es naheliegend, dass die Geldgeber - die Pharmaindustrie gerne einspringen. Dadurch wird jedoch die Forschungs-richtung bestimmt, die Ergebnisse der Forschung tendenziell beeinflusst. Psychotherapeutische Verfahren unterschiedlicher Art verfügen über keine Lobby, über kein Geld, sie geraten dadurch ins Abseits. Für die Erforschung der Wirksamkeit von Psychotherapie gibt es kein Geld, daher findet sie nicht, oder nur in eingeschränktem Maße statt.

Fortsetzung >>


<< zur Übersicht ]
nach oben ]

© Copyright 2006, Dr. Ernst Robert Langlotz.  Alle Rechte vorbehalten.