Inhalte dieses Newsletters:
der eigene seelische Raum
Ein 45-jähriger selbständiger Handwerker, ein grosser, kräftiger Mann aus de Oberland, gebeugt von seinem Leid, kommt zur Beratung. Nachdem seine Partnerin ihn verlassen hat, ist er depressiv, kann sich bei seiner Arbeit nicht konzentrieren, hat Suizidgedanken.
Er hatte von seiner Mutter körperliche und seelische Gewalt erfahren,und deshalb früh Distanz zu ihr gesucht. Es ging ihm gut. Als sie an Krebs erkrankte, nahm er wieder Kontakt zu ihr auf. Sie starb, ohne ihre Haltung zu ihm zu ändern. Aber er machte sich Vorwürfe, weil er sich mit ihr nicht mehr versöhnt hatte!
In der Aufstellung zeigte sich das bekannte Muster: die eigenen Selbstanteile standen buchstäblich hinter einem Paravent! Nur mit grosser Überwindung konnte er ihr sagen, wie sehr sie ihn verletzt hat. An ihrem Platz fühlte er sich besser als an seinem eigenen.
Es war offensichtlich, dass er sich „im seelischen Raum“ der Mutter befand, dass er ihr gegenüber einen eigenen seelischen Raum nicht hatte aufbauen können. Das wiederholte sich in seinen Beziehungen, verhinderte eine partnerschaftliche Beziehung und führte immer wieder zu Trennungen.
Das Lösen aus dieser symbiotischen Identifikation und das Zurückgeben des Steines fielen ihm sehr schwer, aber angesichts seiner grossen Not konnte er sich dazu entscheiden.
Offensichtlich hatte er seiner Mutter und ihren Problemen seinen ganzen Raum, seine Aufmerksamkeit, seine Energie gegeben, sodass ihm für sich selbst nichts übrig blieb. Es war sehr berührend, wie das Zurückhauchen der „Selbst-Energie“ ihn veränderte. Er kam buchstäblich zu sich, und hatte nun auch das Bedürfnis, sich mit seinen Selbst-Anteilen zu verbinden. Es war eindrucksvoll, wie seine Zerrissenheit sichtbar geheilt wurde.
Um diese Selbst-Verbundenheit aufrecht zu erhalten, musste er nun seinen eigenen geschützen Raum gegenüber der Mutter schaffen, musste seine Grenze ihr gegenüber schützen. Hier spürte er das bekannte „verinnerlichte Abgrenzungsverbot“. In mehreren Anläufen „erlaubte er sich“, immer besser seine Grenze zu schützen, unterstützt von einem Krafttier, einem Bären.
Und zum ersten Mal sah ich ihn lachen, seine Augen strahlten.
Statt der Mutter konnte er seinen seelischen Raum, seine Aufmerksamkeit, seine Energie seinem eigenen Selbst zuwenden. Statt seine Aggression gegen sich zu wenden, konnte er sich mit ihr verbinden und sie konstruktiv für seine Abgrenzung einsetzen.
Ostern anders:
die Verletzten erheben ihre Stimme
Die jüngst bekannt gewordenen, lange vertuschten Fälle von Gewalt und sexuellem Übergriff in katholischen Einrichtungen machen schmerzhaft den tiefen Wiederspruch innerhalb der römischen Kirche deutlich.
Jesus hatte das Sabath-Gebot gebrochen, er hatte mit der Sünderin gesprochen, er hatte die Händler aus dem Tempel verjagt. Er war ein Revolutionär, der die Freiheit predigte, er war auf erschreckende Weise „autonom“ – und wurde deswegen verfolgt und hingerichtet.
Aber die befreiende Liebe, die er predigte, wurde in den Untergrund verbannt, mehr geduldet als erwünscht.
Was ist das für eine „Liebe“, die dem gegenüber die römische Kirche – im Namen Jesu! - predigt, und durch jedes Kruzifix schon den Kindern in die Seele brennt:
Gott habe die Menschen so geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn opferte,
um ihre Schuld zu tilgen.
Macht diese Liebe frei, oder bindet sie nicht durch Gefühle von Schuld und Makel? Macht die Vorstellung von einer „Erbsünde“, die den Einzelnen von Geburt an für schuldig erklärt, ihn nicht abhängig von der Kirche und ihrem „Monopol“ der Erlösung.
Was für eine „Doppelte Moral“: einerseits werden Priester mit dem Amtsverlust „bestraft“, wenn sie ehrlich und offen zu einer Frau und einem Kind stehen, andrerseits können Priester im Amt bleiben, die ihr eheähnliches Verhältnis verheimlichen, oder gar Gewalt und sexuellen Übergriff mit Abhängigen praktiziert haben!
Die Verletzten und Gedemütigten erheben ihre Stimme!
Aber körperliche Gewalt und sexueller Übergriff sind ja nur die „Spitze des Eisbergs“!
Ist nicht die subtil und verschleiert ausgeübte seelische Gewalt viel gravierender, die Menschen durch Gehirnwäsche verformt und verbiegt, ihnen das Bewusstsein für ihre eigene Würde, ihren Selbst-Wert nimmt?
Seit Jahrtausenden wird Sexualität, Autonomie und Selbstbestimmung verteufelten und Kadavergehorsam (Ignatius: „gehorsam wie ein unbelebter Körper“) als höchste Tugend verklärt.
Könnte es sein, dass die Wirtschaftskrise das kritische Bewusstsein weckt, auch gegenüber anderen verschleierten Machtstrukturen?
Das wäre ein anderes Ostern!
Verschiebung Weiterbildung
Der Beginn beider Weiterbildungskurse verschiebt sich jeweils um einen Block. Der Grundkurs für Anfänger beginnt 24.-26.6.2010, der verkürzte Grundkurs für Erfahrene beginnt 8.-10.7 2010.
Supervision
Die nächste Supervision findet 14./15.Mai statt. Gelegenheit, um schwierige Fälle gemeinsam an zu schauen, um eigene Anliegen zu bearbeiten, eigene Erfahrungen auszutauschen. Notwendiges „Update“ für alle Therapeuten der „Liste“!
Ich wünsche uns allen mehr von diesem Ostern!
Euer
Robert Langlotz