Auf die Entzauberung des "Kleinen Prinzen" des vergangenen Newsletters bekam ich einige Reaktionen, eine sehr zustimmende findet ihr unter feedback auf der homepage. Übrigens hat der Theologe und Therapeut Drewermann 1988 in seiner Deutung des Kleinen Prinzen ebenfalls die Symbiose mit der Mutter gesehen.
SELBST UND SYMBIOSE
Die Einbeziehung des Selbst bei der Lösung der Symbiosemuster macht es möglich, DAS PHÄNOMEN
SYMBIOSE neu und tiefer zu verstehen, es sozusagen neu zu beschreiben und verschiedene Aspekte zu unterscheiden.
Wir alle wissen, daß Hellingers Vorgehensweise, die Generationen übergreifenden Verstrickungen z.B.
Identifikationen zu erkennnen und zu lösen, und dadurch die Achtung für die Eltern - und damit für
sich selbst - wieder zu erlangen, in vielen Fällen befreiend, heilend wirkt.
Wenn jedoch die Eltern selber schwerer belastet, traumatisiert sind,
wenn Kinder in ihrer Anpassungsstrategie an diese Eltern ihr eigenes Selbst verleugnen, abspalten,
wenn sie sich mehr mit den Eltern identifizieren, als mit sich selbst,
wenn sie dazu neigen, mit ihren Eltern symbiotisch zu verschmelzen,
dann können sie sich nicht gegen die Eltern abgrenzen, ihre Wut nicht konstruktiv einsetzen, ihren
"inneren Raum" nicht mehr schützen. Dann hat Groll und Vorwurf gegen die Eltern die Funktion einer
"verzweifelten Überabgrenzung", um zumindest eine "Pseudoautonomie" aufrecht erhalten zu können.
Die wünschenswerte Versöhnung mit den Eltern erfordert in diesen Fällen zunächst eine
"Versöhnung mit sich selbst", mit den verleugneten, abgespaltenen Selbstanteilen. Es erfordert eine
"Rehabilitation" der unterdrückten Aggression, der Fähigkeit, sich abzugrenzen, den inneren Raum
wieder zu schützen, auch und gerade gegenüber den eigenen Eltern!
Nach dieser "Versöhnung mit sich selbst" gelingt dann oft die Versöhnung mit den Eltern wie von selbst.
Der Philosoph, Maler und Schriftsteller Khalil Gibran hat den heilsamen Respekt der Eltern für den
"inneren Raum" ihrer Kinder sehr deutlich, für viele vielleicht erschreckend so formuliert:
"Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selbst. Sie kommen durch euch, doch
nicht von euch.
Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken, denn sie habe ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft.......nicht ihre Seele behausen, denn ihre Seele wohnt im Hause von Morgen, das ihr nicht zu
betreten vermöget, selbst nicht in ihren Träumen...."
Anscheinend "versetzen" sich viele Eltern in ihre Kinder, als seien sie dort zu hause, mehr als bei sich
selbst, als lebten sie das Leben ihres Kindes - anstatt das eigene. So als seien sie ihrem eigenen Selbst
entfernt und verwechselten ihr Kind mit ihrem Selbst. Sie halten das für Liebe und verstehen nicht,
wenn ihr Kind dadurch von seinem eigenen Selbst getrennt wird- oder in die Überabgrenzung geht.