das Verschmelzungsthema lässt mich nicht los.
Auf der Heimfahrt, nach einem sehr
erfüllenden und inspirierenden Seminar in Wien drängt es mich, meine Überlegungen zu
formulieren.
Inzwischen sehe ich Verschmelzung - maligne Symbiose - als Leitsymptom einer Störung der
Autonomie, die ich verstehe als
die Fähigkeit, sich selbst und die Wirklichkeit
wahrzunehmen, insbesondere eigene Gefühle und Bedürfnisse zu spüren und äußern zu können.
Die so verstandene Autonomie ermöglicht es, sich dem Gegenüber als der zu zeigen, der man ist.
Diese Authentizität ist es, die auf den anderen anziehend wirkt, eine Beziehung ermöglicht, in der man
sich frei fühlt, die Nähe und Distanz zum anderen selbst zu bestimmen; die Raum gibt für Veränderung,
Auseinandersetzung, Wachstum. In der auch eine Trennung mit Erhalt der Achtung für den anderen und für
sich selbst gelingen kann.
Diese Autonomie ist eine zentrale Steuerungsinstanz.
Sie ist nicht nur für die soziale Ebene, das Gelingen von Kontakt und die Erfahrung
von Liebe erforderlich, sie ist unentbehrlich für die
Selbstorganisation und Selbstregulation auf seelischer und
körperlicher Ebene. Sie vermittelt die Erfahrung von Identität, Orientierung,
Klarheit, Zielgerichtetheit, Handlungsfähigkeit, Selbstachtung und die Möglichkeit
von Mitgefühl.
Eltern, deren Autonomie und Kontaktfähigkeit sich nicht entwickeln konnte,
oder durch Trauma eingeschränkt wurde, können nicht immer die Autonomieentwicklung ihres
Kindes unterstützen. Um selbst ihre gefährdete Stabilität nicht zu verlieren, tendieren sie
dazu, die Autonomie und die Wahrnehmung des Kindes zu manipulieren, zu zerstören, so wie sie
es selbst erlebt haben. Und das Kind seinerseits passt sich, um die Zuwendung der Eltern
zu erhalten, an deren Wahrnehmung, Erwartungen und Kontaktmuster an, um zu überleben.
Wenn die eigene Steuerungsinstanz zur Orientierung fehlt, kann man sich nur noch
nach außen orientieren. Das wird beim Familienstellen deutlich durch den so häufigen Befund,
dass der Klient am Platz des Elternteils steht, sich dort besser auskennt, als bei sich,
als würde er die Welt und sich selbst durch die Augen der Eltern sehen, als wäre
er mit einem Elternteil verschmolzen.
Die damit verbundene Autonomiestörung
scheint die gemeinsame zentrale Ursache für so unterschiedliche Phänomene wie
Streß, unterdrückte Wut, Überanpassung, Orientierungs- und Identitätsstörungen, psychische
und körperliche Erkrankungen und sogar kriminelles, dissoziales Verhalten zu sein.
Ist es nicht so, dass alle psychotherapeutischen Methoden dieses zentrale
Problem mit unterschiedlicher Terminologie und verschiedenen Strategien angehen?
Meine Erfahrung ist, dass das "prozessorientierte" Familienstellen das
Verschmelzungs-Phänomen und die damit verbundene Autonomiestörung dem Klienten drastisch sichtbar
und damit bewusst machen und gleichzeitig durch die Verwendung archaischer Abschieds-
und Abgrenzungs-Rituale Lösungsmöglichkeiten aufzeigen kann.
Bereits das Konzept
macht den Betroffenen ihre eigene Situation verständlich, die sie selbst durch noch so
intensives Grübeln nicht wirklich verstehen, geschweige denn ändern konnten. Es ist so
erleichternd, eine bedrängende, verwirrende Situation, der man sich hilflos ausgeliefert fühlte,
benennen zu können und Lösungsstrategien kennenzulernen.
Noch selten ist mir so deutlich geworden,
wie sehr das Wort, die Sprache eine klärende, bannende und heilende Wirkung haben kann - deshalb auch
mein Versuch, die Zusammenhänge immer klarer, treffender zu beschreiben.
Die "Wiederentdeckung"
des Verschmelzungsthemas - ein alter persönlicher Bekannter übrigens - und das neue Verständnis
von Autonomie ist für mich selbst überraschend.
Ich war zunächst von Hellinger und
dem Familienstellen so fasziniert und begeistert, weil es generationenübergreifende Verstrickungen wie
zum Beispiel "Identifikationen" sichtbar machte und löste und so die einseitig auf den Klienten,
seine Biografie, sein EGO zentrierte Blickrichtung der meisten Psychotherapien überwand. Ich hoffte,
darin ein Gegenmittel gegen die meiner Meinung nach überbewertete Bedeutung des Individuums mit
den Begleiterscheinungen Egoismus, Beziehungsunfähigkeit, Ausbeuten von Menschen und Umwelt
zu finden.
Das neue Verständnis von Autonomie hat erhebliche Konsequenzen für meine
Vorgehensweise beim Familienstellen.
Inzwischen verstehe ich die so verbreitete
egozentrische "ohne-mich"-Haltung als Überabgrenzung, als Kompensationsversuch infolge
einer eigenen Verschmelzungstendenz bei Autonomiestörung.
Auch Hass und sogar Mordgedanken
gegen destruktive Eltern sehe ich als verzweifelten - wenn auch kontraproduktiven - Abgrenzungsversuch,
als letztes Relikt einer sehr beeinträchtigten Autonomie.
Bei Täter-Opferdynamik finde ich immer eine Verschmelzung und damit
eine Autonomie-Störung.
Diesen Abgrenzungsversuch des Klienten als Therapeut zu diffamieren,
moralisch abzuwerten, um eine "Versöhnung im Eilverfahren" zu erzwingen, erscheint mir
unprofessionell, schädlich und kritikwürdig.
Ein Familienaufsteller, der sich dazu
ermächtigt glaubt, diese ohnehin schon brüchige, aber überlebenswichtige
Abgrenzung des
Klienten gegenüber seinem destruktivem Elternteil zu brechen- "Du hast deinen
Vater verspielt" - traumatisiert ihn zusätzlich und riskiert eine suizidale oder
psychotische Dekompensation.
Hier ist die Kritik von außen berechtigt.
Hier muss eine interne kritische Auseinandersetzung in der "Aufstellerszene" dringend
gefordert und geleistet werden.
Das sind wir dem Familienstellen - und Hellinger -
gegenüber schuldig.
Es wäre sehr schade, wenn die Familiensteller selbst durch fehlende
kritische Auseinandersetzung und Handhabung mit dazu beitragen würden, daß diese wertvolle
Methode in Verruf gerät, als Außenseitermethode diffamiert wird, ihr Potential nicht
entfalten kann.
Dann hätten wir Familienaufsteller unsere Chance verspielt!
Wer anders als wir, die wir mit dem Familienstellen arbeiten, sind dazu fähig und berechtigt?
Ich möchte uns alle dazu auffordern und ermutigen, daß jeder an seinem Platz, mit seinen
Mitteln, dieses Ziel unterstützt.
Versöhnung bei Gewalterfahrung -
um zum Thema zurückzukommen - kann nicht im "Hau-Ruck-Verfahren" gelingen, erfordert einen
behutsam geleiteten Lösungs-"Prozeß".
Erst wenn die Verletzungen und die damit
verbundenen Gefühlsreaktionen des Klienten, z.B. auch Hass und Mordgedanken, in einem
Lösungs-Dialog benannt, ausgesprochen und als autonomer Abgrenzungsversuch geachtet
werden, kann die verletzte Autonomie "geheilt" werden, kann der Klient seine Selbstachtung und
Würde wiederfinden.
Jetzt ist meist noch das "Ankommen" beim Vater-Täter blockiert, durch
Angst - die eigene Kraft, sich zu wehren, ist als Trauma-Folge noch
eingefroren - und Schuldgefühle - weil der Klient den Vater gehasst und ihm den Tod
gewünscht hat.
Durch geeignete Übungen und Dialoge kann in vielen Fällen beides gelöst werden.
Der kurz zuvor noch verstörte und zerrissene Klient spürt jetzt selbst das Bedürfnis, von seinem
"Vater" (Stellvertreter) in den Arm genommen zu werden
Das ist authentische
Versöhnung, aus der wiedergewonnenen Autonomie des Klienten heraus, und sie wirkt
heilend.
Bisweilen - bei sehr destruktivem Elternteil, z.B. Mordversuch - ist folgender Satz
hilfreich:
"Vater, ich achte dich und das Leben, das ich durch dich habe, indem ich es vor
dir schütze".
Hier ist die Achtung verbunden mit der Möglichkeit, sich zu schützen.
Zum Schluss noch zwei Hinweise:
Seit längerer Zeit schon läuft der schwedische Film
wie im Himmel, er illustriert unser Thema auf sehr originelle
und berührende Weise.
Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, der
lange in USA und Europa gelebt hat, schildert in seinem Bestseller
Kafka am Strand unterhaltsam, klug - und sehr liebevoll! -
die ungewöhnliche Heilungs-Geschichte eines traumatisierten Jungen.
Er greift dabei auf archaische europäische und japanische Mythen und Märchen zurück.
Die unter euch, die meine Arbeit kennen, werden einige deja-vu - Erlebnisse haben!
Sonstige Infos
Einführungsabende:
jeden 1. und 3. Dienstag, 19.30 - 21.30 Uhr.
NEU AB JUNI: Beginn 20.00 Uhr!
Kollegialer
Austausch: Intervision, eigene Anliegen
jeden 2. Dienstag 19.30 - 21.30 Uhr.
NEU AB JUNI: Beginn 20.00 Uhr!
Bitte jeweils vorher anmelden und Schlappen bzw.
Socken nicht vergessen. (Teppichfußboden!)
Weiterbildungskurs
"Prozessorientiertes Familienstellen"
6 Blöcke a 3 Tage (Honorar 6 x 300,-- Euro)
Beginn: 22. - 24.06.2006.
Weitere Infos wie immer unter
www.e-r-langlotz.de.
Ich grüße Euch alle
und wünsche Euch einen wunderschönen Mai!