systemische selbstintegration MÜNCHEN
Newsletter Mai 2006
09.05.2006

Liebe Freunde!

das Verschmelzungsthema lässt mich nicht los.

Auf der Heimfahrt, nach einem sehr erfüllenden und inspirierenden Seminar in Wien drängt es mich, meine Überlegungen zu formulieren.
Inzwischen sehe ich Verschmelzung - maligne Symbiose - als Leitsymptom einer Störung der Autonomie, die ich verstehe als
die Fähigkeit, sich selbst und die Wirklichkeit wahrzunehmen, insbesondere eigene Gefühle und Bedürfnisse zu spüren und äußern zu können.

Die so verstandene Autonomie ermöglicht es, sich dem Gegenüber als der zu zeigen, der man ist. Diese Authentizität ist es, die auf den anderen anziehend wirkt, eine Beziehung ermöglicht, in der man sich frei fühlt, die Nähe und Distanz zum anderen selbst zu bestimmen; die Raum gibt für Veränderung, Auseinandersetzung, Wachstum. In der auch eine Trennung mit Erhalt der Achtung für den anderen und für sich selbst gelingen kann.
Diese Autonomie ist eine zentrale Steuerungsinstanz. Sie ist nicht nur für die soziale Ebene, das Gelingen von Kontakt und die Erfahrung von Liebe erforderlich, sie ist unentbehrlich für die Selbstorganisation und Selbstregulation auf seelischer und körperlicher Ebene. Sie vermittelt die Erfahrung von Identität, Orientierung, Klarheit, Zielgerichtetheit, Handlungsfähigkeit, Selbstachtung und die Möglichkeit von Mitgefühl.

Eltern, deren Autonomie und Kontaktfähigkeit sich nicht entwickeln konnte, oder durch Trauma eingeschränkt wurde, können nicht immer die Autonomieentwicklung ihres Kindes unterstützen. Um selbst ihre gefährdete Stabilität nicht zu verlieren, tendieren sie dazu, die Autonomie und die Wahrnehmung des Kindes zu manipulieren, zu zerstören, so wie sie es selbst erlebt haben. Und das Kind seinerseits passt sich, um die Zuwendung der Eltern zu erhalten, an deren Wahrnehmung, Erwartungen und Kontaktmuster an, um zu überleben.

Wenn die eigene Steuerungsinstanz zur Orientierung fehlt, kann man sich nur noch nach außen orientieren. Das wird beim Familienstellen deutlich durch den so häufigen Befund, dass der Klient am Platz des Elternteils steht, sich dort besser auskennt, als bei sich,
als würde er die Welt und sich selbst durch die Augen der Eltern sehen, als wäre er mit einem Elternteil verschmolzen.

Die damit verbundene Autonomiestörung scheint die gemeinsame zentrale Ursache für so unterschiedliche Phänomene wie Streß, unterdrückte Wut, Überanpassung, Orientierungs- und Identitätsstörungen, psychische und körperliche Erkrankungen und sogar kriminelles, dissoziales Verhalten zu sein.

Ist es nicht so, dass alle psychotherapeutischen Methoden dieses zentrale Problem mit unterschiedlicher Terminologie und verschiedenen Strategien angehen?

Meine Erfahrung ist, dass das "prozessorientierte" Familienstellen das Verschmelzungs-Phänomen und die damit verbundene Autonomiestörung dem Klienten drastisch sichtbar und damit bewusst machen und gleichzeitig durch die Verwendung archaischer Abschieds- und Abgrenzungs-Rituale Lösungsmöglichkeiten aufzeigen kann.
Bereits das Konzept macht den Betroffenen ihre eigene Situation verständlich, die sie selbst durch noch so intensives Grübeln nicht wirklich verstehen, geschweige denn ändern konnten. Es ist so erleichternd, eine bedrängende, verwirrende Situation, der man sich hilflos ausgeliefert fühlte, benennen zu können und Lösungsstrategien kennenzulernen.
Noch selten ist mir so deutlich geworden, wie sehr das Wort, die Sprache eine klärende, bannende und heilende Wirkung haben kann - deshalb auch mein Versuch, die Zusammenhänge immer klarer, treffender zu beschreiben.

Die "Wiederentdeckung" des Verschmelzungsthemas - ein alter persönlicher Bekannter übrigens - und das neue Verständnis von Autonomie ist für mich selbst überraschend.

Ich war zunächst von Hellinger und dem Familienstellen so fasziniert und begeistert, weil es generationenübergreifende Verstrickungen wie zum Beispiel "Identifikationen" sichtbar machte und löste und so die einseitig auf den Klienten, seine Biografie, sein EGO zentrierte Blickrichtung der meisten Psychotherapien überwand. Ich hoffte, darin ein Gegenmittel gegen die meiner Meinung nach überbewertete Bedeutung des Individuums mit den Begleiterscheinungen Egoismus, Beziehungsunfähigkeit, Ausbeuten von Menschen und Umwelt zu finden.

Das neue Verständnis von Autonomie hat erhebliche Konsequenzen für meine Vorgehensweise beim Familienstellen.

Inzwischen verstehe ich die so verbreitete egozentrische "ohne-mich"-Haltung als Überabgrenzung, als Kompensationsversuch infolge einer eigenen Verschmelzungstendenz bei Autonomiestörung.
Auch Hass und sogar Mordgedanken gegen destruktive Eltern sehe ich als verzweifelten - wenn auch kontraproduktiven - Abgrenzungsversuch, als letztes Relikt einer sehr beeinträchtigten Autonomie. Bei Täter-Opferdynamik finde ich immer eine Verschmelzung und damit eine Autonomie-Störung.

Diesen Abgrenzungsversuch des Klienten als Therapeut zu diffamieren, moralisch abzuwerten, um eine "Versöhnung im Eilverfahren" zu erzwingen, erscheint mir unprofessionell, schädlich und kritikwürdig.
Ein Familienaufsteller, der sich dazu ermächtigt glaubt, diese ohnehin schon brüchige, aber überlebenswichtige Abgrenzung des Klienten gegenüber seinem destruktivem Elternteil zu brechen- "Du hast deinen Vater verspielt" - traumatisiert ihn zusätzlich und riskiert eine suizidale oder psychotische Dekompensation.
Hier ist die Kritik von außen berechtigt.
Hier muss eine interne kritische Auseinandersetzung in der "Aufstellerszene" dringend gefordert und geleistet werden.
Das sind wir dem Familienstellen - und Hellinger - gegenüber schuldig.
Es wäre sehr schade, wenn die Familiensteller selbst durch fehlende kritische Auseinandersetzung und Handhabung mit dazu beitragen würden, daß diese wertvolle Methode in Verruf gerät, als Außenseitermethode diffamiert wird, ihr Potential nicht entfalten kann.
Dann hätten wir Familienaufsteller unsere Chance verspielt!
Wer anders als wir, die wir mit dem Familienstellen arbeiten, sind dazu fähig und berechtigt?
Ich möchte uns alle dazu auffordern und ermutigen, daß jeder an seinem Platz, mit seinen Mitteln, dieses Ziel unterstützt.

Versöhnung bei Gewalterfahrung - um zum Thema zurückzukommen - kann nicht im "Hau-Ruck-Verfahren" gelingen, erfordert einen behutsam geleiteten Lösungs-"Prozeß".
Erst wenn die Verletzungen und die damit verbundenen Gefühlsreaktionen des Klienten, z.B. auch Hass und Mordgedanken, in einem Lösungs-Dialog benannt, ausgesprochen und als autonomer Abgrenzungsversuch geachtet werden, kann die verletzte Autonomie "geheilt" werden, kann der Klient seine Selbstachtung und Würde wiederfinden.
Jetzt ist meist noch das "Ankommen" beim Vater-Täter blockiert, durch Angst - die eigene Kraft, sich zu wehren, ist als Trauma-Folge noch eingefroren - und Schuldgefühle - weil der Klient den Vater gehasst und ihm den Tod gewünscht hat.
Durch geeignete Übungen und Dialoge kann in vielen Fällen beides gelöst werden. Der kurz zuvor noch verstörte und zerrissene Klient spürt jetzt selbst das Bedürfnis, von seinem "Vater" (Stellvertreter) in den Arm genommen zu werden
Das ist authentische Versöhnung, aus der wiedergewonnenen Autonomie des Klienten heraus, und sie wirkt heilend.
Bisweilen - bei sehr destruktivem Elternteil, z.B. Mordversuch - ist folgender Satz hilfreich:
"Vater, ich achte dich und das Leben, das ich durch dich habe, indem ich es vor dir schütze".
Hier ist die Achtung verbunden mit der Möglichkeit, sich zu schützen.

Zum Schluss noch zwei Hinweise:
Seit längerer Zeit schon läuft der schwedische Film wie im Himmel, er illustriert unser Thema auf sehr originelle und berührende Weise.
Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, der lange in USA und Europa gelebt hat, schildert in seinem Bestseller Kafka am Strand unterhaltsam, klug - und sehr liebevoll! - die ungewöhnliche Heilungs-Geschichte eines traumatisierten Jungen. Er greift dabei auf archaische europäische und japanische Mythen und Märchen zurück. Die unter euch, die meine Arbeit kennen, werden einige deja-vu - Erlebnisse haben!


Sonstige Infos

Einführungsabende:  jeden 1. und 3. Dienstag, 19.30 - 21.30 Uhr.
NEU AB JUNI: Beginn 20.00 Uhr!

Kollegialer Austausch: Intervision, eigene Anliegen
jeden 2. Dienstag 19.30 - 21.30 Uhr.
NEU AB JUNI: Beginn 20.00 Uhr!
Bitte jeweils vorher anmelden und Schlappen bzw. Socken nicht vergessen. (Teppichfußboden!)

Weiterbildungskurs "Prozessorientiertes Familienstellen"
6 Blöcke a 3 Tage (Honorar 6 x 300,-- Euro)
Beginn: 22. - 24.06.2006.


Weitere Infos wie immer unter www.e-r-langlotz.de.

Ich grüße Euch alle
und wünsche Euch einen wunderschönen Mai!

Robert Langlotz




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