systemische selbstintegration MÜNCHEN

Fallbeispiel Autonomietraining Gerd (10.12.2011)


Gerd (Name geändert) hat beim ersten Autonomietraining im Juni 2011 teilgenommen.

Anliegen:  Probleme mit der Schule bzw. eine wissenschaftliche Facharbeit, nächtliches Computerspielen

Gerd ist 17 Jahre alt. Er mag die Schule nicht, betrachtet sie als
„Zeitverschwendung". Er hat das Gefühl, dass die Schule in sein Leben eingreift, auch in seinen privaten Bereich.

Er muss bald eine Facharbeit für ein wissenschaftliches Seminar abgeben - eine Pflicht, die ihm keinen Spass bereitet, die er nicht erfüllen mag, aber „muss".Er kann sich aber nicht dazu bringen, daran zu arbeiten - er befürchtet, er wird sie nicht rechtzeitig abgeben können.

In seiner Freizeit hat er früher gerne Musik gespielt, gemalt und gelesen; nun aber kann er sich auch seinen Hobbies nicht richtig zuwenden, da er „Schuldgefühle" bekommt, wenn er sich nicht mit der Facharbeit beschäftigt - er lässt so die Zeit ungenutzt und versäumt beides. Er lenkt sich ab durch stundenlanges nächtliches Computerspielen - meist aggressiven Inhalts.

Aufstellung

Gerd (G)

Repräsentant für Gerd´s Selbst (S) der Teil von ihm, der gerne malt und Musik macht;

Repräsentant für die Facharbeit (FA)

Trainer (Tr.)

Bei der Aufstellung stellt Gerd sein Selbst hinter die Facharbeit.

Tr.: Wie geht es der Facharbeit?

Facharbeit: Nervös! Ich kann nicht sehen, was hinter meinen Rücken ist.

S: Mir geht es hier nicht gut. Ich hab das Gefühl, hier werde ich nicht gesehen!

Es sucht sich einen anderen Platz, mit Blick auf Gerd und die Facharbeit.

Gerd: Ich weiss dass ich mein S habe, habe aber ständig die Facharbeit im Blick, sie ist omnipräsent! Ich fühle mich wie von der Facharbeit umzingelt. Ich habe ein Gefühl, dass die Schule diese Arbeit fordert, dass sie immer etwas von mir will!

Kein Raum für mein S.!

Tr: Es geht hier um Distanz zu der Facharbeit! Er legt ein Schal zwischen Gerd und der Facharbeit:

Die Facharbeit ist nicht ein Teil von Dir! Du bist vollständig, auch ohne die Facharbeit!

Prüfung des Platzes der Facharbeit

Gerd probiert den Platz Facharbeit, er fühlt sich vertraut an.

Tr: Kennst Du diesen Platz?

Gerd: Ja - an der Stelle habe ich nur die Facharbeit in Gedanken, sonst nichts.

„steigt" vom falschen Platz aus und sagt die folgenden vorgeschlagenen Sätze

„Du bist die wissenschaftliche Facharbeit und ich bin Gerd. Du bist Du und ich bin ich. Ich bin vollständig - auch ohne dich!"

Steinrückgaberitual

Mit diesem Ritual gibt Gerd symbolisch das an die Facharbeit zurück, was nicht zu ihm selber gehört, was er vielleicht übernommen hat, als gehöre es zu ihm.

Gerd empfindet den Stein als sehr schwer („mach-mach-mach", sehr anstrengend, „Spaßbremse"); er gibt der Facharbeit zurück, was der Facharbeit gehört; vor allem die Schwere so wie Vorstellungen, wie die Facharbeit auszusehen hätte, die nicht realisierbar sind.

Die Facharbeit kann den Stein gut tragen.

Gerd fühlt sich sehr erleichtert.

Selbstannäherung

Tr. stellt Gerd sein Selbst vor

Tr.: das ist der Teil von dir, der aktiv und fröhlich sein kann, z.B. wenn du malst, Musik machst. Das gehört eigentlich zu dir! Magst du Verbindung zu ihm?

Gerd: Wenn ich die Facharbeit ausblende, dann ist mein S super! Wenn ich aber die Facharbeit sehe, dann denke ich, wenn ich mit S bin, dann arbeite ich ja gar nicht mehr...

Tr: Das ist ja wie ein unbewusstes Verbot! So als wäre dein S gefährlich für das Schreiben der Facharbeit!

Dies Gefühl ist Ausdruck einer symbiotischen Verwirrung!

Wenn du dies unbewusste Verbot bewusst „übertrittst", dann geschieht statt der erwarteten Katastrophe die Befreiung! Die Verbindung mit deinem S gibt dir die Kraft, deine Facharbeit zu schreiben!

Wenn du  mit deinem S Verbunden bist, dann kannst Du beides: Freude haben an deiner Kreativität UND du kannst deine Pflicht erfüllen, d.h. deine Facharbeit schreiben!

Tr. Bringt Paravent und stellt es zwischen Gerd und die Facharbeit als äussere Grenze -„solange die innere Abgrenzung noch fehlt".

Selbstannäherung

Gerd verbindet sich mit seinem Selbst, indem er es herzlich umarmt.

Energierückgabe:

Tr.: Du hast der Facharbeit sehr viel Raum, Aufmerksamkeit und Energie gegeben. Die Facharbeit kann diese Energie nicht brauchen, aber wahrscheinlich fehlt sie dir? Möchtest du sie zurück, von deinem S?

Gerd nickt, sein S haucht ihm die Energie zurück.

Tr. stellt den Paravent weg, die Facharbeit und Gerd sehen sich an.

Tr.: Hat sich für dich etwas verändert?

Gerd: Ja, es ist jetzt besser. Die Facharbeit wirkt nicht mehr so bedrohlich auf mich.

Tr.: Es ist wichtig, dass du zwischen Gerd und Facharbeit unterscheiden kannst.

Gerd: Ja...(schmunzelt) Die Facharbeit hat eine ähnliche Brille wie ich, sie ist aber nicht Gerd!

T.: Du hast deinen eigenen Raum, und wenn da Gerd drauf steht, gehört da nur hinein, was auch Gerd ist - anscheinend ist der Raum besetzt von der Facharbeit! Dann wärst du so etwas wie eine „Mogelpackung"!

Gerd möchte natürlich keine Mogelpackung sein!

Tr.: Dann musst du das, was nicht Gerd ist, auf gesunde Distanz halten. Das heisst nicht, dass das falsch oder böse ist, es ist einfach nicht Gerd. Das ist eine Frage der geistigen Klarheit, der Psychohygiene!

Abgrenzungsritual

Gerd macht das Abgrenzungsritual zur Facharbeit und schiebt die Facharbeit entschlossen und mit Kraft aus seinem Raum weg.

Das tut ihm gut.

Auch sein S reagiert sehr positiv.

Gerd umarmt sein S, das er als „toll" und „super" bezeichnet.

Tr.: Du hast diese Kraft, deinen Raum, deine Grenze zu schützen. Aber ein unbewusstes Verbot hindert dich daran, diese Kraft für dich zu nützen. Diese nicht genützte Kraft staut sich an, wird destruktiv und richtet sich gegen dich selbst: Selbstzweifel, Frust, Stress.

Die fehlende Abgrenzung ist das Problem: wenn die Grenze und die „gesunde Distanz" zur Facharbeit fehlt, dann führt das zwangsläufig zu Überabgrenzung und „Null Bock"!

Wenn du in deiner Freizeit glücklich bist, dann schaffst Du auch deine Facharbeit!


Autonomiefragebogen:

25.5.2011:  - - - - -

14.11.2011: -------


Fallbeispiel Autonomietraining

Kommentar Autonomie-Fragebogen: Nach 5 Monaten zeigt sich eine deutliche Verbesserung der Werte, die „Autonomiefläche" ist deutlich grösser, runder, harmonischer geworden. Besonders eindrucksvoll die Verbesserung im Bereich Destruktion (F).

 

Rückmeldung von Gerd`s Vater: „Gerd konnte sich entspannter seiner Arbeit widmen und hat sie inzwischen abgeschlossen. G. spielt seit Wochen nicht mehr am pc (die Spiele hatten alle einen aggressiven Charakter!), er sagt selbst, dass ihn das nicht mehr interessiere und er froh sei, dass er es nicht mehr mache. Er sucht viel Kontakt zu Gleichaltrigen, vor allem Mädchen, und genießt das sehr. Kürzlich habe er geäussert, er habe sich noch nie so gut gefühlt wie jetzt! Dieser Zusammenhang zwischen der positiven Autonomieentwicklung im Diagramm und dem Abschied vom destruktiven Computerspiel erscheint mir sehr aufschlussreich. Und er hat ein Berufsziel: er erwägt, Psychologie zu studieren!"

Kommentar LZ: Dies Beispiel zeigt sehr eindrücklich die Dynamik eines jugendlichen burnout:

Nach Gerds Erleben dringt die Schule in sein Leben ein. Die Aufstellung macht ihm sein „unbewusstes Abgrenzungsverbot" bewusst, das ihn daran hinderte, der Schule gegenüber eine „gesunde Distanz" aufzubauen.

Diese fehlende „gesunde Distanz" gegenüber der wissenschaftlichen Arbeit hat - als Kompensationsversuch - eine Überabgrenzung ausgelöst. Damit ist jedoch eine Distanzierung zum „freien Selbst" verbunden, zu den Dingen, die G. Freude machen, sein Selbstbild und seinen Selbstwert stabilisieren. So gerät er in das schreckliche Dilemma, sowohl seine schulische Ausbildung zu versäumen, als auch das zu verpassen, was sein Leben lebenswert macht.

Bisweilen finden die Betroffenen keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Sie geraten in einen Teufelskreis, der Frust steigt.

Viele Betroffenen


So geraten sie nur noch tiefer in die Sackgasse, beschleunigen den Teufelskreis. Schliesslich werden sie vielleicht noch suizidal.

Das Fallbeispiel Gerd zeigt eindrucksvoll, dass er mit Hilfe des Autonomietrainings aus dieser Sackgasse herauskommen konnte! Zentral ist dabei das Bewusstmachen und Lösen des Abgrenzungsverbotes!






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